Zum Hauptinhalt springen

Krankenversicherung nur noch bei schwerer Krankheit?

Die Krankenversicherung soll nur noch bei schwerer Krankheit und Verletzung einspringen, sagt Visana-Präsident Albrecht Rychen. Eine gute Idee zum falschen Zeitpunkt, meinen die Experten im Gesundheitswesen.

Kleinere Blessuren sollen durch den Patienten bezahlt werden. So sieht es das Modell der Grossrisiko-Versicherung vor.
Kleinere Blessuren sollen durch den Patienten bezahlt werden. So sieht es das Modell der Grossrisiko-Versicherung vor.
Keystone

Die ersten 4000 Franken der jährlich anfallenden Gesundheitskosten sollen Schweizer Familien selber berappen. Erst dann soll die Krankenkasse einspringen. Diesen provokativen Vorschlag machte gestern Visana-Präsident Albrecht Rychen in einem Interview mit dieser Zeitung. Die aufgegleisten Sparmassnahmen im Gesundheitswesen seien nicht ausreichend. Es brauche drastischere Massnahmen wie eine GrossrisikoVersicherung, die nur bei schwerer Krankheit oder Verletzung einspringt, so Rychen weiter. Er plädiert für eine obligatorische Franchise, die sich nach dem Einkommen des Versicherten bemisst. Unausgereifter VorschlagDer Berner Gesundheitsökonom Heinz Locher begrüsst die Idee Rychens. «Jeder Vorschlag, der die laufende Kostenentwicklung im Gesundheitswesen grundsätzlich betrachtet statt nur hier und da ein bisschen zu schräubeln, ist zu begrüssen», sagt er. In diesem Sinne sei Rychens Vorschlag ein guter Diskussionsbeitrag. Es sei indes verfrüht, um den Vorschlag auf seine Tauglichkeit hin überprüfen zu können, erklärt Locher weiter. «Dafür muss Herr Rychen erst einmal konkret werden und versicherungsmathematisch aufzeigen, was sein Vorschlag in Franken gerechnet bedeuten würde: Wie gross wäre beispielsweise die Prämienreduktion?» Ähnlich sieht es der Krankenkassenverband Santésuisse: «Die Idee, die Krankenversicherung wieder zu dem zu machen, was sie ursprünglich einmal war – eine gute Versorgung in Notsituationen und kein Selbstbedienungsladen –, diese Idee unterstützen wir», sagt Sprecher Felix Schneuwly. Doch Rychens Anregung sei noch «unkonkret und unausgegoren». Darauf lasse sich nicht aufbauen. Wer nur mit Schlagworten fechte, laufe Gefahr, bei der politischen Diskussion in der Luft zerrissen zu werden. Parlamentarier winken abSchneuwlys Bedenken scheinen sich zu bewahrheiten. Bei Gesundheitspolitikern fällt der Vorschlag Rychens jedenfalls klar durch. Die Idee einer Grossrisiko-Versicherung sei in der Vergangenheit mehrmals aufgekommen, jedoch nie weiter verfolgt worden, rufen die Experten in Erinnerung. Und das mit gutem Grund. «Die Einführung einer Grossrisiko-Versicherung würde eine Umkrempelung des Systems bedingen und eine grundlegende Gesetzesrevision nötig machen», erklärt Pierre Triponez (FDP, BE), Mitglied der nationalrätlichen Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK). Die Umsetzung sei darum – «wenn überhaupt» – erst in Jahren zu bewerkstelligen. Derzeit habe die Politik der kleinen, machbaren Schritte aber klar Vorrang. «Und an derartigen Ideen herrscht ja wahrlich kein Mangel.» Die Berner SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga stösst ins selbe Horn. So krank das heutige System auch sei, so gut sei es in seinen Grundstrukturen. Es gehe nicht an, «diese wichtige Errungenschaft» leichtfertig über Bord zu werfen. «Wir sollten unsere Kräfte jetzt darauf konzentrieren, das geltende System zu kurieren, anstatt ein neues ins Auge zu fassen, dessen Folgen noch überhaupt nicht absehbar sind.» Klar sei beim Vorschlag von Albrecht Rychen bislang vor allem eines, «nämlich, dass ihm eine Entsolidarisierung von Gesunden und Kranken zu Grunde liegt». Es bleiben offene FragenDie von Rychen formulierte Sparmassnahme lässt für die von dieser Zeitung befragten Experten einige Fragen offen: Wie soll diese Versicherung aussehen? Wie definiert man ein Grossrisiko? Wie soll die einkommensabhängige Abstufung der obligatorischen Franchise bemessen werden? Muss der Patient dafür seine Steuererklärung der Krankenkasse zustellen? Gesundheitsökonom Heinz Locher tut sich darum schwer mit einer generellen Einschätzung. Immerhin scheint für ihn klar, dass eine Grossrisiko-Versicherung «zur Abschaffung des heute geltenden Obligatoriums führen würde», weil eine risikogerechte Prämie für eine Grossrisiko-Versicherug sehr niedrig ausfallen müsste.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch