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«Kulturelle Bedenken»: Bundesbeamte fürchten Ostschweiz

Morgen startet der Umzug des Bundesverwaltungsgerichts von Bern nach St. Gallen. Doch nur die Hälfte aller Mitarbeiter ist bereit, die Koffer zu packen.

Diese Aussicht freut nicht alle Mitarbeiter des Bundesverwaltungsgerichts: Blick auf die verschneite Altstadt von St. Gallen. (17. Februar 2005)
Diese Aussicht freut nicht alle Mitarbeiter des Bundesverwaltungsgerichts: Blick auf die verschneite Altstadt von St. Gallen. (17. Februar 2005)
Keystone

Morgen übergibt der Kanton St. Gallen dem Bund die Schlüssel für das neue Bundesverwaltungsgericht. Nach dreieinhalb Jahren Bauzeit wird das grösste Schweizer Gericht im Westen der Stadt St. Gallen die neuen Büroräume beziehen.

Der Umzug des Bundesverwaltungsgerichts von Bern und Zollikofen BE in die Ostschweiz erfolgt Schritt für Schritt in der ersten Hälfte des Jahrs 2012. Am 28. April ist die Bevölkerung zu einem Tag der offenen Tür geladen. Anfang Juli wird mit dem Betrieb gestartet.

Harter Wettbewerb mit Freiburg

Gebaut wurde das Gebäude mit dem markanten 40 Meter hohen Turm durch den Kanton St. Gallen. Er wird es dem Bund während 50 Jahren vermieten und danach übergeben. Die Kosten inklusive Landkauf belaufen sich auf rund 100 Millionen Franken.

Im Jahr 2002 hatten der Ständerat und der Nationalrat entschieden, das Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen anzusiedeln. St. Gallen stand davor lange Zeit in einem harten Wettbewerb mit Freiburg. Mit rund 75 Richterinnen und Richtern sowie rund 320 Mitarbeitenden ist das Bundesverwaltungsgericht das grösste Gericht der Schweiz.

Chance für Ostschweizer

Nicht alle 400 Mitarbeitenden machen den Umzug mit. Der Standortwechsel des grössten Schweizer Gerichts führt zu einem grösseren Personalwechsel - eine Chance für Ostschweizer Juristinnen und Juristen.

75 Richterinnen und Richter zählt das Bundesverwaltungsgericht. Der Grossteil von ihnen zieht nach St. Gallen, das steht ein halbes Jahr vor dem Startschuss am neuen Standort bereits fest. Wieviele der rund 400 Mitarbeitenden ihren Wohnsitz in die Ostschweiz verlegen, ist noch ungewiss.

Kulturelle Bedenken

Bei der Fluktuationsrate innerhalb des Bundesverwaltungsgericht ist der Wechsel nach St. Gallen spürbar. Eine Befragung des Personals vom Frühling 2011 habe ergeben, dass über 50 Prozent der Mitarbeitenden mit dem Gericht nach St. Gallen ziehen, sagt Joanne Siegenthaler, stellvertretende Kommunikationsverantwortliche des Bundesverwaltungsgericht, auf Anfrage der sda.

Rund 35 Prozent des Personals will von ihrem Wohnort nach St. Gallen pendeln. Der Rest habe sich noch nicht entschieden. «Trotz kultureller Bedenken wird der Umzug nach St. Gallen von Westschweizer Mitarbeitern als Chance gesehen, die eigenen Kinder zweisprachig zu erziehen», sagt Siegenthaler.

Die Kürzung des Umzugskredits um knapp 2 Millionen Franken durch das Parlament wirke sich aber bestimmt nicht positiv auf den Entscheid, nach St. Gallen zu ziehen, aus. Es werden gewisse Rekrutierungsprobleme eingeräumt. Der Bund suche nun gezielt Personal in der Ostschweiz.

Vorurteile gegen Ostschweiz abbauen

Dazu kommen spezielle Anreize für das Personal. Telearbeit von zuhause wird gefördert und Pendler, die im Zug arbeiten, erhalten eine Reisezeiterleichterung. Es sind Arbeitsmarktzulagen vorgesehen. Mit Partnern vor Ort soll am Bundesverwaltungsgericht zudem eine Kinderkrippe betrieben werden, sagt Siegenthaler.

In der Ostschweiz wird versucht, Vorurteilen gegenüber dem eigenen Landesteil abzubauen: 2010 wurde beim Amt für Wirtschaft des Kantons St. Gallen ein Support-Desk eingerichtet. Die Kosten teilen sich die Stadt St. Gallen und der Kanton St. Gallen, der Kanton Thurgau, die beiden Appenzeller Halbkantone und das Bundesverwaltungsgericht.

An mehreren Veranstaltungen informierten Vertreter der Kantone das Gerichtspersonal über die Vorzüge und Eigenheiten der Ostschweiz, sagt Jürg Rohrer von der kantonalen Standortförderung. Aktiv umworben würden die Mitarbeitenden des Bundesverwaltungsgerichts aber nicht. Im Zentrum standen vor allem Fragen zum Wohnen, Steuern und Schulen.

Kein Exodus bei St. Galler Gerichten

Der Wechsel des Bundesverwaltungsgericht nach St. Gallen eröffnet auch Juristinnen und Juristen aus der Ostschweiz die Chance, ans grösste Gericht der Schweiz zu wechseln. Die St. Gallischen Gerichte sehen dem Umzug des Bundesverwaltungsgerichts aber gelassen entgegen.

Es sei nicht anzunehmen, dass die Vakanzen am Bundesverwaltungsgericht zu einem Exodus in der St. Galler Justiz führen werden, sagt Michael Balmelli, Generalsekretär des St. Galler Kantonsgerichts. Das Bundesverwaltungsgericht befasse sich mit zum Teil hochspezialisierten Fachthemen; da seien Mitarbeitende der Verwaltungsjustiz oder der kantonalen Rechtsdienste eher qualifiziert.

«Wir betrachten das Bundesverwaltungsgericht nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung des Stellenangebots», sagt Balmelli. Es gebe heute schon einige Ostschweizerinnen und Ostschweizer, welche im Hinblick auf den Umzug nach St. Gallen ihre Stelle vorübergehend in Bern angetreten hätten.

SDA/kle

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