Lausannes Probleme mit den Strassendealern

Die Hauptstadt des Kantons Waadt liegt mit ihrer Drogenpolitik Jahrzehnte hinter jener in Zürich und Bern zurück.

Frustrierte Polizei: Beamte kontrollieren in Lausanne Passanten wegen möglichen Drogenbesitzes. (1. Juni 2018)

Frustrierte Polizei: Beamte kontrollieren in Lausanne Passanten wegen möglichen Drogenbesitzes. (1. Juni 2018)

(Bild: Keystone Jean-Christophe Bott)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Der Drogenhandel in Lausannes Strassen und die in der Innenstadt konzentrierte Drogenszene zermürben breite Kreise. Die Polizei ist frustriert, weil sie mit ausschliesslich repressiven Mitteln den Drogenhändlern den Garaus machen soll. Führen Polizisten Händler der Staatsanwaltschaft zu, erhalten diese oft bloss eine Geldbusse. Ein Grund ist: Im Kanton gibt es insgesamt zu wenig Gefängnisplätze. Die Hälfte der verfügbaren Plätze besetzen Drogendealer.

Auch die Bevölkerung ist frustriert und fühlt sich unsicher, weil Drogenhändler Strassen und Plätze besetzen und selbst Schulen nicht meiden. Drogenhändler bieten Passanten häufig Drogen an, Süchtige bitten fast rund um die Uhr um Geld. Zwar gibt es seit letztem Sommer ein von der Stadt betriebenes Fixerstübli. Die Süchtigen verlassen das Stadtzentrum dennoch kaum. Eine private, vom Kanton finanzierte Stiftung versorgt sie im Zentrum nach wie vor mit frischen Spritzen.

Selbst die Süchtigen sind mit der Situation unzufrieden. Bedrängen Polizisten ihre Händler, ist es schwieriger, an Rauschgift zu kommen.

Filmer sorgt für Eklat

Die Anzahl Strassendealer nimmt derweil seit Jahren ständig zu. 1998 registrierte die Stadt 20 bis 30 Drogenverkäufer, 2015 waren es 80, doch 2017 bereits 200 Dealer. Um die Polizei in ihrem Engagement zu unterstützen, lancierte die FDP Lausanne vor rund einem Jahr eine Motion und begann, Unterschriften zu sammeln. Innert drei Monaten hatten das Anliegen 7000 Personen unterschrieben.

Dokumentarfilmer Fernand Melgar sorgte im Sommer 2018 schliesslich für einen Eklat. Er kritisierte in einem Zeitungsartikel zunächst die «Untätigkeit der Behörden» und prangerte danach auf seiner Facebook-Seite öffentlich Dealer an, ohne deren Gesichter unkenntlich zu machen. Melgar provozierte eine heftige öffentliche Debatte.

Schon im März 2018 hatte der für die Sicherheit zuständige Stadtrat Pierre-Antoine Hildbrand (FDP) die Probleme erkannt. Er beauftragte das kriminologische Institut der Universität Lausanne, die Drogenpolitik der Stadt mit jener in Zürich und Bern zu vergleichen. Nun liegt die Studie vor. Gemäss dem Papier weist die Lausanner Drogenpolitik einen jahrzehntelangen Rückstand auf.

Das hat auch historische Gründe. Zürich und Bern gingen die Probleme nach dem Trauma und der Auflösung ihrer offenen Drogenszenen umfassend an. Sie erlauben heute gar sogenannte Mikrodeals in genau definierten Zonen. Diese beschränken sich primär auf Kontakt- und Anlaufstellen, in denen sich Drogensüchtige aufhalten.

«Polizei allein kann das Problem nicht lösen»

Lausanne kennt dies nicht. Die Stadt besitzt heute zwar ein Fixerstübli. Sie hat aber nur schon Probleme damit, die Süchtigen ins Stübli zu bringen. Mikrodeals hat die Stadtregierung bislang nicht toleriert. Auch darum verteilt sich der Drogenhandel in der ganzen Stadt. Hildbrand betont: «Wir haben die Polizeipräsenz vor Monaten massiv verstärkt. Es sind heute wenige Händler in den Strassen. Die Probleme des Konsums löst das aber nicht.»

Während Lausanne das Drogenproblem heute mit repressiven Mitteln bekämpft, arbeiten in Zürich und Bern Polizisten mit Sozialarbeitern Hand in Hand. Sozialarbeiter fokussieren in ihrer Arbeit auch auf das Verhalten der Drogenkonsumenten und kümmern sich um Wohnräume für sie. «Strassenarbeiter» intervenieren mitunter, wenn Bürger sich über unangemessenes Verhalten von Drogensüchtigen beklagen.

Hildbrand sagt, die Studie bestätige seinen Eindruck, dass Lausanne seine Drogenpolitik neu überdenken, Kompromisse finden und die Zusammenarbeit zwischen Sicherheits- und Sozialbehörden forcieren müsse. «Die Polizei alleine kann die Drogenprobleme nicht lösen», so Hildbrand.

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