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Andermatt: Experten hatten vor Gleitschneelawinen gewarnt

In Andermatt wurden sechs Wintersportler auf einer Piste von einer Lawine mitgerissen. Nun untersucht die Kantonspolizei Uri den Niedergang.

Glück im Unglück: Alle sechs Wintersportler, die in die Lawine geraten waren, konnten gerettet werden. (Video: Leserreporter 20 Minuten/Tamedia)

Am Stephanstag um 8 Uhr morgens hat das Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos wie immer eine aktualisierte Fassung ihres Lawinenbulletins verschickt – und darin vor sogenannten Gleitschneelawinen gewarnt. Sie sind unberechenbar: Sie können jederzeit niedergehen, und meist tun sie es spontan. Es gibt nur einen Hinweis darauf, dass sie sich bald lösen: wenn sich die sogenannten Fischmäuler – Zugrisse quer durch die Schneedecke – schneller zu öffnen beginnen. Das ist aber von blossem Auge nicht zu sehen.

Keine drei Stunden später ging bei Andermatt genau eine solche Gleitschneelawine auf eine Piste nieder und riss sechs Wintersportler mit sich. Sie konnten alle geborgen werden, zwei wurden leicht verletzt ins Spital geflogen. Sie konnten es mittlerweile wieder verlassen. Im Skigebiet hatte an diesem Tag gemäss Lawinenbulletin erhebliche Lawinengefahr geherrscht.

Nun versucht die Kantonspolizei Uri die Ursache des Niedergangs zu klären. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten: Die Lawine ging entweder von alleine nieder oder sie wurde von einem Menschen losgetreten. Dabei muss sich nicht zwingend ein Wintersportler im Lawinengebiet bewegt haben – es kann sie auch jemand ausserhalb der sogenannten Anrissfläche aus der Ferne ausgelöst haben.

Kaum zu sprengen

Wenn es sich aber tatsächlich um eine Gleitschneelawine handelt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sie spontan losging. «Solche Lawinen können kaum gesprengt oder durch Personen ausgelöst werden», sagt Célia Lucas, Lawinenwarnerin des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung. Sicherheitsdienste hätten wiederholt versucht, solche wegzusprengen, meist erfolglos.

Célia Lucas und ihre Arbeitskollegen haben sich das Video angeschaut, das ein Wintersportler aus einer Gondel heraus von der Lawine aufgenommen hat. Das Bildmaterial, aber auch die Topografie und das Wetter sprechen dafür, dass es eine Gleitschneelawine war. Solche bilden sich, wenn der Boden relativ warm ist und es so viel schneit, dass sich eine mächtige Schneedecke bildet. Diese wird vom Boden angewärmt, sodass der untere Teil zu schmelzen beginnt. Bereits eine milde Neigung von 15 Prozent genügt, damit die Schneemassen ins Rutschen geraten und ins Tal donnern.

Lawinengefahr bleibt bestehen

Das Gebiet beim Oberalppass ist mit einer Neigung von über 30 Prozent aber viel steiler – und es ist ein gut besonnter Südhang. Er ist beim Einschneien entsprechend wärmer als ein Nordhang, was Gleitschneelawinen begünstigt. Dieses Jahr war der Sommer sehr warm, der Herbst mild, und entsprechend gingen in den vergangenen Wochen an vielen Orten bereits kleine und mittlere Gleitschneelawinen nieder – wenn auch keine auf eine Skipiste. Die Zahl der Niedergänge bewegt sich aber im Rahmen früherer Jahre.

Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung kann Wintersportlern nur eines raten: Hänge mit Fischmäulern wenn immer möglich zu meiden oder sie sonst zügig zu durchqueren. Das gilt insbesondere auch in den kommenden Tagen: Sie sind für die Jahreszeit mild, ja fast warm, was das Lawinenrisiko weiter steigen lässt. «Die Gefahr von Gleitschneelawinen bleibt auch in den nächsten Tagen bestehen», sagt Célia Lucas.

Piste bleibt geschlossen

Die Polizei geht nun zwei Fragen nach, wie Reto Pfister von der Kantonspolizei Uri sagt. Weshalb ging die Lawine nieder? Und haben die Bergbahnen, die Skiarena Andermatt-Sedrun, richtig gehandelt, als sie die Piste freigaben? Anders als die anderen Pisten war die verschüttete am Stephanstag zum ersten Mal in dieser Saison freigegeben worden. Vorgängig haben die Bergbahnen den Zustand der Piste nach einer Checkliste beurteilt.

Laut Pfister werden die Abklärungen mehrere Tage, vielleicht auch Wochen dauern. Die Frage, ob es richtig sei, eine Piste durch dieses Gebiet zu führen, müssten die Bergbahnen beantworten. Aber: «Die absolute Sicherheit gibt es nie in den Bergen. Die Natur folgt keinen Computermodellen.»

Die Piste ist Teil des neuen Skigebiets, das Andermatt mit Sedrun verbindet. Die Bergbahnen arbeiten zurzeit an einer Risikobeurteilung aller Pisten. Die verschüttete Piste bleibt vorderhand geschlossen.

Samih Sawiris weilt derzeit in Südamerika und will sich nicht zum Lawinenunglück in Andermatt äussern. Sein Sprecher in der Schweiz sagt, dass sich Sawiris laufend über die Entwicklung der Ereignisse habe informieren lassen.

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