Linke Politiker erweisen der Umwelt einen Bärendienst

Dieselautos zu verteufeln, ist ökologisch gesehen widersinnig. Doch genau dies machen der grüne VCS und linke Politiker. Sie fordern Dieselverbote. Ohne die sparsamen Dieselautos werden die CO2-Ziele im Strassenverkehr zur Utopie. Eine Analyse.

Abgasmessung bei einem Dieselauto.

Abgasmessung bei einem Dieselauto. Bild: Keystone

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Deutsche Autobauer haben mit dem Dieselabgasschwindel alle hinters Licht geführt: Öffentlichkeit, Behörden, Autokäufer, ihre eigenen Ländervertretungen. Die Konzerne haben die Autos frisiert, sodass sie auf dem Prüfstand der Zulassungsbehörden viel weniger giftige Stickoxide ausstiessen als auf der Strasse. Dafür gehören die Verantwortlichen hart bestraft.

Der grüne Verkehrsverband VCS glaubt nun, noch einen zweiten Sündenbock gefunden zu haben: den Dieselmotor. Eskortiert von grünen Politikern, nimmt er den Skandal zum Anlass, ganz allgemein Stimmung gegen Dieselautos zu machen. VCS-Präsidentin Evi Allemann stellt die Fahrzeuge als Dreckschleudern dar, deren Verkauf man verbieten müsse, «zumindest» bis die Hersteller das Abgasproblem gelöst haben.

Der VCS versucht Automobilisten auch den Kauf von Dieselfahrzeugen auszutreiben, indem er in Städten Verbote für Dieselfahrzeuge fordert. Allemann hat im Parlament einen entsprechenden Vorstoss eingereicht. Ähnlich liess sich die grüne Ex-Nationalrätin Aline Trede jüngst im «Blick» zitieren. Sie fordert «ein sofortiges Dieselverbot». Ein offenbar erfolgreicher Rufmord: Die Verkäufe der Dieselautos sanken im Juli um satte 12 Prozent.

10 Prozent CO2 sparen dank Dieselautos

Nur: Nüchtern betrachtet schaden die Grünen mit der Hexenjagd auf den Dieselmotor der Umwelt wohl mehr, als sie ihr helfen. Denn der Grossteil jener, die wegen angedrohter Verbote auf ein Dieselauto verzichten, kaufen stattdessen einen Benziner. Dabei schneiden Dieselautos bei gleicher Leistung in Sachen CO2 signifikant besser ab. Und: Sie können dank moderner Technik ebenso sauber sein wie Benziner, auch ganz ohne Tricks.

Konkret: Ein durchschnittlicher Mittelklassewagen mit Dieselmotor braucht, in Litern gemessen, etwa 20 Prozent weniger Treibstoff pro Kilometer, als das gleiche Fahrzeug mit einem Benzinmotor brauchen würde. Daraus ergibt sich beim Diesel ein rund 10 Prozent tieferer CO2 als beim vergleichbaren Benziner.

«Der Dieselmotor stösst 10 Prozent weniger CO2 aus.»Empa-Experte Patrik Soltic

Diese Zahlen stammen nicht etwa aus der PR-Abteilung eines Autokonzerns, sondern von Patrik Soltic, Spezialist in der ­Abteilung Motorenforschung der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa. Laut Soltic ist erwiesen, dass Dieselmotoren sparsamer sind.

«Neue Diesel sind ebenso sauber wie Benziner»

Das hindert den VCS nicht, den Dieselmotor zu verteufeln. Sein Argument gegen den Diesel: Der Abgasskandal der deutschen Autobauer habe gezeigt, dass viele Dieselfahrzeuge viel mehr Stickoxide ausstossen als erlaubt. Stickoxide sind giftige Gase, die Atemwegserkrankungen und Krebs verursachen und auch Pflanzen schädigen können. Solche Schadstoffe gilt es mit allen Mitteln zu verhindern.

Doch die grünen Dieselkritiker meinen den Esel und hauen den Sack: Sie wollen die sündigen Autobauer in die Zange nehmen, indem sie den Dieselmotor in Verruf bringen.

Denn das Stickoxidproblem des Diesels für alle künftigen Automodelle ist gelöst. Empa-Experte Soltic hält fest: «Der Dieselmotor kann ebenso sauber sein wie der Benzinmotor.» Der Grund, warum die Dieselmotoren so hohe Stickoxidwerte hatten, sei die schlechte Gesetzgebung der EU gewesen.

Bereits per 1. September dieses Jahres, also in drei Wochen, wird nun aber für neue Fahrzeugmodelle ein ex­trem viel strengeres Abgasprüfungsverfahren eingeführt: Die Stickoxidwerte werden nicht mehr bloss auf dem Prüfstand, sondern im realen Betrieb auf der Strasse gemessen. «Es ist eigenartig, dass die Diskussion um Dieselverbote ausgerechnet jetzt kommt, da das Problem für neue Fahrzeuge, welche kurz vor der Einführung stehen, gelöst ist», sagt Empa-Experte Soltic.

«Dieselmotoren können ebenso sauber sein wie Benzinmotoren.»Empa-Experte Patrik Soltic

Die Verbannung der Dieselautos wäre fatal. In Deutschland warnt sogar Winfried Kretsch­mann, prominenter grüner Politiker und Ministerpräsident von Baden-Württemberg, vor den Folgen von Dieselverboten: «Bei einem Rückgang des Dieselanteils wären die Klimaziele nicht mehr zu halten.» Er rechnete vor, wie viel mehr CO2 ausgestossen würde, wenn ein Grossteil der Dieselfahrzeuge durch die weniger CO2-effizienten Benziner ersetzt würde: «Selbst wenn wir es in den kommenden Jahren schaffen, ein oder zwei Millionen Elektroautos auf die Strasse zu bringen, bedeutet das, dass immer noch 43 Millionen Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor unterwegs sind – mit dem entsprechenden CO2

Die Rechnung für die Schweiz: 30 Prozent aller Personenwagen hierzulande sind Dieselfahrzeuge. Werden alle durch Benzinautos ersetzt, steigt der durch Personenwagen verursachte CO2 total um 3 Prozent. Auch die Hälfte wäre schon ­brisant.

Allemann: «Dieser Vorwurf ist nicht fair»

Die VCS-Präsidentin Allemann wehrt sich: «Während die Bürgerlichen mit ihrer Politik in Kauf nehmen, die Klimaziele zu unterwandern, kämpfen wir seit Jahren für Autos mit tiefem CO2- und Schadstoffausstoss.» Es sei deshalb weder redlich noch fair, dem VCS nun vorzuwerfen, er mache sich mitschuldig, dass die Klimaziele nicht erreicht würden.

Dem VCS gehe es bei den Dieselfahrzeugen in erster Linie darum, dass die Autobauer die Regeln einhalten. Das sei auch im Sinne der Konsumenten. Immerhin räumt Allemann ein, dass es beim Diesel einen Zielkonflikt zwischen der Senkung des CO2-Ausstosses und den Stickoxiden gibt.

Stickoxidwerte in der Luft bereits massiv gesunken

Man kann dem VCS zugutehalten, dass er mit der Forderung nach Dieselfahrverboten Druck machen will, dass die geplante Übergangsfrist für alte Dieselmodelle verkürzt wird. Während der zweijährigen Übergangsfrist sollen bereits zugelassene, noch nach alter Norm geprüfte Dieselmodelle noch verkauft werden dürfen.

Doch der Vergleich der Stickoxid- und der CO2-Statistiken zeigt, dass es sich kaum lohnt, wegen ein paar Tausend alter Dieselfahrzeuge in einem Zeitfenster von zwei Jahren den Kampf gegen die Klimaerwärmung auf Jahre hinaus zu gefährden. Denn die Stickoxidwerte konnten seit den 90er-Jahren bereits massiv gesenkt werden (siehe Grafik).

Zum Vergrössern anwählen.

Der Grenzwert wird in der Schweiz – anders als in Deutschland – heute höchstens noch in unmittelbarer Nähe von Hauptverkehrsachsen überschritten. Anders beim CO2 des Strassenverkehrs: Autos auf Schweizer Strassen verpufften letztes Jahr immer noch 3 Prozent mehr CO2 als 1990. Dabei sieht das Klimaziel für den Verkehr bis ins Jahr 2020 eine CO2-Reduktion von 10 Prozent vor.

Vor diesem Hintergrund sieht man sogar im Bundesamt für Umwelt rot für den Fall, dass der ­Ersatz von Dieselfahrzeugen durch gleichwertige Benzinautos zu einem CO2-Anstieg der Personenwagen um 3 Prozent führt: «Eine solche Mehrbelastung würde das Erreichen des CO2-Reduktionsziels des Verkehrs erheblich gefährden», sagt Regine Röthlisberger, Sektionschefin in der Abteilung Klima des Bundesamts für Umwelt.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 10.08.2017, 08:21 Uhr

Verbot

In Deutschland werden in mehreren Städten wegen der hohen Stickoxidwerte ernsthaft Dieselfahrverbote diskutiert. In deutschen Grossstädten hat die Stickoxidbelastung allerdings eine ganz andere Dimension als in der Schweiz. Aus diversen Gründen: Je grösser und verdichteter eine Stadt ist, desto höher ist die Gefahr von hohen Stick­oxidkonzentrationen. Zudem ist der Anteil vor allem an alten und sehr alten Dieselfahrzeugen in Deutschland viel höher. Stuttgart ist seit Jahren Spitzenreiter in der Liste der deutschen Städte mit der höchsten Luftverschmutzung. Wegen der zu hohen Stickoxidwerten droht die EU 28 deutschen Städten mit Strafzahlungen. Bundeskanzlerin Angela Merkel steht unter Druck, etwas gegen die hohen Luftschadstoffwerte zu tun. Die Diskussion ist vor allem wegen des Abgasskandals aufgekommen. Ob Dieselautos Hauptursache der schlechten Schadstoffwerte sind, ist indessen umstritten. Deutsche Experten vermuten als Hauptverursacher die Industrie und Lastwagen. Stickoxide entstehen übrigens auch bei der einfachen Verbrennung von Erdgas in Küchen mit Gasherden. Ein Gasherd kann lokal zu extrem hohen Stickoxidkonzentrationen führen.

In Stuttgart hat das Verwaltungsgericht im Juli den Behörden auferlegt, dass sie alte Dieselfahrzeuge aus der Stadt verbannen müssen. Allerdings ist die Einführung des Verbots in der Stadt mit den höchsten ­Stickoxidwerten auch nach dem Urteil noch umstritten. Selbst der grüne Politiker Winfried Kretschmann kämpft in Stuttgart als Ministerpräsident von Baden-Württemberg gegen die Verbannung der Dieselautos (siehe Haupttext). ma

Stickoxide und CO2

Bei der Verbrennung von Diesel und Benzin entstehen unter anderem CO2 und Stickoxide (NOx). Die Unterschiede:

CO2 ist ein ungiftiges Gas. Es ist ein natürlicher Bestandteil der Luft. Der Anteil CO2 in der Luft beträgt 0,04 Prozent. Weil täglich tonnenweise Erdölprodukte wie Diesel und Benzin verbrannt werden, erhöht sich der Anteil CO2 in der Luft. Das führt zum Treibhauseffekt. Die entstehende Menge CO2 ist immer proportional zur Menge des verbrannten Treibstoffes: Ein Auto, das wenig Benzin verbraucht, stösst auch wenig CO2 aus.

NOx sind giftige Gase. Sie entstehen ebenfalls bei der Verbrennung von Diesel und Benzin. Wie viele Stickoxide entstehen, hängt anders als beim CO2 nicht von der verbrannten Menge Treibstoff ab, sondern von der Verbrennungstemperatur. Dabei gibt es einen Zielkonflikt: Je sparsamer man einen Motor baut (weniger CO2), desto heisser muss die Verbrennung sein und desto mehr NOx entstehen dann. Der Ausstoss kann allerdings mit Katalysatoren (Benzinmotor) und anderen Einrichtungen (z. B. Adblue-Technik) weitgehend verhindert werden.ma

«Der Bundesrat soll die Zulassung von neuen Dieselfahrzeugen verbieten.»
Evi Allemann, VCS-Präsidentin und SP-Nationalrätin
(Zitat vom 9. September 2016).

«Bei einem Rückgang des Diesel­anteils wären die Klimaziele nicht mehr zu halten.»
Winfried Kretschmann, Grüner Politiker.

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