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Nackte Kinder vor dem Bundeshaus

An sommerlichen Tagen tummeln sich fröhliche Kinder beim Wasserspiel auf dem Bundesplatz – die kleinsten mitunter splitternackt. Für einige ist das Lebensqualität pur, andere warnen.

Im Minimum es Hösli drum: Seit es den neugestalteten Bundesplatz mit dem Wasserspiel gibt, tummeln sich hier Kinder. Die allermeisten davon tragen dabei eine Badehose oder lassen die Unterwäsche an (Archivbild).
Im Minimum es Hösli drum: Seit es den neugestalteten Bundesplatz mit dem Wasserspiel gibt, tummeln sich hier Kinder. Die allermeisten davon tragen dabei eine Badehose oder lassen die Unterwäsche an (Archivbild).
Tomas Wüthrich

Die Luft ist schwül, die Einkaufstasche schwer, und jetzt quengeln noch die Kinder

In dieser Situation besuchen täglich die Grosi, Papi, Tanten und Götti den Bundesplatz: Ihre Jüngsten lieben es, barfuss über blubbernde Pfützen zu surfen und quietschend in Wasserfontänen zu stehen.

Unsichtbarer als das klare Nass taucht auf dem geliebten Natursteinplatz alsbald die Gretchenfrage auf; leicht abgewandelt von Goethes Faust, wo das Mädchen seinen Verführer fragt, wie er es mit der Religion habe, lautet sie im Fall von Berns Fontänenparadies: «Nun sag, wie hast dus mit der Badehose?» Zu Gretchens Zeiten wurde die Sexualmoral von der christlichen Religion definiert. Aber auch im Zeitalter des Internets sind moralische Bedenken angebracht; mit dem Unterschied, dass der Mahnfinger nicht der Prüderie und nicht der Kirche dient – sondern dem Schutz des Kindes.

Harmlos und verführerisch

Es war eine arglose Statusmeldung im sozialen Netzwerk Facebook, die letzten Samstag die Runde machte; gepostet von einer Berner Userin mit über 200 Freunden, sichtbar auch für Freunde dieser Freunde. «Wünsche allen ein cooles Weekend!», stand da. Ihrem Gruss hatte die Netzworkerin das Foto eines blond gelockten, ihr offenbar unbekannten Nackedeis beigefügt, das sie beim Wasserspiel geknipst hatte.

In Sekundenschnelle wurden «Like»-Klicks aktiviert; gefolgt von kritischen Wortmeldungen und dem Link auf einen Text über Kinderpornografie und die Materialsuche für «Wichsvorlagen» von Pädophilen und Pädosexuellen. Fertig herzig! Kurz darauf löschte die so zur Einsicht gepeitschte Userin das für Leute mit pädophiler Orientierung animierende Foto und berichtete dem virtuellen Freundeskreis stattdessen aus dem eigenen, längst verlassenen Paradies: Sie sei in einem Garten am See aufgewachsen, und «da wir oft Besuch hatten, haben mich etliche Leute als kleines Mädchen füdliblutt gesehen. Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie uns so natürlich, naturnah und unbeschwert aufwachsen liessen.» Ebenfalls Einzug ins Netz fand daraufhin die Reaktion eines Künstlers, der nicht die Fotografin tadelte, die ihre süsse Beute herumzeigte, sondern «die Mütter, die ihre Kinder zur Schau stellen».

Bedenken der Experten

Hart ins Gericht geht Sexualpädagoge Bruno Wermuth mit Eltern, die mitten in der Stadt blütteln lassen. «Wieso setzen sie ihre Kinder schamlos der Öffentlichkeit aus? Es ist ein Unterschied zwischen dem Garten einer Kita und dem Bundesplatz.» Der von «20 Minuten online» als «Doktor Sex» bekannte Sexualberater stösst sich auch an der Naivität vieler Internetuser. In seinem Blog «Liebe, Sex&Sünde» schreibt er Klartext. In Elternkursen dagegen könne er sich oft kaum Gehör verschaffen. «Viele hören weg, wenn ich auf die Gefahren hinweise, tun so, als wäre ihre kleine Welt eine bessere – dabei stellen sie intime Fotos ihrer Kinder ins weltweite Netz, es ist unglaublich.» Nebst missbräuchlicher Verwendung könnten Bilder jederzeit ausgegraben werden; und von Kollegen herum gezeigt, wenn die Kids pubertierten und es ihnen furchtbar peinlich sei. «Von den Jugendlichen erwartet man einen sorgsamen Umgang mit dem Computer, und Erwachsene beweisen einmal mehr ihre Inkompetenz im Social-Media-Bereich», sagt er.

Ähnlich tönt es beim Kinderschutz Schweiz; die Geschäftsleiterin Kathie Wiederkehr weist darauf hin, dass ganz grundsätzlich «Fotos von Kindern – auch mit Kleidern – nicht ohne die Zustimmung der Erziehungsberechtigten ins Netz gestellt werden dürfen». Speziell Fotos nackt spielender Kinder seien gefundenes Futter für pädophile Kreise, deshalb müsse man die Sprösslinge vor neugierigen Blicken schützen, besonders vor Fotojägern, wie sie beim Bundeshaus ja in besonderem Masse zirkulierten. «Man muss nicht oberprüde sein – aber im öffentlichen Raum mit Blütteln sehr zurückhaltend.» Kathie Wiederkehr geht es primär um die Würde des Kindes; darüber hinaus aber auch um «einen respektvollen Umgang mit Andersgläubigen».

Zu den dramaturgischen Trümpfen vor dem Bundeshaus aber zählen ohnehin die unterschiedlichen Meinungen (siehe Kasten) und die Auftritte eines bunten Publikums – mit und ohne Hösli.

Was sagen Sie zu nackten Kindern auf dem Bundesplatz? Diskutieren Sie mit.

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