Noch nie so viele Nationalratskandidaten wie heuer

4600 Personen buhlen im Herbst um die Wählergunst. Am stärksten sind die Frauen im Vormarsch – nicht nur quantitativ.

Wer zieht ins Parlament ein? Am 20. Oktober wird in der Schweiz gewählt. (Keystone/Gaëtan Bally/12. März 2018)

Wer zieht ins Parlament ein? Am 20. Oktober wird in der Schweiz gewählt. (Keystone/Gaëtan Bally/12. März 2018)

Die Auswahl an Kandidaten ist noch nie so hoch gewesen wie bei den Eidgenössischen Wahlen am 20. Oktober dieses Jahres. Allein für den Nationalrat bewerben sich über 16 Prozent mehr Personen als bei den Rekordwahlen 2015.

Nach Listenschluss in 20 Kantonen kämpfen bisher über 4600 potenzielle Nationalräte und Nationalrätinnen um die Gunst der Wählerinnen und Wähler. Das sind fast 17 Prozent mehr als 2015 nach Einreichung derselben 20 Kantone. Der Anteil an Listen ist sogar noch etwas stärker gestiegen – dank einer neuen Regelung, welche die Parteien teilweise von der mühsamen Unterschriftensammlung zwecks Genehmigung zusätzlicher Wahllisten befreit.

Ausnahmen sind Genf, Neuenburg und Zürich: Genf verzeichnet zwei Bewerber weniger als bei den letzten Eidgenössischen Wahlen, Neuenburg deren sieben. In Zürich ist nur die Anzahl Listen gesunken, zur Auswahl stehen heuer drei weniger als 2015. Allerdings sind diese gut gefüllt: Auf 22 der eingereichten 32 Listen sind alle zur Verfügung stehenden 35 Plätze belegt – insgesamt 966 Namen, 93 mehr als 2015.

Zürich steigert den Frauenanteil von 35 auf 43 Prozent – und ist damit nicht allein. Nach provisorischer Zählung nimmt die Frauenquote im Nationalrats-Bewerberfeld etwa in der Hälfte der Kantone die 40-Prozent-Hürde. Am nächsten an der Geschlechterparität ist Basel-Stadt, wo 46,3 Prozent der Kandidierenden weiblichen Geschlechts sind. Frauenpower zeichnet sich etwa auch in Baselland mit 44 Prozent ab, sowie im Thurgau (43,7), Genf (43), Bern (42,1) und Neuenburg (40).

Das Wallis hat zwar einen gewaltigen Schritt nach vorn getan und die Anzahl Kandidatinnen verdoppelt, kommt aber dennoch nur auf 38 Prozent. Einen Ausreisser präsentiert Schwyz, wo der Anteil Frauen auf 35 Prozent zurückgegangen ist.

Frauen zahlreicher und besser platziert

Wichtiger noch als die rein numerische Erstarkung der Frauen ist die qualitative: Immer mehr Parteien verkneifen es sich, «Alibifrauen» auf die chancenlosen hinteren Listenplätze zu verweisen. Die Frauen sind auf den Listen heute besser platziert als bei den Nationalratswahlen 2015.

In Zürich beispielsweise sind die ersten fünf Listenplätze aller Listen im Durchschnitt jeweils zur Hälfte von Frauen besetzt, wie eine Auswertung des statistischen Amts des Kantons ergeben hat. Eine umfangreiche Analyse der «Neuen Zürcher Zeitung» von letzter Woche hat diesen Trend zur aussichtsreicheren Platzierung der Frauen bei fast allen grossen Parteien bestätigt.

Noch fehlen sechs Kantone

Sechs Kantone – alle mit nur einem Nationalratssitz – haben bis jetzt noch keine Kandidaturen angemeldet: die beiden Appenzell und Uri, weil sie keinen Meldefristen unterliegen. In Glarus können bis kurz vor der Wahl Kandidaturen bekannt gegeben werden.

In Nidwalden und Obwalden, wo ebenfalls nach Majorz-System gewählt wird, ist nächsten Montag Listenschluss. Aus Obwalden sind bisher ein halbes Dutzend Nationalrats-Kandidaten bekannt, darunter der Filmemacher Luke Gasser als Unabhängiger. In Nidwalden wird SVP-Nationalrat Peter Keller zumindest vom wild kandidierenden alt Regierungsrat Alois Bissig herausgefordert.

Silberfüchse mischen mit

Die bisher eingereichten Listen zeigen auch einen gewissen Trend zum Einbezug der reiferen Semester. Ein Vorreiter scheint der Kanton Aargau zu sein, wo SVP-Nationalrat Maximilian Reimann die Aargauer Seniorenliste Team 65 ins Schlachtfeld führt und SVP-Nationalrat Luzi Stamm (66) mit einer eigenen Liste antritt.

Auf Promi-Zugpferde setzt auch die Zürcher SVP mit ihrer Seniorenliste 55plus. Stimmenköder sind beispielsweise Milieu-Anwalt Valentin Landmann, Bob-Olympiasieger Erich Schärer und Ex-Fifa-Mediendirektor Guido Tognoni.

Das wachsende Segment der reiferen Wähler hat auch Rot-Grün im Visier. Die SP-Seniorenvereinigung 60 präsentiert in neun Kantonen Seniorenlisten als Unterlisten-Verbindungen mit der Mutterpartei. Die Grünen treten in verschiedenen Kantonen mit «Grünen Panthern», «Klimasenior*innen» oder «Alternativen» – ein hübsches Wortspiel – an.

fal/sda

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