Zum Hauptinhalt springen

«Primarschüler kann man doch nicht einfach herumballern lassen»

Die türkischstämmige Sibel Arslan (Grüne, BS) ärgert sich nach dem brutalen Schülertheater von Uttwil: Das sei Propaganda.

Nachdem der «SonntagsBlick» ein Video der Aufführung publiziert hat, kritisieren Schweizer Politikerinnen aus der türkischen Gemeinde die Aktion.
Nachdem der «SonntagsBlick» ein Video der Aufführung publiziert hat, kritisieren Schweizer Politikerinnen aus der türkischen Gemeinde die Aktion.
Facebook
Ein Türkei-Experte bezeichnet die Szenen als einen Anlass, bei dem Kinder gezielt für nationalistische Kriegspropaganda von Staatspräsident Tayyip Erdogan instrumentalisiert würden.
Ein Türkei-Experte bezeichnet die Szenen als einen Anlass, bei dem Kinder gezielt für nationalistische Kriegspropaganda von Staatspräsident Tayyip Erdogan instrumentalisiert würden.
AP, Keystone
Jedes Jahr am 25. April gedenken die beteiligten Länder Australien und Neuseeland der in der Schlacht gefallenen Soldaten.
Jedes Jahr am 25. April gedenken die beteiligten Länder Australien und Neuseeland der in der Schlacht gefallenen Soldaten.
Dave Hunt/AP, Keystone
1 / 4

Für ein Schülertheater ist die Szene brutal. Die Kleinen sind als Soldaten verkleidet, schiessen aufeinander und fallen wie tot um. Dann werden sie mit türkischen Fahnen zugedeckt, Applaus ertönt.

Der «SonntagsBlick» publizierte das Video, das die Szene einer Aufführung vom 25. März in Uttwil TG zeigt. Türkischstämmige Primarschüler hätten im Rahmen des freiwilligen Unterrichts für «Heimatliche Sprache und Kultur» die Schlacht von Gallipoli nachgespielt, berichtete die Zeitung. Das Ereignis von 1915 spielt in der türkischen Geschichte eine wichtige Rolle. Den Türken gelang es damals, einen Angriff der Alliierten bei den Dardanellen abzuwehren.

«Die meisten in der Schweiz lebenden türkischstämmigen Menschen finden so etwas nicht in Ordnung.»

Sibel Arslan, Grüne (BS)

Seither feiert die Türkei den «Tag der Gefallenen» jedes Jahr. Staatschef Recep Tayyip Erdogan nutzt ihn, um seine nationalistische Politik zu stützen und den Mythos hochzuhalten, wonach die islamische Welt gegen den Westen kämpfen müsse. Kinder- oder Jugendtheater wie jenes in Uttwil – ein weiteres hat laut der Zeitung in Biberist SO stattgefunden – stossen daher auf Kritik, zumal die türkische Botschaft in Bern die Anlässe koordiniert hat. Türkische Diplomaten seien in der ersten Reihe gesessen, heisst es.

Nationalrätin Sibel Arslan (Grüne, BS) macht so etwas «hässig», wie sie sagt. «Die meisten in der Schweiz lebenden türkischstämmigen Menschen finden so etwas nicht in Ordnung.» Es sei klar, dass jedes Land seine Geschichte habe, «auch seine Kriegsgeschichte», sagt sie, die 1980 in der Türkei geboren und als Elfjährige in die Schweiz gekommen ist. «Es gibt immer Interessengruppen, welche die Geschichte überspitzt darstellen, um ihre Politik zu stützen und Mythen zu untermauern. Wenn die SVP das in der Schweiz macht, stört es mich genauso.»

Arslan findet, es mangle den Veranstaltern des Kindertheaters an Sensibilität: «Man kann doch nicht einfach Primarschüler auf der Bühne herumballern lassen.» Die Veranstalter sehen das zum Teil offenbar gleich. Nazim Nacalkan, der im Auftrag der türkischen Botschaft Heimatkundekurse organisiert, sagte dem «SonntagsBlick», das Schauspiel sei wohl etwas weit gegangen.

Ideologische Erziehung der Bevölkerung

Für Yigit Topkaya, Historiker aus Basel, reihen sich die Anlässe in Uttwil und Biberist ein in die Anstrengungen der türkischen Regierung, «die Bevölkerung inklusive Auslandtürken ideologisch zu erziehen». Die gegenwärtigen Ereignisse, insbesondere seit dem Putschversuch 2016, würden dabei historisch aufgeladen, indem der Gründungsmythos heraufbeschworen werde.

Sibel Arslan hielte es für wünschenswert, dass Bund und Kantone Regeln für die an sich wichtige freiwillige Heimatkunde erlassen und die Lehrpläne genehmigen. Zudem sollte ihrer Ansicht nach das Lehrpersonal in der Schweiz ausgebildet werden.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch