Russische Spione auf dem Weg ins Berner Oberland verhaftet

Zwei Agenten aus Russland sind in den Niederlanden gefasst worden. Der Verdacht: Sie wollten das Labor Spiez auskundschaften. Die Bundesanwaltschaft ermittelt.

Das Labor Spiez wurde bereits Ziel eines russischen Hackerangriffs: ein Wissenschaftler analysiert Proben.

Das Labor Spiez wurde bereits Ziel eines russischen Hackerangriffs: ein Wissenschaftler analysiert Proben. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Russische Spione nehmen im neuen Kalten Krieg nun auch Schweizer Ziele ins Visier. Am Wochenende ist publik geworden, dass sich zwei mutmassliche Attentäter vor der Nervengift-Attacke im südenglischen Salisbury mehrfach und länger in Genf aufgehalten hatten. Neu behaupten sie, sie seien als Touristen und Sporternährung-Einkäufer unterwegs gewesen.

Doch wie sich nun zeigt, ist die Schweiz für Agenten aus Russland weit mehr als ein Planungs- und Rückzugsort. Stark in ihren Fokus gerückt ist das Berner Oberland. Recherchen dieser Zeitung und des holländischen «NRC Handelsblad» haben ergeben, dass die Spionageaffäre ein viel grösseres Ausmass hat: Zwei weitere russische Agenten wollten das Labor Spiez auskundschaften, doch sie wurden in Den Haag verhaftet.

Das angesehene Spiezer Institut, betrieben vom Bund, verfolgt die Vision einer Welt ohne Massenvernichtungswaffen. Seine Experten führten in den vergangenen Monaten sowohl zu Giftgas-Angriffen in Syrien als auch zu der Attacke auf einen russischen Ex-Spion in Salisbury Abklärungen durch. Beides sind Brennpunkte der russischen Aussen- und Sicherheitspolitik. Der Kreml unterstützt einerseits das Assad-Regime, das im syrischen Bürgerkrieg weltweit verbotene Kampfstoffe eingesetzt hat. Andererseits steckt der russische Militärgeheimdienst GRU gemäss der britischen Regierung hinter dem Angriff mit dem Nervengift Nowitschok auf Doppelagent Sergei Skripal am 4. März.

«Aktionen gegen Schweizer Infrastruktur»

Die Verhaftung der beiden Russen in den Niederlanden fand ebenfalls im Frühjahr statt. Der Zeitpunkt und die genaueren Umstände sind nicht bekannt. Fest steht hingegen: Die vorübergehende Inhaftierung ist Teil einer grossen Abwehroperation mehrerer europäischer Nachrichtendienste. Die schweizerische Spionageabwehr spielt dabei eine zentrale Rolle.

Hier wurden Giftgas-Proben aus Syrien analysiert: Das Labor Spiez. Foto: Keystone

Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) bestätigt auf Anfrage, dass den Schweizer Behörden «der Fall der in Den Haag entdeckten und dann weggeschafften russischen Spione bekannt» ist. Weiter schreibt NDB-Kommunikationschefin Isabelle Graber: «Der NDB hat aktiv an dieser Operation teilgenommen, zusammen mit seinen holländischen und britischen Partnern.» Damit habe man beigetragen zur «Verhinderung illegaler Aktionen gegen eine kritische Schweizer Infrastruktur».

Gemeint ist, so zeigen Recherchen, das Labor Spiez. Andreas Bucher, der Kommunikationschef dort, sagt, er könne die Informationen des NDB nicht kommentieren: «Bestätigen können wir, dass das Labor Spiez Ziel von Hackerangriffen war. Dafür sind wir gewappnet. Daten sind keine abgeflossen.» Im Juni war ­bekannt geworden, dass eine ­gefälschte Einladung für eine Konferenz des Labor Spiez mit Schadsoftware verschickt worden war.

Warum werden sie nach Russland ausgeschafft?

Bei der in den Niederlanden gestoppten Aktion ging es um mehr als um Angriffe übers Internet. Bei der Verhaftung ist gemäss Quellen, die anonym bleiben wollen, auch Spionage-Equipment sichergestellt worden.

Der Bundesrat ist gemäss Sprecher André Simonazzi über den Fall orientiert worden. Die Bundesanwaltschaft (BA) ermittelt. Bereits seit März 2017 führt sie ein Strafverfahren wegen des Verdachts des politischen Nachrichtendiensts – ursprünglich «in einem anderen Kontext», wie BA-Sprecherin Linda von Burg schreibt. In diesem Verfahren konnten laut von Burg später «in Zusammenarbeit mit dem NDB zwei Personen identifiziert werden»: die zwischenzeitlich in Den Haag Verhafteten.

Weshalb die Beiden nach Russland zurückgeschafft und nicht in den Niederlanden strafverfolgt oder in die Schweiz überstellt wurden, wollten weder der holländische Militärgeheimdienst noch andere angefragte Behörden erläutern. Unbekannt ist auch, was sie in den Niederlanden taten. In Den Haag befindet sich der Sitz der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OCPW), das sich intensiv mit Syrien und Salisbury beschäftigte. Eines der wichtigsten Referenzlabore ist Spiez.

Ein Giftanschlag auf einen Doppelagenten, Spionage gegen die Schweiz und eine diplomatische Krise: Die Ereignisse in der Chronik.

Hinweise zur Geschichte senden Sie bitte an recherchedesk@tamedia.ch. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 13.09.2018, 21:00 Uhr

Artikel zum Thema

Skripal-Verdächtige: «Wollten die Kathedrale besichtigen»

Die beiden mutmasslichen Drahtzieher hinter dem Giftanschlag auf Ex-Spion Skripal haben eine besondere Erklärung für ihren Aufenthalt in England. Mehr...

Russische Agenten hielten sich vor Anschlag in der Schweiz auf

SonntagsZeitung Die im Fall Skripal verdächtigten Attentäter hielten sich mehrfach in der Schweiz auf. Mehr...

Blog

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...