Schutz der Privatsphäre ist für Schweizer zweitrangig

Wie gehen die Menschen hierzulande mit dem Sammeln ihrer persönlichen Daten durch Dritte um? Ein neue Umfrage zeigt es.

Beliebtes Gerät, um die eigenen Aktivitäten aufzuzeichnen: Eine Smartwatch.

Beliebtes Gerät, um die eigenen Aktivitäten aufzuzeichnen: Eine Smartwatch.

Yannick Wiget@yannickw3
Mathias Lutz@mathiaslutz
Patrick Vögeli@PVoegeli

Die jüngste Kontroverse um die Weitergabe von persönlichen Daten bei Facebook und Cambridge Analytica warf Fragen auf: Wie viel wollen die Menschen online von sich preisgeben? Ist den meisten überhaupt bewusst, was Unternehmen, Nachrichtendienste und der Staat alles über sie wissen und was das für Folgen haben kann?

Eine neue Studie der Forschungsstelle Sotomo im Auftrag der Krankenversicherung Sanitas ist dem nachgegangen und hat untersucht, wie die Schweizer Bevölkerung mit der elektronischen Datensammlung in ihrem Alltag umgeht. Denn wir alle benutzen mittlerweile verschiedene Apps und Dienste, die unsere Aktivitäten tracken und unser digitales Verhalten im Web aufzeichnen. Beim Surfen im Internet oder beim Kommunizieren auf Social Media hinterlassen wir unzählige Datenspuren, oft ohne dass wir uns darüber im Klaren sind.

70 Prozent haben es schon ausprobiert

Wie der exklusive Vorauszug der Studie zeigt, vermessen viele Schweizerinnen und Schweizer ihr Leben aber auch ganz bewusst digital mit der Hilfe von Tracking-Apps, die eigens zur Aufzeichnung persönlicher Daten eingesetzt werden. Rund die Hälfte der erwachsenen Personen in der Schweiz zeichnet gewisse Aktivitäten regelmässig auf. Immerhin 20 Prozent haben das sogenannte «Lifelogging» zumindest schon ausprobiert.

Am beliebtesten ist das Zählen der zurückgelegten Schritte mittels Smartphone oder Armband. 26 Prozent geben an, dies konsequent zu machen. Danach folgt das Aufzeichnen von zurückgelegten Routen beim Wandern, Fahrrad- oder Autofahren, was rund ein Fünftel der Menschen in der Schweiz regelmässig tut. An dritter Stelle liegen Leistungen beim Sport, welche von 17 Prozent der Befragten regelmässig erfasst werden.

Eine spezielle Rolle kommt der Vermessung des Menstruationszyklus zu. Dieser wird von 17 Prozent aller erwachsenen Frauen regelmässig aufgezeichnet. Werden jedoch nur die 18- bis 35-Jährigen in die Betrachtung einbezogen, steigt dieser Anteil auf 37 Prozent. Kein anderer Bereich wird in dieser Altersgruppe nur annähernd so systematisch digital erfasst wie der weibliche Zyklus.

Allgemein probieren jüngere Erwachsene die digitale Selbstvermessung häufiger aus als ältere. Auch die Bildung spielt eine Rolle: Je höher der Abschluss, desto eher wird «Lifelogging» betrieben. Zudem sind Menschen aus der Romandie etwas aktiver als jene aus der Deutschschweiz und der italienischen Schweiz. Praktisch kein Unterschied besteht hingegen zwischen den Geschlechtern.

Wunsch nach mehr Lebensvermessung

Die Selbstvermessung führt laut der Studie vor allem in zwei Bereichen zu anhaltenden Verhaltensänderungen: Fast die Hälfte jener, die regelmässig ihre Schritte zählen, sind der Meinung, dass sich dies positiv auf den Bewegungsradius auswirkt. Bei den Sportleistungen glauben immerhin 43 Prozent an einen Einfluss. «Lifelogging» scheint also hauptsächlich dort Wirkung zu entfalten, wo es darum geht, sich selbst zu motivieren, um fit zu bleiben.

Angesichts dieser empfundenen Vorteile ist der Trend zur digitalen Selbstvermessung noch lange nicht erschöpft. Zwei Drittel der Befragten würden auch gerne weitergehende Aufzeichnungen, wie zum Beispiel den eigenen Energie- und Ressourcenverbrauch oder die Kalorien der eingenommenen Nahrung, automatisch aufzeichnen. Was heute teilweise noch etwas utopisch klingt, wird angesichts der anhaltenden schnellen technischen Entwicklung womöglich schon bald Realität sein.

Eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer möchte also mehr und nicht weniger Selbstvermessung. Besonders aktive Vertreter und Vertreterinnen des «Lifelogging»-Gedankens zeichnen ihre Daten nicht nur auf, sondern teilen sie auch mit anderen.

Gleichzeitig wird das Sammeln persönlicher Daten durch Dritte von einer Mehrheit kritisch gesehen. Über 70 Prozent geben an, aus Datenschutzgründen bestimmte Funktionen ihres Smartphones, etwa die Standortbestimmung, zu deaktivieren. Auch auf das automatische Speichern von Daten in der Cloud und den Zugriff auf Kontakte verzichtet fast die Hälfte der Befragten.

Generell zeigt es sich jedoch, dass der Schutz der Privatsphäre vor allem dann ein Argument ist, wenn auf eine Anwendung leicht verzichtet werden kann. Suchmaschinen wie Google, Messenger wie Whatsapp oder Gratis-E-Mail hingegen werden täglich gebraucht, obwohl Internetkonzerne über Suchabfragen und Gratis-E-Mails Zugang zu persönlichen Daten erhalten und das beliebte Whatsapp Teil des Facebook-Konzerns ist.

Am häufigsten aus Datenschutzgründen gescheut werden die sozialen Medien: 34 Prozent meiden diese explizit, weil sie die Preisgabe persönlicher Informationen verhindern wollen. Offenbar löst die Tatsache, dass Internetkonzerne an persönliche Informationen gelangen, im Alltag weit weniger Widerstand aus als die Vorstellung, dass diese Information via soziale Medien an die Öffentlichkeit kommen könnten.

Alles gratis, ohne Gegenleistung

Als wie problematisch es empfunden wird, wenn persönliche Daten in die Hände Dritter gelangen, hängt wesentlich davon ab, wer diese Dritten sind. Die schlimmste Vorstellung ist für die meisten, dass Hacker und Kriminelle ihre Daten stehlen könnten. Auch Banken und Versicherungen, fremde Nachrichtendienste sowie Vorgesetzte beziehungsweise das Arbeitsumfeld werden als besonders sensitive Empfänger persönlicher Daten angesehen. Bemerkenswert ist, dass der Zugang zu persönlichen Daten durch den Schweizer Staat als weniger problematisch angesehen wird, als wenn Nachbarn und Bekannte Zugang zu solchen hätten.

70 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer nutzen Gratis-E-Mail und mehr als 80 Prozent Messaging-Dienste wie Whatsapp, nur 14 Prozent finden es jedoch in Ordnung, wenn ihre Daten als Gegenleistung für die Nutzung von Gratisangeboten verwendet werden. Dies zeigt ein verbreitetes Denken im Netz, es gebe alles gratis ohne Gegenleistung. Doch gezahlt wird an vielen Orten mit Daten, und zwar mit den eigenen, und die sind wertvoller, als viele vermuten.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...