Selbstbestimmung – nach klaren Regeln

Die Straffreiheit der Sterbehilfe ist grundsätzlich richtig. Doch diese sollte kein rechtsfreier Raum sein.

Immer mehr Menschen melden sich bei Organisationen wie Exit an. Foto: Bildarchiv Tagesanzeiger

Immer mehr Menschen melden sich bei Organisationen wie Exit an. Foto: Bildarchiv Tagesanzeiger

Claudia Blumer@claudia_blumer

Sterbehilfe-Organisationen haben enormen Zulauf. Zwischen 2009 und 2014 wuchs die Mitgliederzahl von Exit um jährlich etwa 5000 Personen, wie der Geschäftsführer in einem Interview bilanzierte. Ab 2015 waren es im Schnitt jedes Jahr 10'000, die sich neu angemeldet haben. Bis vor zehn Jahren bewegte sich die Mitgliederzahl bei rund 50'000, heute sind es bereits über 120'000 Mitglieder.

Dieser Trend passt in die Zeit, in der Individualität und persönliche Autonomie wichtig sind. Religiöse und andere Autoritäten haben an Einfluss verloren. Gut ist, was das Individuum in seinem Fall für richtig befindet. Dem eigenen Tod mithilfe einer Organisation die Zufälligkeit zu nehmen, ist deshalb heute kein frivoles Ansinnen mehr, das man versteckt hält. Spätestens seit öffentlichen Bekenntnissen wie jenen von Ständerat This Jenny oder Fussballer Timo Koniezka, die mit Exit aus dem Leben schieden, ist es heute breit akzeptiert, sich einen begleiteten Suizid vorzubehalten.

Die in der Schweiz geltende Straffreiheit ist grundsätzlich gut. Doch ein rechtsfreier Raum soll die Sterbehilfe dennoch nicht sein. Heute ist sie das weitgehend. Suizidbeihilfe wird nur bestraft, wenn sie aus eigennützigen Motiven erfolgt. Das ist eine sehr pauschale Bestimmung. Darüber hinaus sollte gesetzlich geregelt werden, ob und unter welchen Umständen es eine ärztliche Zweitmeinung braucht, was die Voraussetzungen für Sterbehelfer sind, was die Suizidhilfe kosten darf. Und viele andere Punkte.

Eine Verschärfung der heutigen liberalen Gesetzeslage ist in der Schweiz nicht mehrheitsfähig. Das haben Abstimmungen deutlich gezeigt. Das zeigte auch der Gesetzesvorschlag der früheren Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf, der offenbar zu restriktiv war und den Bundesrat und Parlament vor Jahren beerdigt haben. Die Politik sollte die Selbstbestimmung der Sterbewilligen beherzigen, jedoch Regeln für die Sterbehelfer erlassen. Um zu verhindern, dass wieder eine Sterbehelferin vor Gericht steht, weil sie die Standards selber definiert hat.

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