«Silberbesteck haben wir abgeschafft»

Repräsentation sei ein zentraler Teil der Diplomatie, sagt der Spitzenbeamte Jacques Pitteloud.

Martin Stoll@freiedokumente

Repräsentation sei ein zentraler Teil der Diplomatie, sagt der Spitzenbeamte Jacques Pitteloud.

Sie werden Mitte Jahr Botschafter in Washington. Freuen Sie sich auf Ihr neues Zuhause?
Natürlich freue ich mich darauf, aber vor allem freue ich mich auf meine Arbeit. Es ist ein Privileg, in einer so spannenden Phase an einem wichtigen Schauplatz der Weltpolitik eine Rolle spielen zu dürfen. Die Residenz, in der ich mit meiner Familie wohnen werde, ist allerdings nur zum kleinsten Teil privat. Sie ist vor allem ein Arbeitsinstrument.

Sie können das Haus gar nicht geniessen.
Es gehört zu den Aufgaben eines Botschafters, in seiner Residenz Empfänge zu organisieren, um Vertreter aus der Schweiz mit wichtigen Repräsentanten des Gastlandes zusammenzubringen. Die Residenz ist hier eine wichtige Arbeitshilfe. In Washington können wir Einladungen für bis zu 100 Personen veranstalten. Das ist aber kein Luxus. Das ist Teil unserer Arbeit.

Diplomatie ist doch auch Knochenarbeit. Diese lässt sich in gesichtslosen Büroräumen und in Aussenquartieren leisten.
Wir haben sogar Diplomaten im Botschafterrang, die in Jeans und Lederjacke auf dem Motorrad in der Savanne unterwegs sind, um die Vermittlung mit Rebellen zu ermöglichen. In unseren Gebäuden gibt es auch einige Büros ohne Fenster. Aber unser Bundesrat kann einen ausländischen Minister nicht in einem fensterlosen Zimmer treffen. Deshalb braucht es auch die ­repräsentativen Räume in den Botschaften und Residenzen.

Jacques Pitteloud, 56, ist Direktor für Ressourcen im Aussendepartement. Ende Sommer wird er sein Amt als Schweizer Botschafter in Washington antreten.

Mit Mietzinsen von monatlich über einer Million Franken liefern Sie Kritikern der Schweizer Diplomatie eine Steilvorlage.
Wir bemühen uns immer um kostengünstige Lösungen. Aber Kosten sind unausweichlich, und die Diskussion darüber gibt es schon lange. Im 19. Jahrhundert sprach sich das Schweizer Stimmvolk gegen mehr Geld für Diplomaten aus. Aber wir haben auch den Verfassungsauftrag, die Interessen der Schweiz im Ausland zu vertreten. Auf dem diplomatischen Parkett gibt es Gepflogenheiten. Es würde nicht verstanden, wenn die Schweiz, eine der wichtigsten Volkswirtschaften der Welt, ihre Gäste in Holzbaracken verköstigen würde. Je nach Land wäre es unmöglich, hochrangige Gesprächspartner in einem Aussenquartier etwa zu Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zu treffen. Vielfach ist es so: Will man mitreden und ernst genommen werden, muss man die diplomatischen Regeln berücksichtigen. Das kann heissen: Krawatte anziehen, im Auto vorfahren und mit einem entsprechenden Empfang aufwarten.

Kritiker behaupten, das Prestigestreben von Diplomaten verteure Liegenschaften
Da sind sie bei mir an der falschen Adresse. Es war mein Job in den letzten Jahren, gerade hier Schranken zu setzen. Wir schauen genau hin, wenn es um Liegenschaften geht. Letztes Jahr zum Beispiel sind wir eingeschritten, als ein Diplomat uns ein reines Prestigeobjekt beliebt machen wollte. In vielen Botschaften haben wir das teure Silberbesteck abgeschafft. Die privaten Räume werden heute nicht mehr auf Kosten des Bundes möbliert. Luxus wurde auf das reduziert, was für die Arbeit notwendig ist.

Wo gibt es heute noch silberne Kaffeelöffel?
In Paris beispielsweise. Weil dies dort bei Anlässen üblich ist und auch erwartet wird. Wir müssen uns den lokalen Gepflogenheiten anpassen.

Mit der Miete für die Residenz in Bukarest könnten in der Stadt 22 mittelpreisige 3-Zimmer-Wohnungen gemietet werden. Wieso ist die Residenz dort so unverhältnismässig teuer?
Es existieren tatsächlich Mietmärkte, in denen die oberen Segmente im Vergleich extrem hochpreisig sind. In Bukarest sind die guten Quartiere sehr teuer. Es gibt klare Vorgaben für unsere Gebäude. Lage und Erreichbarkeit sind wichtig. Immer spielen auch Sicherheitsaspekte eine Rolle. Wir können unsere Diplomaten nicht irgendwo unterbringen und sie unnötigen Risiken aussetzen.

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