Sozialdetektive: «Nie wieder» hat also ein Ablaufdatum

Wir müssen in Professionalität investieren, nicht ins Misstrauen.

Beschiss in der IV, bei der Autoversicherung, bei der Krankenkasse: Das alles ist Charakterlump-Verhalten und kann nicht mit Detektiven korrigiert werden. Bild: Keystone

Beschiss in der IV, bei der Autoversicherung, bei der Krankenkasse: Das alles ist Charakterlump-Verhalten und kann nicht mit Detektiven korrigiert werden. Bild: Keystone

Im Namen der «Sicherheit und der Freiheit unseres Landes», so sagten sie, hatten Detektive jahrzehntelang Frauen und Männer, Junge und Alte observiert. Wie sie lebten und was sie taten, alles wurde akribisch notiert. 1989 kam die Bespitzelung ans Licht. Fichenaffäre hiess das. Darüber konnte man lachen oder weinen: Da verlor einer die Stelle als Lehrer ohne Angabe von Gründen. Da bekam eine die Wohnung nicht. Da wurde bei Strafverfolgungen von kleinsten Delikten jemand zum grossen Verbrecher stilisiert. Alle – Linke wie Rechte, Konservative wie Liberale – waren sich damals einig: Nie wieder!

Jetzt hat «Nie wieder» also ein Verfalldatum. Es geht gegen die Invaliden. Das Abstimmungsplakat für das Ja mit dem Verweis auf die Fairness ist nur zynisch. Können sich die Macher auch nur einen Moment vorstellen, wie das auf eine junge Frau wirkt, die Phobien hat und jeden Tag mit Dämonen kämpft, wenn sie auf die Strasse geht? Soll jetzt die Therapeutin sagen: Ja, es kann sein, dass Sie verfolgt werden, ja, es kann sein, dass Sie überwacht werden! Denn man sieht Ihre Behinderung halt nicht!

Wir brauchen genügend Fachpersonal, das kompetent ist, nicht einfach husch, husch ein paar Chrüüzli macht.

Um es deutlich zu sagen: Betrug ist Betrug. Wenn ich einen Verdacht auf Betrug habe, mache ich eine Anzeige. Betrug ist ein Straftatbestand, und dafür gibt es Gesetze, Ermittlungsverfahren und Richter. Es braucht keine Pseudosheriffs, die mit Feldstechern durch Gärten schleichen. Sie sind im Rechtsstaat einfach nicht vorgesehen. Der Beschiss in der IV, bei der Autoversicherung, bei der Krankenkasse, bei den Steuern: Das alles ist Charakterlump-Verhalten und kann nicht mit Detektiven korrigiert werden.

Wir müssen in Professionalität investieren, nicht ins Misstrauen. Die IV hat gespart und gespart und sich gebrüstet, wie viel weniger «Fälle» sie habe. Nun will sie in neue Kontrollstrukturen Millionen investieren – das ist falsch! Wir brauchen genügend Fachpersonal, das kompetent ist, nicht einfach husch, husch ein paar Chrüüzli macht auf einem Formular oder im Compi eine Checkliste ausfüllt. Gesprächsführung, Fragetechnik, auch heikle Dinge gekonnt ansprechen, nachfragen, hartnäckig, korrekt –das sichert die Qualität.

Monika Stocker war von 1994 bis 2008 Sozialvorsteherin in Zürich.

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