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«Spass ist wichtig für die Volksgesundheit»

Fettsteuer, Nährwertampel oder Appelle? Präventionsmassnahmen gegen Übergewicht sind meistens chancenlos. Trotzdem werden sie immer wieder gefordert, wie aktuell die Fettsteuer.

Ob der Staat den Bürgern beim Konsum von Fett, Salz und Zucker auf die Finger schauen soll, ist umstritten: Ein Mann isst eine Waffel.
Ob der Staat den Bürgern beim Konsum von Fett, Salz und Zucker auf die Finger schauen soll, ist umstritten: Ein Mann isst eine Waffel.
Keystone

Die Leute werden immer dicker. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) notierte 1997 noch 30 Prozent Übergewichtige, 2007 schon 37 Prozent. Heute sind es nach Body-Mass-Index 45 Prozent, doch das BAG geht von noch mehr Übergewichtigen aus: 53 Prozent der Schweizer Bevölkerung seien zu dick, heisst es, nach einer nicht repräsentativen Untersuchung, bei der der Bauchumfang von 1500 Leuten gemessen wurden.

Das Übergewicht kostet Steuerzahler und Krankenversicherte jährlich 2,5 bis 3,2 Milliarden Franken. Doch ob und was gegen das Übergewicht politisch zu unternehmen sei, ist höchst umstritten. Kontrovers diskutiert wurde die Zweckmässigkeit von staatlicher Intervention 2004, als der damalige EVP-Nationalrat Heiner Studer in einem Vorstoss «Massnahmen gegen die Fettleibigkeit» forderte. Die Einführung einer sogenannten Fettsteuer (Lenkungssteuer auf besonders gesundheitsschädigenden Produkten) sei ernsthaft zu prüfen, schrieb er. Auch sollten gewisse Produkte verboten werden.

Fett nicht isoliert bekämpfen

Das BAG habe sich gegenüber dem Vorschlag offen gezeigt, sagt Studer. Doch der damalige Gesundheitsminister Pascal Couchepin habe den Vorschlag abgeschmettert. Eine Fettsteuer, wie sie Dänemark per Anfang Oktober 2011 als weltweit erstes Land eingeführt hat, wird nicht einmal von CVP-Nationalrätin Ruth Humbel befürwortet, die staatliche Interventionen zugunsten der Gesundheit ansonsten forciert. Das Problem der Fettsteuer sei, sagt sie, dass nicht Fett allein die Gesundheit schädige, sondern Fett in Kombination mit Zucker und Salz.

In Dänemark werden nun auf jedes Kilogramm Fett umgerechnet 2.60 Franken fällig. Auch England erwägt die Einführung einer solchen Steuer, der britische Premierminister David Cameron hatte sich kürzlich positiv darüber geäussert. Die Situation in den USA sei ein Weckruf, man wolle sie verhindern. Auch in der Schweiz wird die Fettsteuer wohl wieder auf die politische Agenda kommen: Heiner Studer will sich, obwohl er nicht mehr im Parlament sitzt, für einen Vorstoss einsetzen. Dieser soll aus den Reihen seiner Partei kommen, wie er kürzlich dem Redaktion Tamedia sagte.

Die Tücken der Ampel

Eine weitere, immer wieder diskutierte Lenkungsmassnahme ist die Nährwertampel, die mit grünen, gelben und roten Signalen auf den Packungen angeben würde, wie viel Salz, Zucker oder Fett ein Produkt enthält. Auch die Ampel fand bisher politisch kein Gehör, ein Vorstoss von SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher, die 2008 eine «einheitliche Deklaration» von Lebensmitteln forderte, wurde 2010 abgeschrieben. Graf-Litscher hatte auf England verwiesen, wo sich die Ampel-Symbole bewährt hätten. Fachleute in der Schweiz warten die Ergebnisse noch ab. Ein weiterer Vorschlag kam von Ruth Humbel: Sie regte vor wenigen Jahren an, unverarbeitete Landwirtschaftsprodukte von der Mehrwertsteuer zu befreien und Leute mit gutem Body-Mass-Index bei den Gesundheitskosten zu entlasten.

Das Bundesamt für Gesundheit setzt indessen auf die Stärkung der Eigenverantwortung und freiwillige Massnahmen, wie es im «Nationalen Programm Ernährung und Bewegung 2008 bis 2012» heisst. Die darin formulierten Projekte beziehen sich hauptsächlich auf die Erleichterung der Entscheidung für eine ausgewogene Ernährung sowie auf die Erleichterung der Bewegung im Alltag und der Ausübung einer regelmässigen körperlichen Aktivität. Dafür arbeitet das BAG mit zahlreichen Akteuren zusammen, unter anderem mit dem Bundesamt für Raumplanung (bewegungsfördernde Raumplanung) sowie mit dem Bundesamt für Strassen (Langsamverkehr und Radwege).

«Staatlicher Machbarkeitsglaube»

Doch wie weit kann und soll der Staat überhaupt Prävention betreiben im Bereich Gewicht und Ernährung? Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. SVP-Nationalrat Toni Bortoluzzi unterstellt dem BAG, es strotze vor «staatlichem Machbarkeitsglauben» und sei besessen davon, den Menschen «zum Guten zu bekehren». Das Amt sei ideologisch geprägt und stelle nicht den Menschen, sondern seine Doktrin in den Vordergrund, die es den Menschen aufzwingen wolle. SVP-Nationalrat Jürg Stahl hält Fettsteuer und Nährwert-Ampel für Blödsinn. «Die Ampel ist eine Bevormundung sondergleichen.» Man müsse die Leute besser ausbilden, sie zum Umdenken bringen. «Zudem vermiest sie den Leuten die Stimmung. Der Spassfaktor ist nicht zu unterschätzen. Unser Arbeitsleben ist sehr intensiv, Gemütlichkeit, Spass und Genuss sind für die Volksgesundheit auch wichtig.»

Grüne-Nationalrätin Yvonne Gilli hält staatliche Lenkungsinstrumente für prüfenswert. «Ich befürworte nicht eine isolierte Fettsteuer, weil ich glaube, dass man das Übergewicht, eine Schattenseite des Wohlstands, auf mehreren Achsen angehen muss. Wenn die Leute von Fett auf Kohlenhydrate wechseln, ist das für die Gesundheit nicht unbedingt besser.» Es bräuchte ein Massnahmenpaket, sagt die Ärztin aus dem Kanton St. Gallen. Gegen die Nährwert-Ampel hat sie Vorbehalte: «Wenn nachher künstlich gesüsste Lebensmittel als gesund gelten, weil sie wenig Zucker, Fett und Salz enthalten, ist das heikel. Gewisse Süssstoffe sind krebsfördernd.» Grundsätzlich befürworte sie eine breite Debatte über die Massnahmen zur Bekämpfung des Übergewichts. Die Präventionsskeptiker verstehe sie, weil die Konzepte oftmals schwer umsetzbar seien. «Lieber kleinere Ziele formulieren, die aber zu erreichen sind.»

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