Verboten und doch dutzendfach anerkannt

In der Schweiz sind Kinderehen grundsätzlich verboten. Schwieriger wird es, wenn die Heirat im Ausland stattfand. Nathalie Rickli fordert ein rigoroseres Durchsetzen des Verbots.

«Mit der Anerkennung von Minderjährigen-Ehen wird Missbrauch legalisiert», sagt Nathalie Rickli.

«Mit der Anerkennung von Minderjährigen-Ehen wird Missbrauch legalisiert», sagt Nathalie Rickli.

(Bild: Peter Klaunzer/Keystone)

Rahel Guggisberg

Vor und während der Sommerferien nimmt die Anzahl der Meldungen bei der Fachstelle Zwangsheirat deutlich zu. In dieser Zeit finden doppelt so viele Beratungsgespräche wie während des restlichen Jahres statt. Pro Woche sind es etwa zehn. «Stark angestiegen sind die Fälle von religiösen Heiraten und Kinderheiraten», sagt Anu Sivaganesan, die Leiterin der Fachstelle. Mädchen würden oft in einem religiösen Ritual getraut. Sobald sie volljährig werden, besiegeln sie die Heirat nachträglich vor dem Schweizer Zivilstandsamt und verschweigen die religiöse Vermählung. «Die jungen Frauen fühlen sich durch die frühe religiöse Heirat gebunden und wagen es nicht aufzubegehren», sagt Sivaga­nesan.

Im vergangenen Jahr hat die Fachstelle 352 Personen beraten. Im Vorjahr waren es 316. Rund ein Drittel betraf Minderjährige. Sivaganesan betont: «Vor allem in den Kantonen Bern, Zürich, Basel und St. Gallen kommt es häufig zu Kinder- und Zwangsheiraten.» Die Dunkelziffer sei hoch, weil viele nicht wagten, sich gegen die Zwangsheirat zu wehren.

Natalie Rickli fordert Verbot

Ehen von Minderjährigen sind in der Schweiz grundsätzlich verboten. Wurde eine solche Ehe im Ausland geschlossen, dann muss diese gemäss Gesetz annulliert werden – es sei denn, die Weiterführung der Ehe liege im «überwiegenden Interesse» der Minderjährigen. Ein Argument für die Aufrechterhaltung einer Ehe kann beispielsweise eine Schwangerschaft sein.

Die Zürcher Regierungsrätin Natalie ­Rickli (SVP) verlangte in ihrer Funktion als Nationalrätin per Vorstoss ein absolutes Verbot von Kinderehen. Dies entspricht der Forderung der Fachstelle Zwangsheirat: Die Interessenabwägung sei der Bekämpfung von Heiraten Minderjähriger nicht dienlich. Ricklis Vorstoss war zu lange hängig und wurde im Dezember abgeschrieben.

Die Zürcher SVP-Politikerin hat dieselbe Forderung danach erneut eingereicht. Sie sagt: «Mit der Anerkennung von Minderjährigen-Ehen wird Missbrauch legalisiert. Darum sollen diese nicht mehr anerkannt werden. In der Schweiz sollen Frauen ab 18 Jahren selber entscheiden dürfen, wen sie heiraten.» Der Bundesrat muss nun auf Geheiss des Parlaments einen Bericht zu dieser Thematik verfassen, der in der zweiten Jahreshälfte erscheinen soll.

Modèle Berne

Im Jahr 2017 hat die Stadt Bern mit der Fachstelle Zwangsheirat als Kompetenzzentrum des Bundes ein Meldesystem geschaffen. Modèle Berne heisst das Konzept. Um künftig Frauen in den Ferien bei ihrer Familie vor Zwangsheiraten zu bewahren, erarbeitete Alexander Ott, der Chef der Stadtberner Fremdenpolizei, zusammen mit der nationalen Fachstelle Zwangsheirat eine Schutzmassnahme: Mit einer eidesstattlichen Erklärung können Frauen deklarieren, dass sie nicht heiraten wollen, wenn sie in ihre frühere Heimat reisen, beziehungsweise dass sie die Schweiz nicht oder nicht in Gesellschaft gewisser Personen zu verlassen beabsichtigen. Dieses Dokument ermöglicht es den Behörden, aktiv zu werden. Es ist vorgesehen, dass es an Schulen und Arbeitgeber abgegeben wird. «Wir können intervenieren, wenn Frauen verheiratet zurück in die Schweiz kommen, die zuvor die Erklärung unterschrieben haben», sagt Alexander Ott. Solche Ehen können die Behörden für ungültig erklären.

Auch Männer betroffen

Die betroffenen Frauen stammen meist aus der zweiten oder der dritten Generation von Einwanderern. Die Familien kommen aus Syrien, Pakistan, der Türkei, dem Libanon, Afghanistan, Jordanien, dem Irak oder aus Sri Lanka. Über zwei Drittel der Betroffenen sind in der Schweiz geboren und aufgewachsen.

Zwangsheiraten werden oft als Frauenthema angesehen. Tatsächlich wenden sich mehr Frauen als Männer an die Fachstelle. Aber 20 Prozent der Betroffenen sind Männer. Die Dunkelziffer dürfte jedoch bei Männern noch höher sein. Denn sie holen sich weniger rasch Hilfe als Frauen. Zudem können sie sich in traditionellen Rollenbildern leichter Freiheiten herausnehmen. Sie führen zum Beispiel neben der Ehe eine Liebesbeziehung.

Berner Zeitung

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