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Wäre er doch eine Frau

Der Genfer Staatsrat Pierre Maudet – Senkrechtstarter der welschen FDP – will Bundesrat werden. Er punktet mit Führungserfahrung, Tat- und Strahlkraft. Sein Handicap: Er ist kein Tessiner, keine Frau und kein Parlamentarier.

Steil unterwegs: Als 29-Jähriger wurde Pierre Maudet in die Genfer Stadtregierung gewählt, als 34-Jähriger in die Kantonsregierung. Und nun als 39-Jähriger in den Bundesrat?
Steil unterwegs: Als 29-Jähriger wurde Pierre Maudet in die Genfer Stadtregierung gewählt, als 34-Jähriger in die Kantonsregierung. Und nun als 39-Jähriger in den Bundesrat?
Keystone

Der Mann hat Mut. Vermutlich weiss Pierre Maudet selber am besten, dass seine Chancen, am 20. September in den Bundesrat gewählt zu werden, klein sind. Trotzdem hat sich der 39-jährige Genfer Staatsrat nach längerem Abwägen entschieden, sich um die Nachfolge von Didier Burkhalter zu bewerben.

Am Freitag informierte die Genfer FDP über den Entscheid ihres Jungstars. Weil Maudet einziger Kandidat ist, dürfte die offizielle Nomination durch die Kantonalpartei Formsache sein. Somit steht nun neben dem Kandidaten der Tessiner FDP, Nationalrat ­Ignazio Cassis, mit Pierre Maudet ein zweiter Anwärter fest.

Heisse Dossiers im Griff

Das Mass der Dinge in diesem Bundesratswahlkampf ist aber nach wie vor Ignazio Cassis, der Kronfavorit. Im Vergleich mit ihm weist Pierre Maudet durchaus ­einige Vorzüge auf. Er ist zwar jünger als der 56-jährige Tessiner, hat aber wesentlich mehr Führungserfahrung. Maudet gehörte zuerst fünf Jahre lang der Genfer Stadt­regierung an, wobei er zuletzt sogar als Stadt­präsident amtete.

2012 schaffte er den Sprung in die Kantonsregierung, in der er seither die Sicherheits- und Wirtschafts­direktion führt. Damit ist Maudet für Dossiers zuständig, die im Grenz- und Wirtschaftskanton Genf nicht nur besonders wichtig sind, sondern die einem Staatsrat auch ­jederzeit um die Ohren fliegen können.

Kein Problem für Maudet. Er hat sich in Genf einen Ruf als fleissiger, souveräner und hartnäckiger Politiker erworben, der obendrein wisse, wie er kommunizieren müsse. Kenner der Kantonspolitik ­attestieren ihm forsche Tatkraft und einen starken Führungs­willen. Notfalls setze er sich auch gegen Widerstände ­rigoros durch.

Der Frauenmangel

Dies alles macht den drei­fachen Vater zu einem vielversprechenden Bundesrat in spe. Dass seine Chancen trotzdem eng begrenzt sind, liegt vor allem ­daran, was Maudet alles nicht ist: kein Tessiner, keine Frau und kein Bundesparlamentarier.

Dass Cassis die besten Chancen hat, verdankt er zu einem grossen Teil seiner Herkunft. Die italienische Schweiz ist seit 1991 bundesrats­los und verlangt mit zunehmender Vehemenz wieder einen «eigenen» Magistraten. Maudet kann zwar für sich in ­Anspruch ­nehmen, dass er als Genfer Sicherheitsdirektor die spezifischen Sorgen und Nöte eines Grenzkantons besser kennt, doch das macht aus ihm noch keinen Südschweizer.

Wenn dem einzigen Tessiner Anwärter Cassis irgendwer gefährlich werden kann, dann wohl nur eine Frau aus der Romandie. Interessenten aus der Deutschschweiz hat die FDP-Spitze von vorneherein auf die Wartebank verbannt. Und die Männer sind im Nachteil, da im Bundesrat ein Frauenmanko droht. Mit dem vor­angekündigten Rücktritt von ­Doris Leuthard zeichnet sich am Horizont ein magistrales Septett mit nur noch einer Frau ab. Mit einer Wahl Maudets würde das Parlament somit nicht nur die Tessiner vor den Kopf stossen, sondern auch die Frauen.

Interne haben Vortritt

Kommt noch Maudets drittes Problem hinzu: Er ist weder ­National- noch Ständerat. Dies ist ein beträchtliches Handicap. Die Damen und Herren im Bundesparlament besetzen den Bundesrat mit Vor­liebe «intern». Wenn sie die Wahl haben zwischen einem ihrer Kollegen und einem «Outsider» – in der Regel ein Regierungsrat wie Maudet –, geben sie praktisch immer dem Kollegen den Vorzug.

Dies bekam zuletzt der Tessiner Staatsrat Norman Gobbi zu spüren, der 2015 gegen Guy Parmelin (SVP) unterlag. 2011 hatte sogar ein Mann vom Schlage eines Pierre-Yves Maillard (SP), Staatsrat in der Waadt, nicht den Hauch einer Chance gegen Alain Berset. Die Liste liesse sich um weitere ­Namen wie Rita Fuhrer (SVP) oder Karin Keller-Sutter (FDP) verlängern, die ebenfalls offiziell nominiert waren, dann aber Kandidaten aus dem Bundesparlament unterlagen.

Tatsächlich schafften in den letzten fünfzig Jahren nur fünf Nichtbundeshäusler den Sprung in die Landesregierung. Darunter sind erst noch zwei Spezialfälle: ­Eveline Widmer-Schlumpf (2007) und Ruth Dreifuss (1993) profitierten davon, dass die jeweiligen offiziellen Kandi­daturen (Christoph Blocher und Christiane Brunner) dem Parlament nicht genehm waren.

Dreierticket mit Maudet?

All dies spricht gegen Pierre Maudet. Für ihn wäre es bereits ein Erfolg, wenn ihn die Bundeshausfraktion der FDP neben Cassis offiziell nominiert. Denkbar scheint aber auch dies nur dann, falls die Fraktion ein Dreierticket beschliesst: mit Maudet, Cassis und einer Waadtländerin (Staats­rätin Jacqueline de Quattro oder Nationalrätin Isabelle Moret). Die FDP Waadt nominiert am Donnerstag. Die FDP-Fraktion entscheidet am 1. September, wie viele und welche Kandidaturen sie dem Parlament vorschlägt.

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