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Warum Migrantenkinder oft schlecht abschliessen

Migrantenkinder und solche aus der Unterschicht hätten durchaus Chancen auf einen guten Abschluss. Eine Nationalfonds-Studie zeigt, weshalb es die meisten doch nicht schaffen.

Sind nicht schlechtere Schüler, haben aber schlechtere Chancen: Türkische Kinder beim Nachhilfeunterricht in Basel.
Sind nicht schlechtere Schüler, haben aber schlechtere Chancen: Türkische Kinder beim Nachhilfeunterricht in Basel.
Keystone

Kinder von Einwanderern sind auf Gymnasial- und Hochschulstufe untervertreten. Laut einer Nationalfonds-Studie ist der Hauptgrund nicht Diskriminierung, sondern die schwache finanzielle und kulturelle Ausstattung des Elternhauses. Dabei bestehen zwischen den einzelnen Nationalitäten grosse Unterschiede.

Migrantenkinder erbringen im Schnitt keine schlechteren schulischen Leistungen als einheimische Kinder. Bei ihnen ist aber das Risiko, in einer Sonderschule unterrichtet zu werden, fast dreimal so gross wie bei einheimischen Kindern. Zwei- bis dreimal höher ist ihr Risiko, keine Lehrstelle zu finden oder keine Berufsausbildung abzuschliessen.

Das Studium liegt in der Familie

Migrantenkinder sind auch an den Universitäten unterrepräsentiert. Ihr Anteil an den Absolventen liegt schweizweit bei 5 Prozent. Allgemein erwerben Kinder von Akademikern und vermögenden Eltern viel häufiger einen höheren Bildungsabschluss als Kinder von Migranten und aus den Unterschichten.

Leistungsfähige Individuen aus bildungsfernen Elternhäusern könnten ihr Potenzial nicht entfalten. In der Schweiz komme dies deutlich häufiger vor als in einigen Nachbarstaaten, stellt die Studie «Statistische und institutionelle Diskriminierung von Migranten im Schweizer Schulsystem» fest.

Sie wurde von einem Team um den Bildungssoziologen Rolf Becker von der Universität Bern mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds erarbeitet. Die Forscher untersuchten anhand von statistischem Material die schulischen Karrieren von Primarschulkindern, wie der Nationalfonds am Dienstag mitteilte.

Grosse Nationalitäten-Unterschiede

Dabei zeigten sich grosse Unterschiede zwischen den Nationalitäten. Die aus Deutschland, Frankreich und Österreich stammenden Kinder sind aufgrund ihres vorteilhaften Hintergrunds – Stichworte: wohlhabendes, bildungsorientiertes Elternhaus – oftmals erfolgreicher als einheimische Kinder.

Migrantenkinder aus der Türkei, aus Portugal oder vom Balkan dagegen haben deutliche Nachteile. Eine Diskriminierung dieser Kinder durch die Lehrpersonen konnte die Studie nicht ausmachen. Sie würden von den Lehrern aufgrund ihrer tatsächlichen Leistungen gerecht benotet und nicht von vornherein als «Problemfälle» etikettiert und stigmatisiert. Ebenso wenig fänden sich Hinweise dafür, dass diese Kinder strukturell durch das Schulsystem benachteiligt würden.

Finanzschwach und bildungsfern

Die Hauptgründe für diese Nachteile sind einerseits Sprachprobleme, andererseits das finanziell schwache und vielfach bildungsferne Elternhaus. Dabei besitzen viele der Migranten-Eltern den stärkeren Wunsch als einheimische Eltern, ihre Kinder auf ein Gymnasium zu schicken.

Studienleiter Becker empfiehlt erstens, die Sprachprobleme der Migranten- und der Unterschichtkinder zu beheben. Diese sollten möglichst vor der Einschulung in der jeweiligen Landessprache gefördert werden.

Im Kanton Zürich besuchten 1998 rund 6 Prozent der Migrantenkinder das Gymnasium. Hätte man ihre Leistungen in Deutsch verbessert, hätte sich dieser Anteil verdoppelt, wie die statistischen Berechnungen nahelegen. Man könnte so auch die Bildungschancen einheimischer Schulkinder aus den Unterschichten deutlich verbessern.

Zweitens sollten die Eltern besser über die Möglichkeiten des Bildungssystems informiert werden. Drittens sollte die folgenreiche Selektion für die Sekundarstufe nicht bereits nach der vierten oder sechsten Klasse, sondern später erfolgen oder in der obligatorischen Schulzeit gar aufgehoben werden.

Eine Angleichung der grossen Bildungs- und Einkommensunterschiede sei in der Schweiz zwar eine «utopische Forderung», sagt Becker. Er weist aber darauf hin, dass sich in Schweden beispielsweise die ausgeglichene Vermögensstruktur, die bessere schulische Qualifizierung der Bevölkerung sowie die hohe Erwerbstätigkeit der Mütter positiv auf die Chancengleichheit beim Bildungszugang und beim Erwerb von Bildungsabschlüssen auswirkten.

SDA/ami

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