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Wenn Schweine-Gülle Fische in Atemnot bringt

Seit über dreissig Jahren werden der Baldeggersee und der Sempachersee künstlich beatmet. Ohne Frischluft würden die Seen auch heute noch kippen. Schuld daran ist die rekordhohe Schweinedichte in der Umgebung.

Gülle auf Wiesen und Feldern: Das ist eine der Ursachen, weshalb zu viel Phosphor in Flüssen und Seen landet.
Gülle auf Wiesen und Feldern: Das ist eine der Ursachen, weshalb zu viel Phosphor in Flüssen und Seen landet.
Keystone
Frischluftzufuhr: Ein Diffusor auf dem Hallwilersee.
Frischluftzufuhr: Ein Diffusor auf dem Hallwilersee.
zvg/Kt. Aargau
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Rund um den Baldeggersee und den Sempachersee im Kanton Luzern leben mehr Schweine als Menschen. Das hat Folgen. Ihre Gülle muss auf die Felder. Von dort gelangen problematische Stoffe in die Seen, beim Phosphor sind es pro Jahr über 10 Tonnen. Weil Phosphor die Seen düngt, wachsen Algen. Diese sterben ab und verrotten auf dem Grund. Dazu braucht es Sauerstoff, der den Fischen zum Atmen fehlt. Darum werden die Seen seit nunmehr dreissig Jahren künstlich beatmet. Als man beim Baldeggersee 1982 damit begann, war dies eine Weltpremiere.

Ein Ende der Frischluftzufuhr ist nicht absehbar, wie kürzlich Pro Natura klagte. Der Baldeggersee gehört seit 1940 der Naturschutzorganisation. Sprecher Roland Schuler ärgert sich, dass das Problem immer noch nicht an der Wurzel angepackt wird: «Es geht nicht ohne eine Reduktion der Anzahl Tiere im Einzugsgebiet», sagt er.

Ohne Belüftung würde der See immer noch kippen

Die Belüftung und die flankierenden Massnahmen haben bisher schon über 90 Millionen Franken gekostet und die Seen vor dem Kippen bewahrt. «Würde man die Belüftung aber abstellen, wäre der Baldeggersee innert Kürze eine Kloake», schränkt Schuler sofort ein. Thomas Joller vom Luzerner Amt für Umwelt und Energie relativiert.

Beim Sempachersee wäre die jährliche Zufuhr mittlerweile sogar verkraftbar, hält er fest. Das Problem seien dort die Altlasten an unvollständig abgebauten Algen auf dem Grund des Sees. Beim Baldeggersee, räumt er ein, sei die Phosphormenge nach wie vor doppelt so hoch, wie der See ertragen könne – trotz verbesserter Methoden in der Landwirtschaft.

Ein Problem sind die übersättigten Böden der Umgebung. Regnet es viel, wird Phosphor ausgewaschen. Schweizweit landen jährlich – gemäss dem letzte Woche erschienenen Agrarbericht 2014 – immer noch 6000 Tonnen zu viel auf den Wiesen und Äckern. Weil sie sich dort ansammeln, habe sich eine Belastung von 200'000 Tonnen akkumuliert, rechnet Pro Natura vor.

Neue Anreize greifen bei Schweinen nicht

Der Bund hat das Problem erkannt. Mit der neuen Agrarpolitik 2014–2017 versucht er die Anreize anders zu setzen. Nicht mehr Tiere werden subventioniert, sondern die Fläche. Ausgerechnet bei den Schweinen funktioniert dies aber nicht. Denn Schweinehalter erhielten nie Tierbeiträge. In der Schweinemast spielt der Markt. Ein Kriterium dafür, wettbewerbsfähig zu sein, ist die Betriebsgrösse und damit auch die Anzahl Tiere.

Die Betriebe sind tatsächlich in den letzten Jahren gewachsen, ohne dass zwingend mehr Land zur Verfügung steht. Im Extremfall werden in einem Schweinestall 1000 Schweine gemästet – ohne eine einzige Hektare Boden. Ein solcher Stall wären wegen geänderter Gesetze heute im Prinzip nicht mehr bewilligungsfähig, sagt Franz Stadelmann von der Dienststelle für Landwirtschaft und Wald des Kantons Luzern. Für ihn ist aber gar nicht die Zahl der Schweine das Problem, sondern die Verwertung der anfallenden Nährstoffe.

Gülletourismus in den Kanton Aargau

Im Kanton Luzern mit seinen derzeit fast 425'000 Schweinen kommen auf einen Einwohner 1,1 Schweine. Die Anzahl der Tiere unterliegt marktbedingten Schwankungen, wächst aber insgesamt nicht. Um die Böden im sogenannten Schweinegürtel weniger zu beanspruchen, exportieren die Bauern mittlerweile einen Sechstel der Güllemenge auf Äcker und Wiesen, die Nährstoffe benötigen, wie Stadelmann erläutert. «Rund 40 Prozent gehen über die Kantonsgrenze, hauptsächlich in den Aargau», ergänzt er.

Zusätzlich hätten viele Bauern auf freiwilliger Basis an Wasserläufen breitere Pufferzonen geschaffen, um das Ausschwemmen in die Gewässer zu verringern. Schliesslich helfe auch, so paradox das klingen mag, eine Intensivierung des Pflanzenanbaus auf den Feldern: Wächst mehr, werden auch mehr Nährstoffe dem Boden entzogen.

Trotz dieser Ansätze und der erzielten Verbesserungen ist das Gleichgewicht jedoch noch längst nicht erreicht. Zumal der Kanton Luzern sparen muss und seine Anstrengungen reduzieren will. Manuel Kunz von der Sektion Wasserqualität beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) glaubt nicht, dass es ohne Reduktion der Anzahl Tiere geht. Doch dazu fehlt der politische Wille. Und obwohl der Preis für Schweinefleisch seit längerem im Keller verharrt und auch Luzerner Schweinehalter darauf sitzen bleiben, gibt kaum einer auf – in der Hoffnung auf den nächsten Aufschwung im zyklischen Schweinemarkt.

In der Zwischenzeit zahlt die öffentliche Hand weiterhin jährlich mehr als eine halbe Million Franken, damit das Geschäft der Schweinemäster den Seen nicht die Luft abschneidet.

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