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Wie es am Gotthard weitergeht

Braucht es einen zweiten Gotthard-Strassentunnel? Darf man die Sanierung der alten Röhre hinausschieben? Kann man den Lastwagenverkehr komplett verladen? Eine Auslegeordnung.

Hubert Mooser
Tieferlegen auf Taschenwagen: Das Modalohr-Transportsystem aus Frankreich entschärft das Problem der Eckhöhe von Lastwagen.
Tieferlegen auf Taschenwagen: Das Modalohr-Transportsystem aus Frankreich entschärft das Problem der Eckhöhe von Lastwagen.
... allerdings nicht mit der bestehenden Infrastruktur: LKW-Verlad im Hupac-Terminal in Aarau. (21. April 2009)
... allerdings nicht mit der bestehenden Infrastruktur: LKW-Verlad im Hupac-Terminal in Aarau. (21. April 2009)
Kommt der gesamte Schwerverkehr auf die Schiene? Mehr Güterzüge durch den Gotthard wären möglich, ... (5. Mai 2002)
Kommt der gesamte Schwerverkehr auf die Schiene? Mehr Güterzüge durch den Gotthard wären möglich, ... (5. Mai 2002)
... was eine Sperrung für Monate mit sich bringt: Blick in den Sicherheitsstollen. (11. August 2010)
... was eine Sperrung für Monate mit sich bringt: Blick in den Sicherheitsstollen. (11. August 2010)
Doch der bestehende Strassentunnel muss saniert werden, ...
Doch der bestehende Strassentunnel muss saniert werden, ...
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Der Gotthard-Strassentunnel muss spätestens in acht bis 15 Jahren saniert werden. Das geht aber nicht, ohne eine Sperrung des Tunnels für den Strassenverkehr, und das für Monate. Seit einigen Wochen machen Strassenverbände, Lastwagenlobby, Wirtschafts- und Tourismusvertreter des Kantons Tessin Druck zum Bau einer zweiten Röhre am Gotthard. Bis zum 27. Juni will Verkehrsministerin Doris Leuthard dem Bundesrat aufzeigen, ob es einen zweiten Tunnel braucht oder ob man den Schwerverkehr während der Sanierungsphase auf die Bahn verladen kann. zeigt jetzt, auf welche Grundlagen und Überlegungen Doris Leuthard ihre Vorschläge im Bundesrat abstützt.

Vor acht Jahren sagten die Schweizer Stimmbürger Nein zu einer zweiten Röhre am Gotthard. Doch jetzt hat die Idee für einen solchen Tunnel im Parlament wieder Auftrieb erhalten – wegen der bevorstehenden Sanierung des alten Strassentunnels. Nur: die betroffene Urner Bevölkerung hat den Bau einer Ersatzröhre zum Zwecke der Sanierungsarbeiten bei einer kantonalen Abstimmung bereits abgelehnt. Im Tessin gab es bisher keinen solchen Urnengang. Dort lobbyiert aber die Kantonsregierung für eine zweite Röhre, weil man Wirtschaftseinbussen befürchtet. Bundesrätin Leuthard wiederum sagte vor den Medien in Bern, ein neuer Strassentunnel habe keine Priorität. Es gebe andere Landesgegenden, die stärker unter Staus leiden würden.

2,6 Milliarden kostet ein neuer Tunnel

Eine zentrale Frage bei allen Überlegungen ist, wie man den Schwerverkehr während der Schliessung des Gotthards durch die Alpen schleusen kann. Das Bundesamt für Strassen (Astra) geht heute davon aus, dass zum Zeitpunkt der Sanierung 1,3 Millionen Lastwagen die Schweiz durchqueren werden, davon rund 900'000 auf der Gotthard-Route. Mit der Rollenden Landstrasse (RoLa) könnten bestensfalls sogar bis zu 750'000 Lastwagen zwischen Erstfeld UR und Biasca TI durch den neuen Gotthard-Bahntunnel verladen werden. Das ist weitaus mehr, als man bis anhin angenommen hatte.

Die Sanierung wird dadurch teurer: Darum sagen die Verfechter eines neuen Strassentunnels heute: Der Bau einer neuen Röhre sei nur unwesentlich teurer als die gesamte Sanierung. Sie stützen sich dabei auf einen Bericht, den das Astra im Januar 2012 vorlegte. Bei einer ganzjährigen Sperrung des Strassentunnels käme die Sanierung (inklusive dem Verladen eines Teils des Verkehrs) auf 1,2 bis 1,4 Milliarden Franken zu stehen. Wird die Sanierung während der verkehrsintensiven Sommermonate unterbrochen, kostet die Renovation sogar zwischen 1,4 und 1,6 Milliarden. Ein zweiter Strassentunnel käme auf 2,6 bis 2,7 Milliarden Franken zu stehen.

Vier-Meter-Korridor

Es gibt aber ein Papier des Bundesamtes für Verkehr vom November 2011 «Fahrplan- und Kapazitätsprüfungen für eine RoLa im Basistunnel», welches aufzeigt, dass man mit einer Kombination von Lang- und Kurz-RoLa noch mehr Schwerverkehr durch das Gotthardmassiv schleusen könnte. Die Lang-RoLa führt von Basel nach Chiasso. Dazu müssten die EC-Züge um zwei Minuten verzögert werden. Bis Lugano dürfte jedoch die Verspätung wieder aufgeholt sein. Allerdings bleibt das Problem der Eckhöhe bei den Lastwagen bestehen. Für eine Lang-RoLa müsste zuerst ein Vier-Meter-Korridor realisiert werden.

Leuthard will im Herbst eine Vernehmlassungsvorlage für einen Vier-Meter-Korridor präsentieren. Ein Knackpunkt dürfte der 2,5 km lange Bözbergtunnel sein, der neu gebaut werden müsste. Die Kosten für den Vier-Meter Korridor zwischen Basel und Chiasso werden vom Bundesamt für Verkehr auf insgesamt eine Milliarde Franken geschätzt. So viel Geld hat Leuthard nicht zur Verfügung. Eine Alternative zum Ausbau der Infrastruktur könnte das neue Transportsystem Modalohr aus Frankreich sein. Mit solchen Tragwagen könnten auch Sattelauflieger mit einer Eckhöhe von vier Metern ohne Anpassungen der Bahninfrastruktur über die Gotthardstrecke befördert werden.

Überbrückungsmassnahmen sind erforderlich

Ein grosses Thema im Zusammenhang mit der Sanierung des Gotthardtunnels ist auch der Aufbau der temporären Verladeterminals in Erstfeld und Biasca. Der Bau einer zweiten Röhre wird aus diesem Blickwinkel als wirtschaftlichere Lösung angesehen. Ein zweiter Tunnel stünde auch bei einer späteren Sanierung noch zur Verfügung, während die Verladeterminals erneut auf- und abgebaut werden müssen. Der Betrieb und Unterhalt eines neuen Tunnels würde allerdings jährlich gegen 25 bis 40 Millionen Franken kosten. Hochgerechnet auf 40 Jahre entspricht dies einer Summe von 1 bis 1,6 Milliarden Franken – ohne Zinsen und Zinseszinsen. Für dieses Geld könnte man dann aber auch problemlos wieder einen Verlad einrichten.

Die Sanierung des alten Strassentunnels muss aus Sicherheitsgründen zwischen 2020 und 2025 erfolgen. Bis zu diesem Zeitpunkt wäre ein allfälliger neuer Tunnel aber noch nicht fertig. Es braucht also Überbrückungsmassnahmen im alten Tunnel, damit der Tunnel bis zur Eröffnung der neuen Röhre weiterhin betrieben werden kann. Viele der notwendigen Arbeiten kann man zwar während der ordentlichen Sperrnächte in den Unterhaltswochen ausführen. Für die Hauptarbeiten an der Zwischendecke ist jedoch eine Vollsperrung von 50 Tagen im Frühling und 90 Tagen im Herbst nötig. In dieser Zeit stünde dann aber kein Bahnersatz zur Verfügung.

Das Verlagerungsziel ist erreichbar

Mit der unter anderem im Papier «Fahrplan- und Kapazitätsprüfungen für eine RoLa im Basistunnel» aufgeführten Kombination von Lang- und Kurz-RoLa könnten die Terminals, wie von den Kantonen Uri und Tessin gewünscht, auf ein Minimum reduziert werden. Für die Alpeninitiative, welche den Bau einer zweiten Röhre bekämpft und diese Variante favorisiert, könnte man damit nebenbei auch das Verlagerungsziel (nur noch 650'000 Lastwagen auf der Strasse) fast erreichen. Dazu müsse man aber eine Umfahrung über den San Bernardino und die Walliser Pässe (Simplon und Sankt Bernhard) mit einem geeigneten Lenkungsinstrument verhindern.

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