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Wir brauchen mehr weltweiten Austausch, nicht weniger

Die Corona-Krise ist eine globale Krise, aber keine Krise der Globalisierung.

Das Coronavirus hat sich auf der ganzen Welt ausgebreitet und kann nur durch internationale Zusammenarbeit bekämpft werden, nicht durch Einzelaktionen. Foto: Jdidi Wassim (Getty Images)
Das Coronavirus hat sich auf der ganzen Welt ausgebreitet und kann nur durch internationale Zusammenarbeit bekämpft werden, nicht durch Einzelaktionen. Foto: Jdidi Wassim (Getty Images)

Noch in der ernstesten Krise wittert das SVP-Politbüro zuerst vor allem eines: eine Chance für die eigenen politischen Ziele. Altmeister Christoph Blocher preist in der «Weltwoche» die Abschottung als die richtige «Lehre» aus der Corona-Krise. Die Absicht – Propaganda für die Kündigungsinitiative – ist durchsichtig, die Argumente sind löchrig. Denn gerade der durch das Virus erzwungene wirtschaftliche Vollstopp zeigt die verheerenden Auswirkungen der Grenzschliessungen auf Alltag und Wirtschaft.

Die Druckerschwärze des blocherschen Traktats war noch feucht, als der Bundesrat schon dessen Haupt­argument widerlegte. Er verschärfte an den Grenzen die Kontrollen – genau wie es das Schengen-Abkommen für Notlagen wie die Corona-Krise vorsieht. Die Landesregierung tat also etwas, von dem Blocher behauptet hatte, es sei unmöglich.

Ein zweites Argument aus dem Giftschrank des gewieften Populisten ist Blochers Gleichsetzung der Globalisierung mit einem «grenzenlosen Weltstaat». Dieser höhle, man weiss nicht, wie, zugunsten eines wolkigen Ganzen die Eigenständigkeit der Staaten aus. Das Gegenteil ist richtig: Die Globalisierung wird getrieben durch den puren Eigennutz von Konzernen und Staaten. Diese sehen im welt­weiten Handel zunächst die Vorteile für sich selber. Genau so entsteht die internationale Arbeitsteilung, die der Schweiz erlaubt, komplexe Maschinen, Medikamente und Luxusuhren in alle Welt zu exportieren. Dafür importiert sie Kleider, Handys und Tomaten, die andere Länder besser und preisgünstiger produzieren.

Welche Folgen aber eine Schotten-dicht-Politik blocherscher Prägung längerfristig hätte, können wir zurzeit live beobachten.

Es ist dieser Egoismus, der die einzelnen Länder nachhaltig reicher macht – und damit die Welt. Egoistisch und rational ist es auch, nicht nur Waren, sondern auch Menschen über die Grenzen zu lassen. So wie tüchtige Schweizerinnen und Schweizer im Ausland ihr Glück finden, finden tüchtige Ausländerinnen und Aus­länder hier ihr Glück. So entsteht Wohlstand für alle. Aber wie die Globalisierungskritiker der Linken greift Blocher zum Taschenspielertrick, die immensen Wohlstandsgewinne der Globalisierung kleinzureden. Globalisierungsgefahren schildert er dafür in den grellsten Farben.

Natürlich: Uns erschreckt jetzt gerade, wie sich ein gefährliches Virus dank globaler Menschenströme blitzschnell über die Welt ausbreiten kann. Aber auch die Bekämpfung der Gefahr ist dank globaler Vernetzung einfacher geworden. Wissenschafter arbeiten rund um den Globus und rund um die Uhr in stetigem Austausch an Impfstoffen und Medikamenten.

Welche Folgen aber eine Schotten-dicht-Politik blocherscher Prägung längerfristig hätte, können wir zurzeit live beobachten. Um die Ausbreitung des Virus zu bremsen, wurde der freie Personenverkehr über Nacht praktisch abgewürgt. Flugzeuge bleiben am Boden, Züge halten an den Grenzen, Heimarbeit wird offiziell verordnet.

Verheerend wird das Virus nur dann, wenn wir die durch die Seuche erzwungenen Grenzschliessungen durch politisch verordnete ersetzen würden.

Das trifft die Wirtschaft hart, auch und gerade hierzulande, und zwar bis hin zu den mittleren und kleinen Betrieben. Die Kurzarbeitszahlen schnellen in die Höhe, gesamtwirtschaftliche Abkühlung droht. Der Bund stellt 10 Milliarden bereit, um kollabierenden Firmen auf­zuhelfen. Ob das reicht? Eher nicht.

Es ist also gut möglich, dass eine Rezession die unabwendbare, notwendige, aber äusserst bittere Medizin gegen das Virus ist. Die Neben­wirkungen könnten wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen haben, die wir uns heute noch gar nicht ausmalen wollen.

Daraus müssen wir dann, wenn die Seuche erst einmal unter Kontrolle ist, die richtigen Schlüsse ziehen: Für eine wirtschaftliche Erholung braucht es mehr internationalen Personen- und Warenverkehr, nicht weniger. Nicht nur kurz-, sondern langfristig verheerend ist das Virus nur dann, wenn wir die durch die Seuche erzwungenen Grenzschliessungen durch politisch verordnete ersetzen würden.

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