«Wir müssen präziser treffen können»

Der Kommandant der Bodentruppen erklärt, welche Bedeutung Infanterie, Artillerie und Panzer in Zukunft noch haben.

Divisionär René Wellinger will die Bodentruppen schrittweise weiterentwickeln. Foto: Ueli Liechti (VBS)

Divisionär René Wellinger will die Bodentruppen schrittweise weiterentwickeln. Foto: Ueli Liechti (VBS)

Beni Gafner@Tamedia

Neben der Luftwaffe sollen auch die Bodentruppen modernisiert werden und Waffen erhalten, die künftigen Anforderungen genügen. Den dazugehörigen Richtungsentscheid über die längerfristige Ausrichtung der Bodentruppen hat der Bundesrat gestern gefällt. Interessant: Die verantwortlichen Militärs wollen Systeme wie den Panzer Leopard, der das Ende des Dienstalters 2035 erreichen wird, oder auch das Artilleriegeschütz Panzerhaubitze M109 aus den 1960er-Jahren nicht einfach eins zu eins ersetzen. Altes soll, so lange wie möglich, im Dienst behalten werden. Neue Ausrüstung soll im Rahmen der normalen Rüstungsbeschaffung auf mobile und modular einsetzbare Einsatzverbände ausgerichtet sein. Doch was heisst das?

Wir haben den Kommandanten des Heeres, den obersten Chef der Bodentruppen, Divisionär René Wellinger dazu befragt.

Was müssen die Bodentruppen in Zukunft können?
René Wellinger: Als Teil der Armee müssen die Bodentruppen ihren Beitrag zur Erfüllung des verfassungsmässigen Auftrages leisten. Zum einen müssen sie helfen können, beispielsweise bei der Bewältigung von natur- und technologiebedingten Katastrophen. Zum anderen müssen sie aber auch die Bevölkerung schützen. In der ausserordentlichen Lage muss die Armee aber auch fähig sein, zu kämpfen und die Schweiz vor einer konventionellen Bedrohung zu verteidigen.

Das Umfeld hat sich verändert. Insbesondere breitet sich die Siedlungsfläche vor allem im schweizerischen Mittelland aus. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit von Einsätzen in überbauten Gebieten. Wie stellt sich die Armee solche Einsätze vor?
Die Wirkung von Systemen muss präziser erfolgen. Das kann nur erreicht werden, wenn Ziele präziser identifiziert und beobachtet werden können, wenn die Beobachtungsinstrumente mit den Wirksystemen besser vernetzt sind und Waffensysteme schliesslich auch präziser wirken. Wir dürfen nicht vergessen: Die Armee wird im eigenen Land eingesetzt, um die Bevölkerung zu schützen. Wir sind auf funktionierende Infrastrukturen angewiesen. Daher sind Kollateralschäden unter allen Umständen zu vermeiden.

« Die Bodentruppen verfügen heute nicht über die modernsten Systeme. Das sehen wir in der Ausbildung.»Divisionär René Wellinger

Was heisst das nun für Neubeschaffungen?
Im vorliegenden Bericht «Zukunft der Bodentruppen» haben wir operationelle Fähigkeiten definiert, welche die Bodentruppen haben müssen, um ihren Auftrag zu erfüllen. Neubeschaffungen stützen wir auf diesen Fähigkeitskatalog ab. Die Bodentruppen verfügen heute nicht über die modernsten Systeme. Das sehen wir in der Ausbildung. Aber diese Systeme erfüllen heute immer noch für die Armee und die Sicherheit der Schweiz ihren notwendigen Zweck. Daher geht es nun darum, neue Projekte – sei es im Bereich der Beobachtung, Vernetzung oder Wirkung – aufzugleisen, um mittel- und längerfristig keine Fähigkeitslücken einzugehen.

Was bedeutet das für die Politik?
Der Entscheidungsfindungsprozess bleibt unverändert. Die Armee bzw. das VBS legen dem Bundesrat und dieser dem Parlament Rüstungsbotschaften vor. Im Anschluss entscheidet das Parlament. Mit dem genannten Bericht haben wir nun eine Grundlage, um Systeme nicht mehr eins zu eins zu ersetzen, sondern fähigkeitsbasiert zu beschaffen.

Also definiert die Politik schlussendlich weiterhin das Leistungsprofil der Armee?
Selbstverständlich.

Ist der vorliegende Bericht der Anfang einer neuen Armeereform?
Nein. Es handelt sich um eine schrittweise zielgerichtete Weiterentwicklung der Bodentruppen, und zwar immer vor dem Hintergrund der gegebenen Rahmenbedingungen: Neutralität, sich verändernde sicherheitspolitische Lage, finanzieller Rahmen, Primat der Politik, um nur einige zu nennen.

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