Wird dank Franziskus ein Ordensmann Bischof von Chur?

Nur wenn der Papst persönlich eingreift, hat das Bistum Chur Aussicht auf einen basisnahen Bischof wie etwa den Einsiedler Abt Urban Federer.

Er wäre ein Kandidat für das Amt des Bischofs von Chur: Urban Federer, Abt des Klosters Einsiedeln. Foto: Keystone

Er wäre ein Kandidat für das Amt des Bischofs von Chur: Urban Federer, Abt des Klosters Einsiedeln. Foto: Keystone

Michael Meier@tagesanzeiger

Man stelle sich vor: Abt Urban Federer von Einsiedeln erhält einen Telefonanruf aus Rom, und zwar vom Papst persönlich. Dieser bittet den Ordensmann, Bischof von Chur zu werden – dem Bistum und dem Frieden zu­liebe. Er, Franziskus, gedenke ihn an die Spitze der Dreierliste zu setzen, aus der dann das Churer Domkapitel den künftigen Oberhirten wählen soll.

Ein Wunschszenario, gewiss, aber kein unrealistisches. Franziskus ist erst kürzlich so vorgegangen, bei der Bischofswahl im Bistum Hildesheim. Der Papst rief Heiner Wilmer (58), damals Generaloberer der Herz-Jesu-Priester in Rom, auf dem Handy an, wie dieser der Zeitung «Die Zeit» erzählte. Franziskus zum verdutzten Ordensmann: «Ich weiss, wer du bist . . . aber du bist frei, ich mache dir keinen Druck.» Der Bauernsohn, der in der New Yorker Bronx tätig war und Machtmissbrauch in der DNA der Kirche verankert sieht, zögerte ­zunächst. Wie im Bistum Chur ist es das Domkapitel, das den Bischof von Hildesheim aus einer römischen Dreierliste wählt. Heute ist Wilmer Bischof und eine der profiliertesten Stimmen unter seinesgleichen.

Drei, die einen offenen Kurs verfolgen

Zurück ins Bistum Chur: Immerhin hat Franziskus die ungewöhnlich schwierige Situation erkannt und als ausserordentliche Massnahme Pierre Bürcher zum apostolischen Administrator gemacht. Der Papst könnte die Churer Bischofswahl ganz zur Chef­sache erklären und wie in Hildesheim die Dreierliste selber zusammen­stellen. Der Jesuit auf dem Stuhl Petri hievt gern Ordensleute in Spitzenpositionen. Warum nicht den Benediktiner Urban Federer (51)? Eher schöngeistig und spirituell als kirchenpolitisch interessiert, geniesst der Zürcher den Ruf eines moderaten und integren Kirchenmanns.

Alle, die von Amtes wegen bei der Wahl mitreden, sind Hardliner.

Auch sein Ordensbruder Basil Höfliger (53), ebenfalls Zürcher, wird genannt. Der Klosterorganist ist zugleich Pfarrer der Kirchgemeinde Einsiedeln und Ausserschwyzer Dekan. Im Gespräch ist weiter der Jesuitenobere Christian Rutishauser (54), ein Ostschweizer, der die hiesige Jesuitenprovinz von Zürich aus leitet und sich im jüdisch-christlichen Dialog engagiert.

Auch wenn sich die drei im Churer Bistumskonflikt nicht an vorderster Front exponiert haben, verfolgen sie doch einen offenen Kurs und würden das Bistum gewiss in ruhigere ­Gewässer steuern. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass der Heilige Stuhl auf Ordensmänner setzt, um das Problembistum zu beruhigen: 1993 hatte er den Jesuiten Peter Henrici und den Marianisten Paul Vollmar zu Weihbischöfen im Bistum Chur ­ernannt, 1998 den Benediktiner ­Amédée Grab gar zum Bischof.

Das Domkapitel entscheidet

Natürlich: Federer, Höfliger oder Rutishauser gehören in die Kategorie der basisnahen Wunschkandidaten. Eine Chance haben sie nur, sollte der Papst selber aktiv werden. Denn alle, die von Amtes wegen bei der Churer Bischofswahl mitreden, agieren auf der Linie des früheren Bischofs Vitus Huonder.

Allen voran der neue Administrator, Peter Bürcher, ehedem Bischof von Reykjavik. Der Walliser ist ein Marienverehrer und ein Gegner der Demokratie in der Kirche. Auch Kardinal Marc Ouellet, der als Leiter der römischen Bischofskongregation die Churer Bischofsliste bereinigen wird, ist ein Hardliner. Ebenso der päpstliche Nuntius in Bern, Thomas Gullickson, der zu Bischofskandidaten Konsultationen zuhanden Roms durchführt. Sein Kronfavorit, heisst es, sei der ehemalige Kaplan der Schweizergarde und aktuelle Freiburger Weihbischof, Alain de Raemy, ein Mann mit stramm konservativer Gesinnung.

Selbst wenn sich Franziskus über seine Berater hinwegsetzen und einen Ordensmann wie Federer an die Spitze der Dreierliste setzen sollte, ist dieser noch nicht Bischof von Chur. Das Domkapitel, bestehend aus 24 mehrheitlich konservativen Geistlichen, könnte sich für einen anderen Kandidaten auf der Liste entscheiden.

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