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Zwangsheirat soll als häusliche Gewalt gelten

Rund 1400 junge Frauen werden jährlich in der Schweiz bei Hochzeit, Scheidung oder Liebesbeziehung unter Druck gesetzt. Dies zeigt eine aktuelle Studie. Sie fordert, das Problem auf eine neue Art anzugehen.

Stellte die Ergebnisse der Studie heute in Bern vor: Bundesrätin Simonetta Sommaruga.

Zwangsheiraten in der Schweiz sind keine Einzelfälle: In den vergangenen zwei Jahren wurden gemäss einer Studie rund 1400 junge Frauen von ihrer Umgebung unter Druck gesetzt, zu heiraten, eine Liebesbeziehung zu beenden oder auf eine Scheidung zu verzichten. Die Zahlen haben Forscherinnen der Universität Neuenburg im Auftrag des Bundesamts für Migration (BFM) ermittelt. Es handelt sich um Schätzungen: Die Zahl genau zu beziffern, sei praktisch unmöglich, halten die Autorinnen fest. Für ihre Studie stützen sie sich auf die Angaben von Einrichtungen wie Frauenhäusern.

Justizministerin Simonetta Sommaruga stellte die Ergebnisse der Studie den Medien vor. Es handle sich um ein Thema, mit dem sich die Gesellschaft befassen müsse, stellte sie fest. Gesetze allein genügten nicht. Das Parlament hatte in der letzten Session ein Gesetz über Massnahmen gegen Zwangsheiraten verabschiedet. Neu ist zum Beispiel gesetzlich verankert, dass erzwungene Ehen ungültig sind. Wer jemanden zu einer Ehe nötigt, riskiert eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren.

Gänzlich verschiedene Fälle

Die Studie zeigt nun allerdings, dass die Situation komplex ist. Eigentliche Zwangsheiraten, bei welchen eine Person unter Druck gesetzt wird, eine ungewollte Heirat zu akzeptieren, machen den kleinsten Anteil aus: Die Forscherinnen zählten 348 Fälle.

Es gibt jedoch auch andere Zwangssituationen. In 384 Fällen wurde eine junge Frau unter Druck gesetzt, eine selbst gewählte Liebesbeziehung zu beenden. Und in 659 Fällen musste eine Person auf ihr Begehren nach einer Scheidung verzichten.

Viele in der Schweiz geboren

Die ersten beiden Typen, die Zwangsheirat und die verbotene Liebesbeziehung, betreffen vor allem junge Frauen ausländischer Herkunft zwischen 18 und 25 Jahren. Die meisten stammten aus den Balkanländern, aus der Türkei und aus Sri Lanka, wie Mitautorin Anna Neubauer erläuterte.

Bei den Zwangsheiraten ist über ein Drittel der Betroffenen in der Schweiz geboren, bei den verbotenen Liebesbeziehungen rund die Hälfte. Die Betroffenen seien mehrheitlich gut im Arbeitsmarkt integriert oder hätten eine Ausbildung absolviert, hält die Studie fest.

Physische und psychische Gewalt

Auf Scheidungen verzichten müssen vor allem über 25-jährige, im Ausland geborene Frauen, die wirtschaftlich von ihrem Ehemann abhängig sind und deren Aufenthaltsstatus unsicher ist. 80 Prozent der Betroffenen verfügen nicht über die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Die Scheidungsverzichtsfälle sind nicht nur die häufigsten. In diesen Fällen wird laut der Studie auch am meisten psychische und physische Gewalt angewendet. Dennoch werde darüber nur selten gesprochen, stellte Mitautorin Neubauer fest.

Konflikte zwischen Generationen

Ursache der Zwangssituationen seien Generationenunterschiede und migrationspolitische Aspekte, heisst es in der Studie. Oft hofften die Eltern, ihre Töchter und Söhne zu schützen, indem sie diese in der ethnischen, nationalen, sprachlichen oder religiösen Gemeinschaft festhielten.

Die hier aufgewachsenen Kinder hätten jedoch andere Vorstellungen von Liebesbeziehungen und Partnerwahl, was zu Generationenkonflikten führe.

Form der häuslichen Gewalt

Um den Frauen zu helfen, empfiehlt die Studie eine neue Herangehensweise an das Problem der Zwangsheiraten: Diese sollten künftig als Formen der häuslichen Gewalt behandelt werden, finden die Forscherinnen. Weiter sollen die verschiedenen Institutionen enger zusammenarbeiten.

Die Studie empfiehlt ausserdem, die Angebote für die Notunterbringung zu verstärken und die Prävention auszubauen, etwa über Schulen und Lehrstellen. Lücken machten sie auch bei der speziellen Betreuung von Minderjährigen, Männern und Urhebern von Gewalt aus.

Was die Scheidungsverzichtsfälle betrifft, sehen die Autorinnen die Politik in der Pflicht: Auf politischer Ebene müsse der Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und einer zivilstandsabhängigen Aufenthaltsbewilligung «reflektiert werden», fordern sie. Sommaruga will dem Bundesrat auf Basis der Studie nun Vorschläge unterbreiten.

SDA/wid

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