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Zweifel am Nutzen Olympischer Spiele

Der Berner Touristiker Jürg Stettler hinterfragt grossmundige Versprechen der Promotoren von Sion 2026.

Interview: Christoph Aebischer und Gregor Poletti
Gemäss einer Umfrage halten sich einen Monat vor der Abstimmung die Lager der Olympiabefürworter und -gegner etwa die Waage.
Gemäss einer Umfrage halten sich einen Monat vor der Abstimmung die Lager der Olympiabefürworter und -gegner etwa die Waage.
Laurent Gillieron, Keystone

Am 10. Juni stimmen die Walliser über die Olympiakandidatur Sion 2026 ab. Eine nationale Abstimmung wird es nicht geben, obwohl der Bund eine Milliarde investieren will. Ist das in Ordnung?

Die Konstellation ist unglücklich. Der Fahrplan des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) verunmöglicht eine nationale Abstimmung. Immerhin muss der Kredit durchs Parlament. Der Bundesrat begründet den Kredit unter anderem damit, dass die Spiele den Zusammenhalt in der Bevölkerung stärken. Sie sollen also eine gesamtschweizerische Wirkung erzielen. Das geht eigentlich nicht ohne Einbezug der Bevölkerung.

Also stimmen die Falschen ab?

Nein, das nicht. Aber die Walliser bestimmen fast im Alleingang über die Kandidatur. Sagen sie Ja, tragen sie zwar das Risiko der Infrastrukturanlagen in ihrem Kanton. Aber wenn beispielsweise die Sicherheitskosten aus dem Ruder laufen, hängen Bund und die anderen Kantone mit drin.

Müsste man konsequenterweise die Übung abbrechen?

So weit würde ich nicht gehen. Aber mir ist nicht klar, weshalb man nicht von Beginn weg eine nationale Abstimmung angestrebt hat. Das Schweizer Volk nicht miteinzubeziehen, erweist sich nun als Hypothek, weil es die Legitimation der Kandidatur schwächt. Umso wichtiger wäre eine kritische Auseinandersetzung zur Frage, weshalb in der Schweiz Olympische Winterspiele stattfinden sollen.

Seit 1960 endeten alle mit roten Zahlen. Im Prinzip gehts darum, weshalb die Öffentlichkeit einen Preis dafür bezahlen soll.

Für die Walliser könnte die Rechnung aufgehen, wenn man analysiert, wer profitiert und wer bezahlt. Für den Rest der Schweiz braucht es überzeugende Argumente, warum man den Austragungsorten, im Wesentlichen dem Wallis, dem Tourismus und dem Sport substanzielle Steuerbeträge zukommen lassen will.

Welche Bedingungen müssten erfüllt sein?

Es stellt sich zum Beispiel die Frage, ob es angemessen ist, wenn die öffentliche Hand bereits für die operative Durchführung der Spiele bezahlen muss. Das entspricht nicht der Empfehlung von Swiss Olympic. Die öffentlichen Gelder sollten primär für das eingesetzt werden, was über den Anlass hinausgeht, für Projekte und Massnahmen, die ein bleibendes Vermächtnis schaffen.

Sie haben die Kandidatur analysiert. Was soll bleiben von Sion 2026?

Der Vernehmlassungsbericht des Bundes macht in Bezug auf die Chancen der Spiele folgende Angaben: die Reputation stärken, den nationalen Zusammenhalt fördern, die Bevölkerung zum Sporttreiben motivieren, den Tourismus und die regionale Wirtschaft stärken und eine Plattform für den Leistungssport und die Nachwuchsförderung bieten. Das alles ist grundsätzlich gut. Die Frage ist, ob Olympische Spiele das richtige Instrument sind, um Ziele wie die Verbesserung der Lebensqualität und der Gesundheit der Bevölkerung oder die Stärkung der Baukultur zu erreichen.

Was sagen Sie?

Das ist sehr ambitiös. Man überschätzt die Kraft und Hebelwirkung der Spiele. Mit direkten Investitionen, zum Beispiel in den Sport oder den Tourismus, würde man wohl mehr erreichen.

Warum versprechen Promotoren Dinge, die sie nicht einhalten können?

Grossanlässe sind nicht rein privat finanzierbar. Weil man öffentliche Gelder braucht, sucht man gute Argumente dafür. Damit kommt eine Eigendynamik in Gang, die oft in unrealistischen Vorstellungen endet. Das Vermächtnis sollte jedoch nah am Zweck der Spiele angesiedelt sein. Am ehesten wird der Wintersport profitieren, und zwar der Nachwuchs- und Spitzensport. Schon der Transfer in Richtung Breiten- und Sommersport ist anspruchsvoll. Ebenso das Ziel, mit Sion 2026 den Ganzjahrestourismus voranzubringen.

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Es war als Promo-Anlass gedacht, rief aber Kritiker auf den Plan. (9. Februar 2018)

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Und dennoch will die ganze Sport- und ein grosser Teil der Politelite diese Spiele.

Weil es diese Milliarde nur im Zusammenhang mit den Spielen gibt. Diese Kopplung ist problematisch und führt in ein Dilemma: Entweder verzichtet man ganz auf das Geld, oder man erhofft sich über den Umweg der Spiele positive Effekte.

Was halten Sie denn für ein realistisches Vermächtnis?

Am einfachsten ist es mit Infrastrukturprojekten zu erreichen, die einem bleibenden Bedürfnis entsprechen. Ist eine Anlage für die Nutzung danach überdimensioniert, ist es eine Fehlinvestition. Das trifft auch auf provisorische Anlagen zu, die danach wieder abgebaut werden. Das dezentrale Konzept, die Nutzung bestehender Infrastrukturen und die geringen Investitionen sind eigentlich eine Stärke der Kandidatur, weil sie das Risiko von Kostenüberschreitungen minimieren. Gleichzeitig reduzieren sie aber auch das Potenzial eines Vermächtnisses.

Die als Stadtteile konzipierten Athletendörfer in Collombey und Thun sind gestorben. Der Doppelspurausbau des Lötschbergtunnels wurde nie ernsthaft erwogen. Was ist im Infrastrukturbereich zu erwarten?

Nicht viel. Aber der Wintersport wird sicher profitieren, das haben die Fussball-Euro 2008 und die Leichtathletik-EM 2014 in Zürich gezeigt.

Das müssen Sie ausführen.

Dank der Euro stieg die Zahl der Fussballspieler, der Nachwuchs konnte sich etablieren. Das zeigt beispielsweise die Anzahl Spieler, die einen Transfer zu einem ausländischen Club schafften, oder der Aufschwung im Frauenfussball. Die Leichtathletik konnte die Abwärtstendenz drehen. Heute ist die Leichtathletikszene wieder viel vitaler.

Fünf Jahre nach Sion 2026 könnten wir also im Skifahren den Erzrivalen Österreich schlagen?

Die Basis dazu legten bereits die Ski-Weltmeisterschaften 2017 in St. Moritz. Unsere Hochschule begleitete das Projekt während fünf Jahren. St. Moritz war ein erfolgreicher Anlass und zeigte die Chancen, aber auch die Grenzen in Bezug auf die Schaffung eines Vermächtnisses auf.

Wo zum Beispiel?

Die meisten Projekte waren ganz oder mehrheitlich erfolgreich. Einige gelangen nicht nur teilweise, wie etwa das Event-Kompetenzzentrum. Es zeigte sich, wie wichtig und anspruchsvoll es ist, konkrete Projekte zu entwickeln und sie dann auch erfolgreich umzusetzen. Damit temporäre Arbeitsplätze dauerhaft erhalten bleiben. Das dezentrale Konzept von Sion 2026 bietet da durchaus Chancen.

Welche?

Eigentlich werden de facto mehrere Weltmeisterschaften verschiedener Disziplinen gleichzeitig unter dem Olympiadach durchgeführt.

Kandersteg könnte also seine Kompetenz in der Durchführung von Skispringkonkurrenzen erhöhen und das Goms in jener, Langlaufrennen zu veranstalten?

Das ist denkbar. Die Austragungsorte können sich dank den Spielen in diesen Bereichen spezialisieren sowie international positionieren.

Wird das IOK eine Zerlegung der Spiele in verschiedene Disziplinen-WM akzeptieren?

Wenn ich den Stand der bisherigen Arbeiten als Gradmesser nehme, dann hat die Schweiz im Vergleich mit den fünf anderen Konkurrenten die Nase vorne. Und wenn das IOK die Agenda 2020 ernst nimmt und auch so umsetzt sowie auf Europa setzt, dann gebe ich der Schweiz gute Chancen. Die Chancen würden noch grösser, wenn das IOK gleichzeitig mit 2026 auch die Winterspiele von 2030 vergeben würde. Man muss aber wissen, dass im IOK bisher anderes – zum Beispiel kurze Anfahrtswege – wichtiger war als die Qualität des Kandidaturdossiers.

Seit 1948 scheiterten alle Schweizer Olympiakandidaturen, zuletzt jene in Graubünden. Auch Sion 2026 ist nicht ideal aufgegleist. Was müsste man ändern?

Basierend auf den Erfahrungen der Ski- WM in St. Moritz erarbeiten wir derzeit einen Vermächtnis-Leitfaden für Grossveranstaltungen. Dieser richtet sich an Veranstalter, Austragungsorte und Dachorganisationen. Im Herbst sollte er vorliegen. Erstmals angewendet werden soll dieser bei der Rad-WM 2023.

Weshalb gerade die Rad-WM?

Weil Swiss Cycling schon in einem frühen Stadium mustergültig versucht, mit der Rad-WM eine Mehrjahresentwicklung zugunsten des Radsports zu initiieren und gleichzeitig auch einen langfristigen Mehrwert für den Austragungsort zu schaffen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu solchen Grossanlässen?

Ich war 2010 in Vancouver. Spannend war, wie sich die Stimmung im Verlauf der Spiele entwickelte. Trotz Wetterkapriolen und organisatorischen Schwierigkeiten wurden die Spiele ein Erfolg und Vancouver zur Festhütte.

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