«Wir sind mit 65 Jahren nicht schlagartig alt»

Bei der Sicherung der Renten gehe es gar nicht um eine blosse Anhebung des Rentenalters, sagt der Altersexperte Hans Groth. Der Schlüssel liege darin, die Menschen länger und vor allem flexibler arbeiten zu lassen.

Sinnstiftende Arbeit über den 64. oder 65. Geburtstag hinaus: Aktive Seniorinnen und Senioren werden heute oft ergänzend im Schulunterricht eingesetzt.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Sinnstiftende Arbeit über den 64. oder 65. Geburtstag hinaus: Aktive Seniorinnen und Senioren werden heute oft ergänzend im Schulunterricht eingesetzt.

(Bild: Keystone)

Hans Groth, die Alterung der Gesellschaft setzt die Sozialsysteme unter Stress. Was ist das Kernproblem?
Hans Groth: Vielleicht sollte man gar nicht von demografischer Alterung sprechen, sondern von Langlebigkeit. Die Leute leben länger. Das biologische Alter hat nichts mit dem numerischen Alter zu tun. Wir sind mit 65 Jahren nicht schlagartig alt. Unsere Gesellschaft ist aufgebaut auf einem System, das lange richtig war – ab 60 oder 65 werden Menschen alt und müde. Darauf haben wir unsere Sozialsysteme aufgebaut. In der Nachkriegszeit hat sich das biologische vom numerischen Alter entfernt, im Schnitt jedes Jahr um drei Monate. Die Sozialsysteme haben diese Änderung nicht nachvollzogen.

Sprich: Die Menschen sind nicht mehr alt, wenn sie in Rente gehen.
Ja. Hinzu kommt noch ein anderes Problem. Die Sozialsysteme sind entweder direkt auf Umverteilung aufgebaut oder indirekt über das produktive Kapital. Die Rente muss also von denen erarbeitet werden, die noch arbeiten. Seit 1971 gehen unsere Geburtenraten zurück. Damit funktioniert die Umverteilung nicht mehr. Und gleichzeitig sind die Leistungen der Sozialsysteme immer weiter ausgebaut worden. Da helfen auch Kapitallösungen nicht unbedingt – derzeit haben wir ja zu viel Geld, das keine produktiven Anlagen findet.

Wo ist die Lösung?
Der Schlüssel liegt nicht darin, wann man in Rente geht und wie hoch der Umwandlungssatz ist. Der Schlüssel liegt darin, die Leute möglichst lange in einem produktiven Verhältnis zu halten.

Geht es nicht am Ende trotzdem um ein späteres Renteneintrittsalter?
Es klingt negativ, wenn man einfach sagt, die Leute bekommen zwei Jahre später ihr Geld. Wenn Sie die Herausforderung allein über das Rentenalter lösen wollen, dann müssten Sie von einer Rente mit 72 sprechen – das wäre politisch nicht durchsetzbar. Der Schlüssel liegt im Arbeitsmodell.

Im heutigen System arbeitet man bis zum Tag X, und am Tag X plus eins überhaupt nicht mehr. Ist das noch sinnvoll?
Das ist völlig obsolet. Man darf den Leuten nicht einfach mit 65 sagen, man brauche sie nicht mehr. Sondern man muss schon früher anfangen, mit den Menschen gemeinsam eine Perspektive aufzubauen. Das kann mit 50 beginnen und bei 70 aufhören.

Die Arbeit muss also in den letzten Arbeitsjahrzehnten anders organisiert sein?
Richtig. Wir müssen uns fragen, wie und wann wir in unserem Leben arbeiten wollen.

Also ohne festes Renteneintrittsalter?
Die Biologie ist bei jedem Menschen anders. Es braucht ein flexibles Modell. Aber die Arbeitgeber müssen die älteren Leute auch wollen.

Wie bringt man sie dazu?
Viele Menschen arbeiten gern. Aber man muss als Arbeitgeber richtig mit ihnen umgehen. Und sie brauchen die richtigen Rahmenbedingungen: Man muss auch mit 50 wieder eine neue Ausbildung machen können.

Wenn die Leute die Wahl haben zwischen Arbeit und Rente, werden wohl die meisten die Rente wählen, egal in welchem Alter.
Menschen wollen Nutzen stiften. Die Selbstständigen finden sowieso ihren Weg. Die Angestellten hatten bisher diese Leitplanken, die sie mit 65 aus der Arbeit in die Rente gelotst haben.

Ist es denn Aufgabe der Arbeitgeber, die Leitplanken auf längere Arbeitszeit auszurichten?
Richtig. Die Arbeitgeber müssen die Stärken ihrer Mitarbeiter kennen und maximieren. Sie müssen frühzeitig anfangen, sie auf die letzten Jahre in der Arbeit einzustimmen. Sie können von ihnen nicht verlangen, immer wieder das Gleiche zu machen. Es braucht eine Lebensplanung. Dafür braucht die Mehrzahl der Leute Hilfe. Das ist die Verantwortung der Arbeitgeber, das ist aber auch ein enormes Potenzial. Es gibt für jeden Menschen die richtige Arbeit. Er braucht nur das Gefühl, gebraucht zu werden. Aber Sie dürfen eines nicht vergessen: Das Problem löst sich 2060 von ganz allein.

Warum?
Dann kommt die Verteilung der Altersgruppe wieder in ein neues Gleichgewicht. Wir haben derzeit das Problem, dass die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit allmählich in Rente gehen und die geburtenschwachen Jahrgänge nach 1970 die Rente finanzieren müssen. Doch eines Tages gehen auch diese geburtenschwachen Jahrgänge in Rente.

Zur Person: Hans Groth ist Präsident des World Demographic & Aging Forum in St.Gallen. Der Mediziner hat bis 2012 für den amerikanischen Pharmakonzern Pfizer gearbeitet. Seit 2009 ist er Lehrbeauftragter an der Universität St.Gallen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt