Siemens will das Herz des Konzerns auslagern

Kraftwerke haben das Unternehmen einst gross gemacht. Jetzt will Siemens die Sparte an die Börse bringen. Das hat Folgen.

Mitarbeiter der Siemens-Turbinensparte: Die grossen Anlagen waren einst eine sichere Bank im Konzern, nun sind sie zum Auslaufmodell geworden. Bild: AFP

Mitarbeiter der Siemens-Turbinensparte: Die grossen Anlagen waren einst eine sichere Bank im Konzern, nun sind sie zum Auslaufmodell geworden. Bild: AFP

Thomas Fromm@SZ

Der Technologiekonzern Siemens spaltet sich weiter auf und gliedert mit seiner Öl- und Gas-Sparte ein weiteres Geschäftsfeld aus. Wie der Konzern am Dienstag nach einer Aufsichtsratssitzung mitteilte, soll das gesamte Geschäft mit der Energiebranche bis September 2020 an die Börse gebracht werden. Dazu soll dann auch die deutsch-spanische Windkraft-Tochter Siemens Gamesa gehören, an der der Konzern bisher 59 Prozent hält.

Die Münchner selbst sollen danach nur noch eine Minderheitsbeteiligung an dem Geschäft behalten; die Mehrheit der Aktien wird an die eigenen Aktionäre verschenkt. Das Modell und die Art und Weise, sich eines Geschäfts zu entledigen, ist bei Siemens bereits erprobt. Über einen Börsengang und die Ausgabe von Anteilsscheinen an die Aktionäre hatte man sich bereits vor sechs Jahren von der Leuchtentochter Osram getrennt.

Bis zuletzt war darüber spekuliert worden, Siemens könnte sein Kraftwerksgeschäft in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Wettbewerber Mitsubishi Heavy Industries geben. Gegen ein Modell, bei dem Siemens eine Minderheitsposition in einem Joint Venture gehalten hätte, hatten sich allerdings die Arbeitnehmervertreter bei Siemens gestemmt. «Wir haben erreicht, dass mit dem geplanten Börsengang in Deutschland die Unternehmensmitbestimmung erhalten bleibt und Siemens sich damit auch zu den Arbeitsplätzen in Deutschland und Europa bekennt», sagte Birgit Steinborn, Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats und stellvertretende Vorsitzende des Aufsichtsrates.

Kein Selbstläufer an der Börse

Insofern ist dies eine Lösung, die beiden Seiten gefallen kann: Den Arbeitnehmervertretern, die einen Verkauf des Geschäfts mit Tausenden von Mitarbeitern ins Ausland vorerst verhindert haben. Und Siemens-Chef Joe Kaeser, der das wackelige Geschäft nun auch aus der eigenen Bilanz ausgliedern kann. Allerdings: Wäre das Geschäft mit Kraftwerken und Turbinen ein Selbstläufer für die Börse, hätte es Siemens womöglich nicht ganz so eilig, es loszuwerden.

Der Gewinn im Kraftwerksgeschäft schrumpfte im vergangenen Geschäftsjahr um drei Viertel auf 377 Millionen Euro, 6000 Jobs werden abgebaut, und dass das Geschäft jemals wieder so wird, wie es einmal war, ist wenig wahrscheinlich. Die Energiebranche wandelt sich rasant weg von Kohlekraftwerken in Richtung erneuerbarer Energien wie Wind und Sonne und von Grosskraftwerken hin zu dezentraler Energieerzeugung. Vor allem die Turbinen, einst eine sichere Bank im Industriekonglomerat aus München, sind heute ein Auslaufmodell.

Schon an diesem Mittwoch wird Siemens Investoren und Analysten berichten, wie es mittelfristig mit dem Geschäft und seinen Tausenden Mitarbeitern weitergehen soll. Die Geschichte der Ausgliederung des Energiegeschäfts wird dabei aber wohl nur Teil eines grösseren Plots sein.

Kaeser will einen schlankeren Kern

Kaeser setzt gerade eine Grossstrategie für seine fast 400'000 Mitarbeiter um, und wie alle Konzernstrategien hat auch diese hier einen grossen Namen. Sie heisst «Vision 2020+». Es geht also um eine Vision. Die Vision Kaesers sieht so aus: Weniger Menschen in der Münchner Zentrale, mehr Dezentralisierung, ein schlankerer Kern und mehr Macht in den eigentlichen Geschäften. Auf dem Weg hin zu einer quasi-Holding mit operativen Einheiten und strategischen Beteiligungen ist der Vorstandschef schon ziemlich weit gekommen. Das Windenergiegeschäft ist in dem deutsch-spanischen Unternehmen Siemens Gamesa aufgegangen, die Medizintechniksparte unter dem Namen «Healthineers» ist an der Börse.

Die Zugsparte sollte eigentlich mit dem französischen Konkurrenten Alstom zusammengelegt werden, dies fand allerdings nicht die Zustimmung der EU-Wettbewerbskommission. Nun ist offen, wie es weitergeht – im Gespräch ist auch hier ein Börsengang. Siemens, dieser 1847 in Berlin gegründete Industriekonzern, ist im Laufe der Jahrzehnte zu einem ewigen Laboratorium geworden. Mal gehörten die Glühbirnen von Osram dazu, mal die Speicherchips von Infineon, mal die Bauelemente von Epcos, und – auch das – die Siemens-Handys.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt