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Saisonabbrüche im FussballSignale aus Paris

PSG ist französischer Meister, nachdem mit der Ligue 1 die erste grosse Fussball-Liga die Saison abbricht – und damit andere in Europa unter Druck setzt. Corona wird für die Clubs zur existenzbedrohenden Krise.

Paris Saint-Germain und Neymar sind Meister – doch wie geht es in der Champions League weiter?
Paris Saint-Germain und Neymar sind Meister – doch wie geht es in der Champions League weiter?
Foto: Keystone

Die Vereinsoberen von Paris Saint-Germain hatten Neymar schon angerufen, um ihn aus der Corona-Pause in der brasilianischen Heimat nach Frankreich zurückzubeordern. Vom 11. Mai an sollte der Starstürmer das Mannschaftstraining wieder aufnehmen. Auch die übrigen französischen Profivereine hatten geplant, den Betrieb zu diesem Zeitpunkt neu anzufahren. Doch sie hatten die Rechnung ohne Edouard Philippe gemacht.

Der Traum der Fussballbosse, sie könnten ihr Geschäft trotz Epidemie fortsetzen – Frankreichs Premierminister hat ihn mit kompromissloser Härte zerstört: «Die Saison 2019/2020 des Profisports kann nicht wieder aufgenommen werden, das gilt auch für den Fussball», verkündete Philippe im Parlament. Für die Kicker gilt dasselbe wie für alle Mannschaftssportler im Land: Ihr Sport bleibt verboten.

Mit der französischen Ligue 1 bricht indes die erste grosse europäische Fussballliga die Spielzeit ab – und steuert auf eine womöglich existenzbedrohende Krise zu. Jedenfalls zeigen sich die Vereine, die im Dachverband LFP zusammengeschlossen sind, weit stärker erschüttert als am Wochenende von der Nachricht, dass Junior Sambia von Montpellier HSC, der erste Corona-kranke Spieler der Liga, auf der Intensivstation liegt.

Verdikt aus Paris: Premierminister Edouard Philippe (links) annullierte den Ligabetrieb, Präsident Emmanuel Macron sucht europaweit das Gespräch.
Verdikt aus Paris: Premierminister Edouard Philippe (links) annullierte den Ligabetrieb, Präsident Emmanuel Macron sucht europaweit das Gespräch.
Foto: Ludovic Marin (EPA/Keystone)

Nach 28 Spieltagen ist Schluss

Die 20 Clubs waren fest davon ausgegangen, von Mitte Juni bis Anfang August die unterbrochene Saison zu Ende spielen zu können. Nun aber ist nach 28 Spieltagen Schluss: Am Donnerstag hat die LFP ausserdem entschieden, PSG zum Meister zu küren. Amiens und Toulouse heissen die beiden Absteiger, während Lorient und Lens aus der Ligue 2 aufsteigen. Dies wurde mittels einer Quotientenregel bestimmt, bei der die Anzahl der Punkte durch die Anzahl der absolvierten Partien geteilt wird. Toulouse hat nun aber bereits angekündigt, dass der Club sich überlegt, gegen diese Entscheidung juristische Schritte einzuleiten. Solche Szenarien drohen vorne in der Tabelle nicht: Die Pariser hatten die Tabelle mit 12 Punkten Vorsprung angeführt.

In anderen europäischen Top-Ligen ist die Meister-Frage weit umstrittener, doch womöglich macht das französische Saisonabbruch-Beispiel sogar Schule. In Deutschland mag sich die Bundesliga allerdings nicht davon abbringen lassen, die Saison fortzusetzen, Spanien will sich hier lieber an Deutschland als an Frankreich orientieren. In Italien dagegen lässt der Sportminister schon unter Verweis auf Frankreich verlautbaren, die Wahrscheinlichkeit sei gering, dass die Serie A noch beendet werde – die Vereine sollten sich auf die nächste Saison konzentrieren.

Gut möglich, dass der französische Alleingang mehr als nur Signalwirkung hat. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will auch die anderen Topligen von einem Abbruch überzeugen. Wie die Zeitung «Le Parisien» berichtet, steht Macron deswegen bereits in Kontakt mit seinen Amtskollegen in Deutschland, Spanien und Italien.

Die TV-Stationen zahlen nicht

Doch auch in Frankreich lässt der Entscheid aus Paris die Alarmglocken schrillen – und wird nicht einfach so hingenommen An der Krisensitzung des LFP-Verwaltungsrat vom Donnerstag wurde auch besprochen, was das Spielverbot wirtschaftlich bedeutet. Weil die Saison nicht regulär zu Ende geht, dürfte den Vereine 278 Millionen Euro an Fernsehrechten von den Sendern Canal Plus und Beln Sports verloren gehen. Canal Plus hatte bereits erklärt, dass das Unternehmen nichts mehr zahlen werde. Für die Clubs kommt der Ausfall bei Zuschauereinnahmen und Sponsorengeldern hinzu.

Ausserdem belasten hohe Spielergehälter die Kassen: Eine Anfang April mit der Spielergewerkschaft UNFP geschlossene Grundsatzvereinbarung, dass die Bezüge vorübergehend um bis zu 50 Prozent sinken können, konnte auf Vereinsebene bisher kaum umgesetzt werden. All dies könnte für reiche Vereine wie PSG verkraftbar sein. Dagegen könnte Marseille, das schon die Vorsaison mit einem Verlust von 91 Millionen Euro abschloss, bald ums Überleben kämpfen.

Wie geht es für PSG in der CL weiter?

Nach dem Abbruch der Saison lebt die Hoffnung, die nächste Spielzeit Anfang August starten zu können – vor leeren Rängen zwar, aber immerhin. Das brächte frisches Geld, denn zur neuen Saison beginnt ein lukrativer Vertrag mit einem neuen Fernsehrechteinhaber. Das Pariser Sportministerium will den Vorschlag zumindest prüfen.

Ausgerechnet Meister Paris aber hat noch nicht abgeschlossen mit dieser Saison. Wie es in der Champions League – bei PSG das Mass der Dinge – weitergeht, ist noch offen. Nachdem das Team von Trainer Thomas Tuchel gegen Dortmund mit einem grossen Effort den Viertelfinal erreicht hat, will Präsident Nasser al-Khelaïfi den Traum vom Europa-Titel 2020 noch nicht aufgeben. Er droht, Philippes Verbot schlicht zu umgehen, und sagt über eine mögliche Fortsetzung der Königsklasse: «Wenn es in Frankreich nicht möglich ist, werden wir unsere Spiele im Ausland austragen.»