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Zum Tod von Manu DibangoSo nebenbei die Discomusik miterfunden

Der kamerunische Saxofonist geht als erstes prominentes Opfer des Coronavirus in die Geschichte ein. Und als Musiker, der Afrika in die Welt getragen hat.

Im Oktober hätte er er das 60-jährige Bühnenjubiläum gefeiert: Manu Dibango am Cape Town Jazzfestival 2018.
Im Oktober hätte er er das 60-jährige Bühnenjubiläum gefeiert: Manu Dibango am Cape Town Jazzfestival 2018.
Foto: Mike Hutchings/Reuters

Eigentlich startete die musikalische Laufbahn des Emmanuel N’Djoké Dibango – besser bekannt unter seinem Künstlernamen Manu Dibango – mit einer musikalischen Fehleinschätzung: 1972 wurde er beauftragt, die offizielle Fussballhymne für den Afrika-Cup zu schreiben. Er lieferte den munteren Track «Mouvement Ewondo» ab – und setzte das Stück, das sein Leben nachhaltig verändern sollte, bloss auf die B-Seite der Single: «Soul Makossa» hiess es. Es war dem Funk-Jazz verpflichtet und in vieler Hinsicht ein progressives Stück Musik: Manu Dibango präsentierte darin unter anderem einen pre-hip-hoppenden Sprechgesang, indem er das Wort «Makossa» (ein damals hipper Musikstil in Kamerun) lustvoll dekonstruierte.

Bald weckte der Song die Aufmerksamkeit eines gewissen David Paul Mancuso, der in New York die ersten Loft-Partys für die örtliche LGBT-Szene veranstaltete. Seine Feste gelten als eigentliche Keimzelle der Disco-Musik. «Soul Makossa» lief dort in Dauerrotation und wurde zuerst zum Underground-Hit, etwas später zum ersten Nummer-1-Hit eines afrikanischen Musikers in den USA. Und so wird «Soul Makossa» bis heute als wegweisender Track des bald weltweit florierenden Disco-Genres gefeiert. Es folgten Tourneen auf der ganzen Welt, Manu Dibango galt bald als eine der Schlüsselfiguren des groovenden Afro-Jazz und dem als «Weltmusik» firmierenden Geschäfts mit dem leicht verdaulichen musikalischen Exotismus.

«Ich sage dem Leben danke»

Dabei deutete lange nicht viel auf ein Leben im Superstar-Modus hin. Da sie für ihn in Afrika keine erspriessliche Zukunft sahen, finanzierten ihm seine Eltern ein Schiffsticket nach Frankreich. In einem Interview mit dem SWR erinnerte sich Manu Dibango an diesen einschneidenden Moment: «Ich war 15 und reiste mutterseelenallein in eine völlig andere Welt. Ich würde mit den Weissen leben, die ich nur aus der Ferne kannte.» Und dann folgte ein Satz, der typisch ist für den Musiker: «Ich sage dem Leben danke.»

Dibango ist ein Mensch, der sein Privileg nie als selbstverständlich nahm, der mit einer gesunden Demut durchs Leben ging, sich stets sozial engagierte und von allen hochgeschätzt wurde, die mit ihm zusammenarbeiten durften.

Einzig seine Eltern waren etwas verstimmt, als sie erfuhren, dass der kleine Manu in Frankreich nicht eine Beamtenkarriere anstrebte, sondern sich ganz der Musik verschrieb und nach der Mandoline und dem Klavier zu seiner grossen Liebe fand: dem Saxofon. Er schloss sich der Bands des Kongolesen Joseph Kabasélé an, zog nach Belgien, für kurze Zeit sogar wieder zurück nach Kamerun und landete schliesslich in Paris. Hier veröffentlichte er diverse Alben, die jedoch vornehmlich in Afrika auf Resonanz stiessen. Bis das Jahr 1972 anbrach.

Zum Träumen anregen

Stilistisch schlenkerte Manu Dibango in der Folge zwischen Funk, Pop, Afro, Reggae und Jazz. Gerade in den Achtzigerjahren gerieten ihm gewisse Alben etwas gar geschmäcklerisch – die Slap-Bass-Technik und die Erfindung des Digitalsynthesizers fanden in seiner Musik kaum kritisch hinterfragt Niederschlag. Doch live brachte der Kameruner alles zum Tanzen, was aufrecht gehen konnte.

Mit seinem Saxofon hatte er keine jazzgeschulten Kunststücke im Sinn, er brachte es vornehmlich als Singstimme zum Einsatz: «Man sollte Adolphe Sax dafür dankbar sein, dass er ein Instrument schuf, das die Menschen zum Träumen anregt», hat Manu Dibango im erwähnten Interview gesagt. In Erinnerung werden weniger die träumerischen Melodien, als seine musikalischen Groove-Attacken bleiben, seine entfesselnden Konzerte und sein einnehmendes Wesen.