Cannabis aus der Apotheke? Kiffer-Studie testet Legalisierung

Hunderte notorische Kiffer sollen in Bern bald legal Cannabis in Apotheken beziehen – angebaut werden dafür bis zu 600 Kilo Hanf.

Bis 2018 soll Haschisch legal werden: Aktivistin in Kanada. Foto: Justin Tang/The Canadian Press, AP, Keystone

Bis 2018 soll Haschisch legal werden: Aktivistin in Kanada. Foto: Justin Tang/The Canadian Press, AP, Keystone

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Kiffen ist in der Schweiz immer noch illegal. Das Anbauen von Drogenhanf mit einem hohen THC-Gehalt sowieso. Das dürfte sich im Kanton Bern bald ändern – zumindest für eine gewisse Zeit und für bestimmte Personen. Denn eines der kuriosesten wissenschaftlichen Experimente der Schweiz steht kurz vor dem Start: Wissenschaftler des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) und des klinischen Studienzentrums (CTU) der Universität Bern wollen während dreier Jahre Cannabis an notorische Kiffer verkaufen – und dabei untersuchen, wie sich ein regulierter Verkauf in der Stadt Bern auswirken würde. Schätzungen zufolge werden dazu bis zu 600 Kilogramm Cannabis benötigt – diese Menge hat einen Schwarzmarkt-Wert von bis zu 12 Millionen Franken.

Die Kiffer-Kriminalität ist in der Schweiz hoch

Im März bewilligte die bernische ­Ethikkommission nach langem Hin und Her das «kontrollierte Experiment» der Berner Forscher. «Das war ein erster Meilenstein», sagt CTU-Co-Direktor Sven Trelle, der die Studie gemeinsam mit Stefanie Hossmann und Professor Matthias Egger vom ISPM leitet. Und jetzt stellt sich auch der Schweizerische Nationalfonds (SNF) hinter das Projekt, kürzlich sprach die Institution 720'000 Franken für das Cannabis-Experiment. Der SNF fördert «wissenschaftliche Exzellenz», wie es auf dessen Internetseite heisst – für die Forscher aus Bern ein Ritterschlag.

In der Schweiz sind Konsum und Anbau von sowie Handel mit Cannabis verboten. Wer jedoch weniger als zehn Gramm mit sich führt, wird nur mit einer Ordnungsbusse belegt. Entsprechend hoch ist die Kiffer-Kriminalität. Gemäss der schweizerischen Kriminalstatistik gab es 2015 fast 23'000 Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz wegen des Konsums von Hanfprodukten.

Tatsache ist: Kiffen ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Cannabis ist laut dem Suchtmonitoring Schweiz hierzulande «die mit Abstand am häufigsten konsumierte illegale Substanz». Fast jede dritte Person ab 15 Jahren hat bereits Erfahrungen mit der Droge gemacht. In Befragungen geben hochgerechnet 210 000 Menschen an, in den letzten 30 Tagen Cannabis konsumiert zu haben. Und nach wie vor gibt es laut den Berner Wissenschaftlern keine Belege dafür, dass das im Cannabis enthaltene Rauschmittel THC Psychosen oder andere gravierende Gesundheitsschäden verursacht. «Darüber hinaus spielt Cannabis nur eine marginale Rolle bei den Einweisungen auf Notfallstationen, zumindest laut den Daten des Berner Inselspitals», sagt Co-Studienleiterin Hossmann.

Probanden müssen nachweisen, dass sie regelmässig kiffen

Immer mehr Länder streben denn auch eine Legalisierung an. Ende letzter Woche legte die kanadische Regierung einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor. Und in der Schweiz wurde diese Woche laut «Tages-Anzeiger» erneut eine Initiative für die Legalisierung lanciert. Genau da wollen die Berner Forscher ansetzen. «Wir haben mit der Studie die Chance, den politischen Entscheid einer regulierten Cannabis-Abgabe in der Schweiz zu simulieren. Das ist einzigartig», sagt Hossmann.

Um alle gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen, mussten sich die Wissenschaftler allerdings ein ausgeklügeltes Studiendesign einfallen lassen. Sie sind an die Grundsätze der Schweizer Drogenpolitik gebunden: Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression sowie Jugendschutz.

Bei der Studie mitmachen dürfen daher nur Personen ab 18 Jahren, die keine psychoaktiven Medikamente einnehmen und nicht in psychiatrischer Behandlung sind. Mit einer Haarprobe müssen sie belegen, dass sie regelmässig kiffen – in den Haaren lässt sich THC auch nach Wochen nachweisen. So werden Neu-Kiffer oder Neugierige von einem Mitmachen abgehalten. Zudem müssen alle Probanden zur Prävention einen Fragebogen ausfüllen und eine Art Schulung durchlaufen. Gleichzeitig wird das Experiment von Ärzten begleitet: Erkennen sie einen Kiffer mit problematischem Konsum, wird er aufgefordert, sich Hilfe zu holen.

Die Forscher hoffen auf 500 Probanden

Mit dem Versuch wollen die Wissenschaftler herausfinden, ob die Legalisierung einen Einfluss hat auf die Kiffer in der Stadt Bern: Rauchen sie dann mehr oder weniger Cannabis? Werden sie häufiger straffällig, weil sie beispielsweise bekifft Auto fahren? Wie ändert sich ihre Einstellung zu Drogen? Die Wissenschaftler wollen aber auch die Auswirkungen auf den Cannabis-Schwarzmarkt untersuchen: Verändern sich bei einer kontrollierten Abgabe die Preise? Steigen THC-Gehalt und Qualität der angebotenen Produkte?

Je mehr Personen beim Experiment mitmachen, desto besser können allfällige Effekte nachgewiesen werden. So hoffen die Forscher, dass im besten Fall 500 Stadtberner Kiffer am Experiment teilnehmen. Das dürfte möglich sein, denn Schätzungen zufolge leben in der Bundesstadt bis zu 5000 chronische Cannabis-Konsumenten, die für die Studie infrage kämen. Die Re­krutierung soll nächstes Jahr starten.

Ist der Kiffer einmal zugelassen, erhält er die Berechtigung, in ausgewählten Berner Apotheken Cannabis mit einem THC-Gehalt von voraussichtlich 12 Prozent zu beziehen. Pro Mal sind 8 Gramm erlaubt, was je nach Präferenzen für 20 bis 30 Joints reicht. Maximal dürfen pro Kunde und Monat 24 Gramm bezogen werden. Dafür zahlt der Kiffer 10 bis 20 Franken pro Gramm. Die 12 Prozent entsprechen dem durchschnittlichen THC-Gehalt des in der Schweiz konsumierten Cannabis – und 10 bis 20 Franken pro Gramm ist der Schwarzmarkt-Preis. «Wir passen die Preise laufend an», sagt Hossmann. So soll vermieden werden, dass die Probanden das Cannabis aus dem Experiment verkaufen, wenn der Preis auf dem Schwarzmarkt plötzlich höher sein sollte.

Das Cannabis soll in Bern angebaut werden

Die Vorteile für die Kiffer liegen auf der Hand: Sie erhalten staatlich geprüfte Drogen und einen Ausweis, damit sie nicht gebüsst werden, falls sie bis 10 Gramm des Studien-Cannabis bei sich tragen. Zudem wird die Polizei das Cannabis aus dem Experiment nicht konfiszieren können. Über 10 Gramm dürfen aber auch Studienteilnehmer nicht mitführen, und der Konsum ist nur im privaten Raum erlaubt.

Im Gegenzug müssen die Teilnehmer Fragebögen ausfüllen und persönliche Daten abliefern. Co-Studienleiter Trelle versichert, dass die Daten von den Strafverfolgungsbehörden nicht einsehbar sein werden. «Zugriff hat nur unser Studienpersonal.»

Produziert werden soll das Cannabis im Kanton Bern – in einem Gewächshaus unter natürlichem Licht. Als Produzenten infrage kommen Bauernbetriebe oder eine Gärtnerei.

Die Hypothese der Forscher: In Bern ändert sich nichts

Noch fehlt der Entscheid des Bundesamts für Gesundheit. Die Behörde dürfte aber hinter dem Projekt stehen, sagte doch Gesundheitsminister Alain Berset (SP), er begrüsse es, «wenn neue Modelle und Wege ausprobiert werden». Kommt hinzu, dass Bern nicht allein ist: Auch die Städte Basel, Genf und Zürich planen Studien, sind aber in der Ausarbeitung weniger weit. Auch konservative Politiker werden den Versuch kaum mehr bremsen können.

Die Berner Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Experiment keine nennenswerten Effekte auf die Kiffer und auf die Gesellschaft haben wird. «Unsere Hypothese lautet: Es ändert sich nichts», sagt Trelle. Das wäre vermutlich das stärkste Argument für eine Legalisierung. Denn dann liesse sich eine Kriminalisierung der Kiffer kaum mehr rechtfertigen. Und im allerbesten Fall können die Forscher sogar belegen, dass die Zufriedenheit der entkriminalisierten Kiffer steigt – etwa weil ihr Konsum von Alkohol und Tabak sinkt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.04.2017, 08:26 Uhr

Weltweit auf dem Vormarsch

Als Nächstes will Kanada den Konsum von ­Cannabis erlauben.

Kanadas Premierminister Justin Trudeau will sein Wahlkampfversprechen einlösen: Bis im Sommer 2018 soll der Besitz und Konsum von Marihuana legalisiert werden, kündigte die Regierung letzte Woche an. Anbau und Verkauf übernehmen private Firmen, die dafür eine Lizenz vom Staat beantragen müssen. «Unser jetziges System funktioniert nicht», begründete Trudeau seine Pläne in den Medien. Der Hanf-Schwarzmarkt finanziere andere kriminelle Aktivitäten, der Jugendschutz sei zu lasch. Begleitet wird die Legalisierung daher von harten Strafen für das Bereitstellen von Cannabis an Minderjährige – dafür drohen bis zu 14 Jahre Haft. Hannes von Wyl

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