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«Das ist paradox. Das gefällt mir»

Wiedersehen mit dem Dauerpessimisten Aki Kaurismäki, der den wunderbar optimistischen Asylfilm «The Other Side of Hope» gedreht hat.

«Ich habe schon Filme voll­kommen besoffen gemacht und andere voll­kommen nüchtern. Man sieht keinen ­Unterschied»: Regisseur Aki Kaurismäki, 59. Foto: David von Becker
«Ich habe schon Filme voll­kommen besoffen gemacht und andere voll­kommen nüchtern. Man sieht keinen ­Unterschied»: Regisseur Aki Kaurismäki, 59. Foto: David von Becker

Aki Kaurismäki, wie geht es ­Ihnen?

Ich bin todunglücklich. Und meine Filme werden immer lausiger. Sonst geht es gut.

Haben Sie wirklich das ­Gefühl, Ihre Filme würden immer schlechter?

Natürlich. Aber ich bin gescheiter als früher. Ich werde kein böses Wort mehr darüber verlieren. Und Sie werden das auch nicht, nicht wahr?

Im Gegenteil, «The Other Side of Hope» ist bis jetzt mein Lieblingsfilm von 2017.

Stopp, stopp. Ich bin zu alt, um mit Ihnen darüber zu streiten. Ich bin so alt, dass ich nicht einmal mehr meine Filme richtig hasse.

Aki Kaurismäki, muss man wissen, ist nicht besonders alt. Im April wird er 60. Einige Regisseure haben ihre besten Werke erst später gedreht. Aber damit muss man ihm, dem Kenner der Filmgeschichte, nicht kommen. «Sergio Leone ist mit 60 Jahren gestorben», sagt er sofort. «Der grosse Japaner Yasujiro Ozu ebenfalls, und zwar erst noch an seinem Geburtstag. Nein, nein, für mich gehts zu Ende. Ich bin froh, wenn ich noch ein paar Pilze sammeln kann.» Da ist sie wieder, die typisch finnische Kaurismäki-Mischung aus Lakonie, Melancholie und Filmhistorie. Es ist 17 Uhr, an einem Februarnachmittag in Berlin, und nicht unsere erste Begegnung. Beim letzten Mal verabschiedete er sich mit den Worten: «Ich werde vor Ihnen sterben!» Auf die Bemerkung, das könne er doch unmöglich wissen, erwidert er: «Doch. Weil ich älter bin.» Zehn Jahre später ist der grosse Regisseur immer noch quicklebendig, aber der Tod ist ständiges Thema, auch in diesem Gespräch im Hotel Savoy an der Fasanenstrasse in Berlin, wo er seit Jahrzehnten absteigt. Und jetzt gerade sagt er: «Ich bin ein einsamer Wolf. Man wird auf mein Herz zielen und mich abknallen.»

Niemals! Falls er es bildlich meint, sowieso nicht. Die Kritiker lieben seinen neuen Film «The ­Other Side of Hope», die Berlinale-Jury zeichnete ihn mit dem Regiepreis aus. Kaurismäki erzählt in seinem ersten Film seit «Le Havre» (2011), als sei die Zeit stehen geblieben: alte Autos, alte Kneipen in Helsinki, alte Rockmusik, dargeboten von einer Band, die auch im Film zu sehen ist. Die Geschichte aber ist brisant und modern.

«Ich bin ein einsamer Wolf. Man wird auf mein Herz zielen und mich abknallen.»

Zwei Menschen stehen im Zentrum, deren Wege sich erst in der Mitte des Films kreuzen: ein Asylbewerber aus Syrien, den es eher zufällig nach Helsinki verschlagen hat. Und ein Textilhandelsvertreter, der sein Lager verkauft, um ein neues Leben zu beginnen. Wenn der sich zu Beginn von seiner Frau trennt, geht das so: Sie sitzt am Küchentisch, Lockenwickler im Haar. Er steht vor ihr, wirft seinen Hausschlüssel auf den Tisch und den Ehering noch dazu. Dann verschwindet er. Sie nimmt den Ehering auf, betrachtet ihn und schmeisst ihn in den Aschenbecher. Damit ist alles gesagt, ohne dass irgendein Wort gefallen wäre.

Aber es ist nicht das Ende der Geschichte dieses Ehepaars, die dann doch noch eine schöne Wende nimmt. So wie beim Asylsuchenden. Der muss zwar untendurch, es gibt im Film Naziprügler und Messerstecher. Aber auch er erlebt ein Ende, das wenigstens nicht ganz hoffnungslos ist.

In Ihren Filmen gibt es immer ein Happy End, nicht wahr?

Dieses Mal wollte ich es vermeiden, habe es aber dann doch getan, aus kinematografischen Gründen. Es ist natürlich völlig unglaubwürdig, denken Sie nicht, ich wisse nicht, wie die Wirklichkeit ist. Ich kann die Realität schon sehen, und die schaut miserabel aus. Eigentlich hat man nur eine Möglichkeit: auf die Barrikaden steigen! Besser heute als morgen.

Was heisst das genau?

«Stop this shit» schreien. Aufhören, Kriege um Geld zu führen. Aufhören, die Luft zu verpesten und diesen Planeten umzubringen. Wenn wir so weiterfahren, haben auch Sie keine zehn Jahre mehr zu leben, nicht nur ich. Prost!

Entschuldigen Sie, Sie haben soeben mein Glas Weisswein ausgetrunken . . .

. . . ich weiss, es war Notwehr. Ich kriege keine Luft mehr, wenn ich an die Zukunft denke. Dann muss ich trinken.

Zu diesen Worten nimmt er sein eigenes Glas, das etwas versteckt auf dem Boden steht, und schüttet Flüssigkeit zurück, in dasjenige des Gasts. Ja, Kaurismäki und der Alkohol. «Ich saufe nicht mehr», hat er vor zehn Jahren gesagt, und wenn man ihn aufs Weissweinglas aufmerksam machte, sagte er: «Das ist doch nicht Trinken. Ich verzichte auf Schnaps und höre mir dafür finnischen Tango an.» Klar ist sein ungesundes Leben mitschuldig an der langsamen Kadenz der Arbeit. Obwohl er sagt: «Ich habe schon Filme vollkommen besoffen gemacht und andere vollkommen nüchtern. Man sieht keinen Unterschied.»

«Ich mache keine Filme mehr. ‹The Other Side of Hope› ist mein ­letzter.»

Egal. Sein Leben ist seine Sache. Seine Filme gehören uns. Und die haben nichts von ihrer Kraft eingebüsst. Sie sind eine scharfe Anklage im Grossen. Sie stecken voller Menschen mit grossen Herzen im Kleinen. Und voller Witz im Detail. Zum Beispiel beim Hund («In jedem Film spielt mein eigener Hund mit, insgesamt waren es sieben in 35 Jahren»). Hier wird das Tier mit dem Asylbewerber bei einer Polizeiinspektion des Restaurants – der Hemdenverkäufer betreibt unterdessen eine Knelle – versteckt. Kaum sind sie draussen, heisst es: «Der Hund ist zum Islam konvertiert. Bald belagert er Budapest und Belgrad.» Knapp, scharf und witzig. So bringt Kaurismäki die Dinge immer noch auf den Punkt.

Und es stimmt: Seit seinem ersten Film reibt er sich an der Realität Finnlands. Bei unserer ersten Begegnung vor 26 Jahren sagte er mit seiner beschwörend leisen Stimme: «Die finnische Wirklichkeit existiert nicht mehr. Es ist schrecklich, zu sehen, was mit Finnland passiert. Ich gehe fort, um einen grossen Schlaf zu machen.» Er hat in Frankreich gedreht, in den USA, in Mexiko. Ist aber doch immer nach Finnland zurückgekehrt. «Es ist schlimmer als je, unter der neuen Regierung», sagt er jetzt. «Aber lassen Sie uns nicht über Finnland sprechen. Vergessen Sie nicht, ich bin ein alter Wolf.» Dazu stülpt er den Kragen hoch und fletscht die Zähne wie ein Raubtier.

Wieso ein Wolf?

Weil sie ausgerottet werden in Finnland. Es gibt nur noch 150 davon, ständig werden sie geschossen. Ich bin der letzte grosse Alpha-Wolf. Wobei, das ist mir zu männlich. I ch bin eine Wölfin, die mittrottet.

So, wie Sie Filme machen, sind Sie schon ein Alpha-Wolf!

Ich mache keine Filme mehr. «The Other Side of Hope» ist mein ­letzter.

Aber er ist doch der zweite Teil einer Trilogie.

Na und? Dann ist es die erste Trilogie, die aus zwei Teilen besteht. Das ist paradox, das gefällt mir.

Kaurismäki spielt gerne den existenzialistischen Clown. Aber jetzt schaut er tatsächlich müde und abgekämpft drein. Vielleicht wegen der Filmparty am Vorabend, vielleicht wegen des Lebens. Meint er es wirklich ernst (er hat in den 1990er-Jahren schon mal gesagt, er höre auf)? Nichts ist mehr aus ihm rauszubringen. Mit leeren Augen schaut er irgendwo in die Ferne. Aber dort ist nichts.

Oder doch? Beim Rauslaufen leuchten seine Augen plötzlich wieder. «Vamos!», ruft er und sagt: «Ich hoffe, wir sehen uns noch einmal. Das ist mein Wunsch.» Danke Aki, meiner auch. Das würde heissen, es gäbe doch wieder einen Kaurismäki-Film, in fünf, sechs Jahren. So würde die Welt wenigstens dann etwas weniger trüb sein.

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«The Other Side of Hope»: ab 30. März im Kino

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