Das Vorbild von Zuckerberg ist Mao

Im besten Fall ist Zuckerberg ein digitaler Sektenführer, im schlechtesten ein gefährlicher Totalitarist.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war ein Auftritt für die Geschichtsbücher: Auf der einen Seite der milchgesichtige und knopfäugige Mark Zuckerberg, Chef der weltweit grössten Kommunikationsplattform, Herr über die Daten von über zwei Milliarden Menschen. Und ihm gegenüber die amerikanischen Senatoren und Kongressabgeordneten, die den Facebook-Gründer in die Mangel zu nehmen versuchten – und kläglich scheiterten.

Zuckerberg, das zeigten die stundenlangen Befragungen eindrücklich, hat trotz aller Datenskandale von den US-Behörden nichts zu befürchten. Weil ­Regulierungen angeblich nur die chinesische Konkurrenz stärken würden. Vor allem aber, weil die alten, oft greisen Politiker von der digitalen Welt keine Ahnung haben. Bei einigen von ihnen wäre man nicht überrascht gewesen, wenn sie Zuckerberg gefragt hätten, ob Facebook auch per Faxgerät funktioniere.

Wer im digitalen Zeitalter die Macht innehat, ist nach diesem Aufeinandertreffen jedenfalls geklärt. Zuckerbergs «Mission» kann weitergehen. Und diese besteht nicht bloss darin, weitere Milliarden zu scheffeln oder noch mehr Menschen online zu befreunden. Er will nichts weniger als die Welt verändern. Auf eine «positive und idealistische» Art und Weise, wie er an den Anhörungen betonte. Er klang dabei so beseelt, anmassend und bevormundend, dass es einem kalt den Rücken runterlief. Die gleichen hehren Ziele haben in der Weltgeschichte auch schon andere verfolgt, herausgekommen ist es selten gut.


«Er klang dabei so ­beseelt, dass es einem kalt den Rücken runterlief»

«Facebook ist eher eine Regierung als eine traditionelle Firma», sagte Zuckerberg bereits 2008. «Wir haben eine riesige Community und machen unsere eigene Politik.» Diese Gemeinschaft funktioniert allerdings nicht demokratisch, sondern eher diktatorisch – nach den Vorgaben und Regeln des Alleinherrschers Zuckerberg. Er weiss nicht nur, mit wem zwei Milliarden Menschen in Kontakt sind, worüber sie kommunizieren und was sie kaufen – oder kaufen sollten. Er und seine Gehülfen bestimmen auch, welche Nachrichten und Meinungen die Facebook-Nutzer zu sehen bekommen, was wichtig ist und was unwichtig, welche Kommentare politisch korrekt sind und welche gelöscht werden sollen.

Seiner Überwachungsmaschinerie entkommt kaum einer: Konkurrenten kauft er einfach auf. Und selbst wer gerade nicht auf Facebook ist, wird vom Unternehmen ausgehorcht. Es legt sogar Profile an und kauft Daten von Leuten, die noch gar nie auf Facebook ­waren. Zuckerberg besitzt mehr Informationen über weit mehr Menschen, als es die totalitärsten Herrscher des 20. Jahrhunderts sich je erträumt hatten.

«Kleines Rotes Buch»

Tatsächlich nahm sich der Facebook-Chef sogar Mao – den chinesischen Kommunistenführer, verantwortlich für rund 40 Millionen Tote – zum Vorbild. Seit Jahren lässt er allen neuen Mitarbeitern ein «Kleines Rotes Buch» verteilen, in dem er seine Grundsätze postuliert. Nicht nur der Titel des Buches lautet gleich wie bei Mao, der Inhalt klingt ähnlich ­revolutionär: «Die Schnellen sollen die Welt beherrschen», steht darin zum Beispiel. Oder: «Wer die Kommunikation ändert, ändert die Welt.» Auch auf dem Gelände des Facebook-Komplexes hängen überall Poster mit Leitsprüchen, die an totalitäre Propaganda erinnern: «Wachse über dich hinaus!», heisst es dort. Oder: «Bemühe dich und sei stolz!»

Im besten Fall ist Zuckerberg ein digitaler Sektenführer, im schlechtesten ein gefährlicher Totalitarist. Er wolle die gesamte Kommunikation weltweit unter seine Kontrolle bringen, warnen seine Kritiker. Immer wieder tauchen auch Gerüchte auf, dass er amerikanischer Präsident werden möchte. Wir denken, Twitter-Präsident Donald Trump sei schlimm. Was würde uns wohl mit Facebook-Präsident Zuckerberg blühen? (SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.04.2018, 23:39 Uhr

Artikel zum Thema

Da lacht das Silicon Valley

KOMMENTAR Die wichtigsten Fragen an Zuckerberg vermieden die US-Abgeordneten – während Facebooks Lobbyisten schon an Gesichter und Fingerabdrücke der Bürger wollen. Mehr...

«Und zwar auf Englisch, Herr Zuckerberg, nicht Swahili»

ANALYSE Sechs Erkenntnisse aus der Zuckerberg-Anhörung: Von der Kleidung des Facebook-Bosses zu den politischen Folgen. Mehr...

Zuckerberg hat alles unter Kontrolle

Facebook-Chef Mark Zuckerberg muss keine einschneidende Regulierung seines Beinahe-Monopols in den USA fürchten. Mehr...

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kultur für Kleine: In Dresden öffnet die erste Kinderbiennale in Europa. Anders als sonst im Museum, kann und darf hier selbst gestaltet und mitgemacht werden. (21. September 2018)
(Bild: Sebastian Kahnert/dpa) Mehr...