Die Guillotine ist aufgestellt

Markus Somm über Joe Biden, einen alten, weissen Mann.

Markus Somm@sonntagszeitung

«Don’t run, Joe», bewirb dich nicht um die Präsidentschaft, Joe Biden, schrieb Peggy Noonan, eine der berühmtesten Publizistinnen Amerikas, diese Woche im «Wall Street Journal». Seit mehrere Frauen Biden vorgeworfen haben, sie unerwünscht berührt oder geküsst zu haben, steckt Biden, der Vizepräsident von Barack Obama, in Schwierigkeiten. Noch hat sich Biden nicht offiziell entschieden, in den Wahlkampf der Demokraten einzusteigen, doch allgemein geht man davon aus, dass er dies bald tut. In allen Umfragen liegt er vorn. Die Versuchung für ihn muss übermächtig sein. Doch #MeToo, jene Bewegung, die sich – neben vielem andern – auch zum Ziel gesetzt hatte, Donald Trump als seriellen Ehebrecher und Frauenbelästiger aus dem Weissen Haus zu vertreiben, hat bisher der Linken fast mehr zugesetzt als der Rechten.

Harvey Weinstein, einer der besten Hollywood–Produzenten der Gegenwart, der den ersten Skandal ausgelöst hatte, und der wohl zu Recht in Ungnade gefallen war, gehörte zum demokratischen Establishment. Viele andere Männer, die in die Kritik geraten sind, stehen ebenfalls den Demokraten nahe. Dass selbst Bill Clinton, der einstige Held der Linken, sich kaum mehr traut, öffentlich aufzutreten, ist ebenso auf #MeToo zurückzuführen. Kein Politiker der jüngeren Vergangenheit hat vermutlich so viele Frauen belästigt – wenn ihnen nichts Schlimmeres angetan. Das alles hat man immer gewusst, aber gedeckt. Selbst einem Clinton wird das jetzt nicht mehr verziehen. Die Revolution frisst ihre Kinder.

Nun traf es Biden. Was eigentlich niemanden erstaunte, denn Biden, ein freundlicher, älterer Herr, ein Grossvater-Typ, der seit Urzeiten als Grossvater zu leben scheint, war in Washington berüchtigt als ein Mann, der dazu neigt, ­Frauen jeden Alters allzu unüberlegt, allzu aufdringlich anzufassen. Eine Umarmung da, ein Kuss dort, der über­raschend irgendwo landete, eine Massage hier, die sich merkwürdig anfühlte: Biden, der «handsy guy», der Zudringliche, sagen die Amerikaner, Biden, der Mann, der seine Hände nicht unter Kontrolle hat, ein herzlicher Fummler. Von sexueller Belästigung reden die wenigsten, aber viele wussten insgeheim, dass Biden Dinge tat, die im Zeitalter von #MeToo fast so verbrecherisch wirken wie eine Vergewaltigung. Es wird nicht mehr allzu fein unterschieden. Vor der Inquisition sind alle gleich.

Es herrscht eine revolutionäre, fiebrige Stimmung in der demokratischen Partei.

Peggy Noonan hat recht. Wenn der Mann sich und seine lange, bisher glänzende Karriere schützen will, darf er sich nie und nimmer auf eine Kandidatur einlassen. Noonan wirft ihm nichts vor – sie, eine höfliche, elegante Dame, die einst für Ronald Reagan Reden geschrieben hat, ist alt ­genug, dass sie weiss, wie man mit Menschen umgeht, die wie Biden peinlich auffallen, weil sie unfähig sind, Distanz und Nähe handzuhaben. Noonan, die Konservative, kennt und schätzt Biden, ein vernünftiger, moderater Demokrat. Doch sie rät ihm ab, weil sie spürt, dass Biden bald in Stücke gerissen würde, wenn er anträte – und zwar von den eigenen Leuten.

Es herrscht eine revolutionäre, fiebrige Stimmung in der demokratischen Partei. Die Guillotine ist längst aufgestellt für Leute wie Biden, die zur alten Garde zählen. Dass der gleiche Biden noch vor kurzem gefordert hatte, die Herrschaft der «alten, weissen Männer» sei zu beseitigen, hilft ihm nichts mehr. Biden verhielt sich so naiv wie jene französischen Revolutionäre, die meinten, der Guillotine zu entkommen, nur weil sie doch Revolutionäre waren. Aber nicht radikal genug: Was wir in der demokratischen Partei Amerikas derzeit beobachten, kommt einem Linksrutsch gleich, wie wir ihn in Europa schon lange nicht mehr erlebt haben. Bernie Sanders, jener Mann, der einst die Sowjetunion den USA vorgezogen hat, gilt heute als einer der beliebtesten Präsidentschaftskandidaten unter jungen Linken.

Von Sozialismus können diese Leute nicht genug bekommen, auch wenn sie meistens aus der oberen Mittelschicht stammen, selber weiss sind und wärmstens behütet unter kapitalistischen Bedingungen aufgewachsen sind. Obwohl ihr Elternhaus am Meer stand und über fünfzehn Zimmer verfügte, war es nicht gross genug, um all die Spielsachen zu verstauen, die man ihnen geschenkt hatte. Eine verwöhnte, verzogene Generation sucht nach dem Sinn des Lebens, und hat dabei den Sozialismus entdeckt, eine Ideologie, die etwa hundert Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Von seinem ehemaligen Chef erhält Biden übrigens auch keine Hilfe. Obama schweigt. Warum? Weil er wohl ahnt, dass die Jungen auch ihn nicht mehr ernst nehmen. Er ist ihnen zu wenig links.

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