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Die Schamanin des Rock ’n’ Roll

Patti Smith knöpft sich noch einmal ihr legendäres Debüt «Horses» vor und will nichts von Nostalgie wissen.

Schuf mit «Horses» den Soundtrack der persönlichen und ultimativen Rebellion: Patti Smith, 71. Bild: Jesse Dittmar/Redux/Laif
Schuf mit «Horses» den Soundtrack der persönlichen und ultimativen Rebellion: Patti Smith, 71. Bild: Jesse Dittmar/Redux/Laif

«Wir machen das nicht aus einer Sehnsucht nach alten Zeiten.» Patti Smiths Stimme klingt am Telefon in ihrer New Yorker Wohnung bestimmt, wenn sie über ihr Vorhaben spricht, ihr Debütalbum «Horses» noch einmal aufzuführen. Die 71-Jährige steckt auch voller Vorfreude auf den kommenden Sommerabend in Zürich, an dem sie und ihre Band diese Platte, mit der sie Rockgeschichte geschrieben hat, nicht einfach stückweise, sondern in voller Länge und in identischer Songfolge der LP performen wird. Patti Smith spricht dann von einer Energie, die sie und ihre Musiker auf der Bühne entfachen werden, von den vielen jungen Menschen, die ihre Konzerte besuchen und alle ihre ganz eigene Energie mitbringen: «Egal, was wir singen, egal, was wir performen – durch die Menschen und all die Jungen entsteht an jedem Abend eine neue Erfahrung, ein neues Erlebnis.»

Man muss beim Lesen dieser eigentlich unspektakulären Worte den Klang von Patti Smiths Stimme mitdenken, die heute altersbedingt leicht brüchig und doch unheimlich präsent klingt. Denn erst durch diesen beseelten Klang, der von Zuversicht und einer Unerschütterlichkeit geprägt ist, erhalten sie eine Kraft und eine Ausstrahlung, die ihnen auf Papier – noch dazu in einer anderen Sprache – fehlen. Es ist eine Ausstrahlung, mit der sie in den letzten Jahren zu einer Art Weisen, einer Schamanin des Rock ’n’ Roll geworden ist. Einer Überlebenden auch: «So viele meiner Freunde sind bereits gestorben, an Krankheiten, an Seuchen wie Aids auch, doch ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich noch am Leben bin und meine Kunst machen darf, schreiben kann, singen kann.»

Beeinflusst von Arthur Rimbaud und Bob Dylan

«Horses», erschienen 1975, ist nicht das Album ihres Lebens, wie Patti Smith betont: «Jede meiner Platten hat eine spezielle Bedeutung für mich, und alle Alben sind Teil meines Lebens.» Sie erwähnt dann «Banga» (2012), ihr bislang letztes Album, mit dem sie immer noch sehr glücklich sei. Smith zählt auch «Gone Again» auf, die Platte, mit der sie 1996 an ihren verstorbenen Ehemann Fred «Sonic» Smith erinnert hat.

«Horses» bleibe aber für sie natürlich ein Schlüsselwerk, aus dem simplen Grund, weil es für immer ihre erste Platte bleiben werde: «Das Album ist jenes meiner Jugend. Es beschreibt nicht nur, wer und wo ich als 25- und 26-Jährige war.» Die Platte weist nämlich auch zurück in jene Zeit, als sie sich noch aufs Schreiben von Gedichten beschränkt hatte. Sich als Dichterin sah, die vom mystischen französischen Lyriker Arthur Rimbaud besessen war, von der Poesie von Bob Dylan und den Beatniks auch, die damals, als sie 20 Jahre alt war und in New York City allmählich ihre Existenz als Künstlerin aufbaute, den Takt angab.

Ein Meer an Möglichkeiten: Patti Smith im Dezember 1975. Foto: Getty Images
Ein Meer an Möglichkeiten: Patti Smith im Dezember 1975. Foto: Getty Images

Als sie sich an jene Zeit zurückerinnert, spricht Patti Smith jene Zeile ins Telefon, die «Horses» eröffnet. Genauer: Jene Zeile, die sie im Song «Gloria (In Excelsis Deo)» nach zehn Sekunden und über eine Klavierakkordfolge fallen lässt. Jeder, der sie zum ersten Mal hört, aber auch jeder, der sie zum abertausendsten Mal zu Ohren bekommt, wird durch diese aufgerüttelt, elektrisiert und für die restlichen 43 Minuten des Albums in Bann gezogen. «Jesus died for somebody’s sins, but not mine», lautet sie und stammt aus ihrem Gedicht «Oath». Als «Manifest der Selbstbehauptung» hat sie diese Zeile niedergeschrieben, wie Patti Smith in ihrem grossen Erinnerungsbuch «Just Kids» schreibt. Die damals 20-Jährige gelobte, «die Verantwortung für mein Handeln fortan selbst zu tragen. Jesus war ein Mann, gegen den zu rebellieren sich lohnte, denn er war der Inbegriff der Rebellion.»

«Horses» entstand im Studio von Jimi Hendrix

Es ist also der Soundtrack der persönlichen und ultimativen Rebellion, der hier entfesselt wird. Diese ersten Minuten von «Horses» gleichen aber auch einem Urknall, denn in ihnen transformiert sich die Poetin, begleitet von ihrer Band, in die fesselnde und furiose Rock ’n’ Roll-Performerin Patti Smith. Oder wie sie den Moment der Aufnahme in «Just Kids» beschreibt: «Als wir das improvisierte Ende von ‹Gloria› erreichten, hatten wir zu uns selbst gefunden.»

Der Zuhörer wird hier Zeuge eines Erweckungserlebnisses, das sich im New Yorker Studio von Jimi Hendrix zugetragen hat, wo «Horses» entstanden ist. Man wird aber auch Zeuge einer Rockmusik, welche die Zeitachse sprengt: In «Horses» stecken die damaligen Klassiker wie Jim Morrison und seine Doors, ein wichtiges Vorbild von Smith. Das Album atmet aber auch den experimentellen Geist von New Yorker Stadtlegenden wie den Velvet Underground (deren Ex-Mitglied John Cale die Platte produziert hat). Und es weist auch in die nahe Zukunft, in der Punk die Rockmusik, wie sie damals bekannt war, zum Explodieren brachte.

«Klar geht es in ‹Horses› auch um Erinnerungen, doch es ist auch eine Ermutigung für die Zukunft», sagt Patti Smith. Bild: Getty Images/Mick Gold
«Klar geht es in ‹Horses› auch um Erinnerungen, doch es ist auch eine Ermutigung für die Zukunft», sagt Patti Smith. Bild: Getty Images/Mick Gold

Vielleicht ist das Album auch deshalb so gut gealtert, weil es in den langen Schlüsselstücken ein improvisiertes Stück Musik, ein offenes Kunstwerk ist. Und der Satz «sea of possibilities», das Meer an Möglichkeiten, den Patti Smith im Song «Land» immer wieder sagt, kann auf das ganze Album übertragen werden.

Sich von all dem Übel der Welt nicht unterkriegen lassen

Mit «Elegie» endet «Horses» dann auf einer stillen Note: «Ursprünglich schrieb ich den Song im Gedenken an Jimi Hendrix. Wenn wir ihn heute spielen, dann gedenken wir der Leute, die kürzlich verstorben sind. Wir sagen ihre Namen und ehren sie auf diese Art und Weise.» Patti Smith hält durch diese sanften Aktualisierungen einen Klassiker am Leben, steckt ihn nicht ins Museum: «Klar geht es in ‹Horses› auch um Erinnerungen, doch es ist auch eine Ermutigung für die Zukunft.»

Eine Zukunft, die ihr auch Sorge bereitet. Schuld daran ist nicht unbedingt die Trump-Präsidentschaft, für die sie sich schämt, sondern: «Die Sache, die mich am meisten beunruhigt, ist die Zerstörung unserer Umwelt, unserer Natur, unseres Wassers. Dies betrifft jede und jeden Einzelnen von uns. Und es hat nichts zu tun mit Politik, mit Religion, mit Geschlechterdiskussionen.» Wo sie denn Mut findet? «Der Aktivismus, die Energie, die der Protest der jungen Schüler nach dem Schulmassaker in Parkland entfachte, hat mich tief bewegt.»

Patti Smith spielt «Horses» live. Video: Youtube/astralasia23

Trost und Mut findet die grosse Leserin Patti Smith auch immer noch in der Literatur. Gegenwärtig liest sie etwa ein Buch von Robert Walser, dem sie am Tag seines 140. Geburtstages eine Meditation auf Instagram gewidmet hat.

Natürlich findet sie aber auch Energie in ihrer eigenen Kunst. Patti Smith erwähnt dann noch, dass man sich von all dem Übel dieser Welt nicht unterkriegen lassen sollte. Auch das ist eine Botschaft, die in der unvergleichlichen Platte namens «Horses» steckt.

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