Drill und Dreck

Crossfit, Bootcamp – Sportarten mit militärischem Hintergrund haben Zulauf. Weshalb tut man sich diese Schinderei an? – Diesen Artikel können Sie auch hören.

Wechselnde Abfolge von Übungen und Hindernissen: Obstacle Run. (Foto: Getty Images)

Wechselnde Abfolge von Übungen und Hindernissen: Obstacle Run. (Foto: Getty Images)

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Im Ziel angekommen, ist ihre Kriegsbemalung vom Schweiss zerlaufen und die Beine sind schlammbraun. Achtzehn Kilometer sind die Frauen und Männer gerannt, durch den Morast gewatet, Netze hochgeklettert, im kalten Wasser getaucht. «Strongman Run» heisst dieser Wettkampf, an dem im Sommer in Engelberg Tausende teilnahmen. Der Anlass hätte auch Spartacus Run heissen können oder Tough Viking.

Hindernisparcours im TV-Studio

Dutzende solcher Hindernisläufe finden in ganz Europa statt, Zehntausende Teilnehmer erklimmen von Sursee bis Stockholm jedes Jahr meterhohe Holzwände, schleppen Kanister, kriechen unter Stacheldraht durch. Die Idee dieser Wettkämpfe stammt vom Briten Billy Wilson. Der Ex-Elitesoldat rief 1987 den ersten Obstacle Run ins Leben, zuvor hatte er Hindernisparcours für die britische Infanterie entworfen.

Anlehnungen an die Schinderei von militärischen Trainings findet man auch anderswo: Auf RTL startete kürzlich die zweite Staffel «Ninja Warrior». Das Format eroberte in den letzten Jahren die halbe westliche Hemisphäre; der Hindernisparcours vom Truppenübungsplatz wurde dafür ins TV-Studio verlegt.

Ein Kandidat auf dem «Ninja Warrior»-Parcours von RTL. Quelle: Youtube.

Ebenfalls auf militärischem Drill beruhen die beiden populären, hochintensiven Sportarten Crossfit und Bootcamp (siehe Box). Crossfit verspricht einem «die Fitness, wie sie von einem Soldaten verlangt wird». Bei Schweizer Anbietern geben Trainer gerne auch mal den Drill-Instruktor mit Übernamen wie «The Pusher». Und der Name des Outdoor-Trainings Bootcamp ­basiert gleich ganz auf der eben so genannten Grundausbildung der US-Armee.

Bootcamp-Kurse in der ganzen Schweiz

Am ersten Schweizer «Strongman Run» vor sieben Jahren starteten 900 Teilnehmende, in Engelberg waren es dieses Jahr über 7000. Fast 100 Crossfit-Räume, sogenannte Boxen, sind hierzulande in der jüngeren Vergangenheit entstanden. In Schweizer Städten finden unzählige Bootcamp- oder Urban-Fitness-Kurse statt.

Tausende Teilnehmende am «Strongman Run» 2016 in Engelberg. Quelle: Youtube.

Allein die Bootcamper, im Besitz der Genossenschaft Migros Aare, bieten pro Monat 260 Trainings an 48 Orten an. Tendenz steigend. Und auch der Akademische Sportverband Zürich (ASVZ) hat sein Angebot in dieser Sparte kontinuierlich ausgebaut: Im Crossfit gibt es für Anfänger und Fortgeschrittene mittlerweile zwölf Lektionen pro Woche, beim Bootcamp sind es fünf.

Auch der «Survival Run» in Thun lockt fast 4000 Zuschauer an. Quelle: Youtube.

Lauter als der innere Schweinehund

Was fasziniert an diesen Sportarten? Weshalb robbt im Schlamm, wer selbst vielleicht nur mit ­grossem Unmut den Militärdienst ­absolvierte? Wer tut sich das ­freiwillig an und so, als ginge es tatsächlich um die Aufnahme in ein Elite-Korps? Fragt man die Sportlerinnen und Sportler, wird schnell klar: Militär erleben wollen die ­wenigsten. Ralf ist Ende dreissig, Unternehmer aus Zürich und geht seit dreieinhalb Jahren ins ­Crossfit.

Er sagt, für ihn spiele der militärische Kontext keine grosse Rolle. Die Bootcamperin Claudia ­wiederum schätzt es, dass der Coach ihrer Gruppe nicht zu sehr auf Drill aus ist. Sie gibt dann aber zu: ein ­bisschen sei eben doch gut. «Ich brauche jemanden, der lauter ist als mein innerer Schweinehund.»

Drill spielt eine wichtige Rolle

Die Migros und der ASVZ ­geben sich zurückhaltend und spielen die militärische Herkunft eher herunter. Bei Bootcamper heisst es auf der Website: «Bootcamp erinnert an Armee. Aber das intensive Intervalltraining hat nichts mit militärischem Drill zu tun.» Beim ASVZ soll überhaupt nichts daran erinnern, weshalb man Bootcamp vor einiger Zeit in «Funktionales Outdoortraining» umbenannt hat, wie Heiner Iten erklärt. Der Leiter des Sportangebotes gibt jedoch zu bedenken, dass hartes Training per se nichts Negatives sein müsse: «Im Leistungssport spielt Drill eine wichtige Rolle.»

Gut möglich, dass es sich bei diesen Sportarten einfach um weitere Schattierungen des anhaltenden Fitnesstrends handelt. Ein durchtrainierter Körper gilt als erstrebenswert; in einer Sportstudie des Bundes gab die Hälfte der Befragten an, mit Sport die Attraktivität steigern zu wollen.

Das intensive Training zeigt schnelle Ergebnisse

Laut Heiner Iten beobachtet man beim ASVZ seit längerem, dass Sportarten mit hoher Intensität im Trend liegen. «Die Leute wollen weg von den Laufbändern und Kraftmaschinen. Und sie wollen Leistung erbringen.» Itens ­Aussage deckt sich mit den Voten der Sportlerinnen und Sportler: Sie haben keine Lust mehr, im Fitnesscenter das ewiggleiche Geräteprogramm zu absolvieren.

«Die Leute wollen weg von den Laufbändern und Kraftmaschinen. Und sie wollen Leistung erbringen.»Heiner Iten, Leiter des Sportangebotes beim ASVZ

Mehr noch aber schätzen sie es, dass die intensiven Trainings besonders in der Anfangsphase schnell zu Ergebnissen führen. «Ich werde bald neununddreissig und war noch nie so fit», sagt Unternehmer Ralf. Es sei eben ein gutes Gefühl, körperlich bereit zu sein – komme, was wolle.

Für Jan Rauch, Sportpsychologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), sind Crossfit und Bootcamp Phänomene unserer Zeit. «Viele von uns arbeiten im Büro und sehen nicht immer ein konkretes Produkt ihrer Arbeit. Zudem leben wir in einer Welt, die wir zunehmend als komplex empfinden. Der Sport lässt mich eine Selbstwirksamkeit erfahren: Gehe ich zwei, drei Mal die Woche in ein intensives Training, sehe ich schon in einem Monat Ergebnisse.»

Konzentration auf Kontrolle

Rauchs Aussagen decken sich mit Beobachtungen von Soziologen und Philosophen. In Zeiten politischer und wirtschaftlicher Umwälzungen konzentrieren sich die Menschen gerne darauf, was sie selbst kontrollieren können: auf Familie, Hobby, Sport – das vermittelt Sicherheit. Der Sportsoziologe Robert Gugutzer sieht gleich eine Reihe von Gründen für die Beliebtheit von Crossfit und Co.

«Erstens sind Trendsportarten zumindest am Anfang oft eine Gegenbewegung. Leidensfähigkeit ist möglicherweise auch eine Form von Ablehnung: gegen die Urbanisierung, die Rationalisierung und den Wellnesstrend der letzten Jahre.» Zweitens passten solch intensive Sportarten in die heutige Zeit, in der hohe Flexibilität und Selbstverantwortung gefordert seien. «Wer intensiv Sport treibt, hofft, die körperliche und mentale Fitness lasse sich in den Alltag übertragen.»

«Leidensfähigkeit ist möglicherweise auch eine Form von Ablehnung: gegen die Urbanisierung, die Rationalisierung und den Wellnesstrend der letzten Jahre.»Robert Gugutzer, Sportsoziologe

Zu guter Letzt verkörperten die Sportarten zudem auch traditionell männliche Werte, nämlich Härte, Kraft und Disziplin. In einer Zeit ambivalenter Geschlechterrollen seien diese sowohl für Männer als auch Frauen attraktiv: Dem ­unsicheren Mann böten sie eine eindeutige Identität, der Frau eine Alternative zu traditionell weiblichen Werten. Tatsächlich weisen Crossfit, Bootcamp und Hindernisläufe einen Frauenanteil von 30 Prozent und mehr auf.

Sportheld als Gegenentwurf zum urbanen Weichei

Selbstermächtigung und männliche Toughness? Liegt vielleicht doch hier der Schlüssel für den Erfolg der army-inspirierten Trainings? Die Veranstalter des «Tough Viking» betonen, dass sie ihre Parcours mit der Spezialeinheit der schwedischen Marine entwickeln. Und in der Crossfit-Szene ehrt man mit «Hero-Workouts» gefallene Soldaten wie den Navy Seal Michael Murphy.

Der Sport wird mit einem männlichen Heldentypus verlinkt, mit dem wir durch die Popkultur mehr als vertraut sind: der Elitesoldat als mutiger, tougher Macher. Die Figur wurde erstmals in den USA der 60er populär. Journalisten und Autoren stilisierten den Green Beret zum Gegenentwurf des urbanen und angeblich verweichlichten US-Bürgers der Wirtschaftswunderjahre.

Der Sport wird mit einem männlichen Heldentypus verlinkt.

In Film und Fernsehen hält sich dieser Held seither konstant. Etwa in der Form des Ex-Fallschirmaufklärers und Survival-Gurus Bear Grylls, der die Sehnsucht des Städters nach Abenteuer verkörpert. Der Gedanke ist verlockend, dass Mann oder Frau sich zumindest gewisse Attribute dieses Typus aneignen kann, wenn man trainiert wie er.

Zum Glück steckt dann doch noch mehr dahinter. Etwa ein gewisser Spassfaktor, wie wenn die Teilnehmenden von Hindernisläufen als Supermen, Schlümpfe oder Wikinger verkleidet erscheinen. Oder dass bei Crossfit, Bootcamp und Ob­stacle Run die Gruppe eine wichtige Rolle spielt. Im Team mache es einfach mehr Spass, betonen alle der befragten Sportler. Das wiederum ist doch ein gutes Zeichen in einer Zeit, in der wir angeblich alle immer ichbezogener werden. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.09.2017, 23:24 Uhr

Robben in Gruppen

Crossfit ist meist ein Gruppen­training, bei dem die Teilnehmenden eine wechselnde Abfolge von Übungen in einer bestimmten Zeit absolvieren müssen. Mit ­Liegestütz, Strecksprüngen, Klimmzügen, Rudern und Langhanteltraining sollen Ausdauer, Kraft und Balance aufgebaut werden. Ebenfalls in Gruppen findet Bootcamp statt. Das Intervalltraining findet im urbanen Raum statt, es werden Treppen und Parkbänke für die Übungen genutzt. Beide Sportarten sind sehr intensiv: Crossfitter und Bootcamper verbrennen bis zu 600 Kalorien pro Stunde.

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