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Herkunft ist alles

Warum es heutzutage nicht mehr darum geht, wer man tatsächlich ist.

Ich hatte immer eine Vorliebe für finstere Bars mit Einzeltischchen, und seltsamerweise hat sich das noch gesteigert, seit ich in Belgien lebe. Denn es ist kaum etwas so erholsam, wie nach einem Tag voller Proben, Treffen und sonstigem Durcheinander alte Musik zu hören und Unbekannten beim Billard-Spielen zuzuschauen.

Das Volkshuis in Gent – niederländisch für Volkshaus – ist von dieser Art. Anders als das Zürcher Lokal gleichen Namens hat es nie einen Facelift bekommen, meiner Einschätzung nach wurde am Volkshuis seit seiner Gründung nicht einmal ein klein wenig herum-­gebotoxed. Es hängen Tapeten aus den 60ern, Poster von Serge Gainsbourg und Stadtansichten an den Wänden. Das einzige musikalische Zugeständnis an die Jetztzeit ist ein ab und zu zwischen die Rockklassiker gestreuter Indie-Song neueren Datums.

Vor einigen Tagen stand ich an der Bar im Volkshuis, als mein Nebenmann mich fragte, woher ich sei. Ich antwortete wahrheitsgetreu: «Aus St. Gallen in der Schweiz.» Worauf der Mann erwiderte, es tue ihm leid, aber kein Land sei ihm mehr zuwider als die Schweiz mit ihrem absurden, in der Dritten Welt zusammengeräuberten Reichtum. Die Schweiz, sagte ich, während ich ihm den Arm auf die Schulter legte, sei zum Glück sehr klein. Es gebe nur eine Handvoll Schweizer, in globaler Perspektive zudem prozentual immer weniger. Das beruhigte ihn, und unser Gespräch ­versickerte.

Jeder sitzt an seinem Tischchen und schweigt

Das Interessante ist nun: Diese Begegnung ist eine absolute Ausnahme. Normalerweise bricht Jubel aus, gibt man sich als Schweizer zu erkennen. Egal, ob an einer Strassensperre in Palä­stina oder in einer Bar im Kongo: Meine belgischen, deutschen oder gar syrischen Freunde sind mit allen möglichen Vorurteilen konfrontiert. Ich selbst werde meistens freundlich durchgewunken, sobald mein roter Pass aufblitzt.

Denn wir leben in einer Zeit, in der Herkunft alles ist. Dabei geht es nicht darum, wer man tatsächlich ist. Es geht ausschliesslich um die Vorurteile, die sich in der Welt über die eigene Heimat festgesetzt haben. Die meisten Nationen sind vorurteilstechnisch an ihre düstere Vergangenheit und die jeweils auf spezifische Weise scheiternde Politik gekettet. Wir Schweizer dagegen haben uns aus Heidi, Bruno Ganz und Roger Federer eine weltweit akzeptierte, durch alle Realpolitik unerschütterliche Marke konstruiert.

Insofern gleicht die imaginäre Schweiz dem Volkshuis: aus der Zeit gefallen und auf volksnahe Weise exzentrisch. Natürlich, die richtige Schweiz ist anders, komplexer, fieser, aber darauf kommt es nicht an. Und vielleicht ist das ja der Grund, warum ich so gern ins Genter Volkshuis gehe: Das Interieur könnte man so auch in St. Gallen oder Olten finden. Jeder sitzt an seinem Tischchen und schweigt. Und selbstverständlich darf auch der übel gelaunte Intellektuelle an der Bar nicht fehlen.

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