«Ich pfeife auf die Wahrheit»

Sänger und Poet Nick Cave über seine Tragödie, Songs als Fake-News und die Arbeit als Überlebensmechanismus.

«Ich habe eine gewisse Macht über die Sprache»: Nick Cave, 59. Foto: Getty

«Ich habe eine gewisse Macht über die Sprache»: Nick Cave, 59. Foto: Getty

Christian Hubschmid@sonntagszeitung

Der Rockmusiker Nick Cave hat eine schwere Zeit hinter sich: Vor zwei Jahren starb einer seiner Söhne. Trotzdem veröffentlichte er ein neues Album und den Film «One More Time with Feeling», der dessen Entstehungsprozess dokumentiert. Zum 30-Jahr-Jubiläum seiner legendären Band The Bad Seeds erscheint am Freitag das Best-of-Album «Lovely Creatures».

Über Ihr letztes Album ­«Skeleton Tree» sagen Sie: «Ich hoffe, ich muss so etwas nie mehr erleben.» Was meinen Sie damit?
Mein Sohn starb, als ich ins Studio ging. Trotzdem wollte ich die Songs fertigstellen, aber das erwies sich als das Schwierigste, was ich je gemacht habe. Es hat überhaupt nicht funktioniert. Ein komplettes Desaster. Ich war nicht in dem Zustand, mit irgendjemandem zusammenzuarbeiten. Und jedem anderen in der Band ging es genauso.

Das Album ist trotzdem ­zustande gekommen und erhielt hervorragende Kritiken.
Das Gute war: Die Songs an sich widerstanden jedem Versuch, etwas aus ihnen zu machen. Darum sind sie immer noch sehr roh und nackt. Und brutal. Das ist gut.

Sie haben im Studio ausgeharrt, obwohl es so wehtat?
Es war zwar schmerzhaft, aber es wäre auch schmerzhaft gewesen, nicht zu arbeiten. Die Arbeit gab mir das Gefühl, noch ein Mensch zu sein. Ohne Arbeit bin ich kein guter Ehemann, Vater oder Freund. Ich funktioniere nicht. Arbeit ist mein Überlebensmechanismus.

Sie haben versucht, Ihr normales Leben als Musiker weiterzuführen?
Ja, Songs schreiben. Den Alltag weiterführen. Ich versuchte zu leben wie immer: Ich stehe morgens auf, trinke Kaffee und fange an zu schreiben. Den ganzen Tag, bis zum Feierabend.

Sie schreiben Musik wie andere ins Büro gehen?
Ja, Musik ist für mich ein Brotjob.

Keine Kunst?
Wo ist der Unterschied? Arbeit ist mein Lebensstil. Ich kann mir nicht vorstellen, zu leben, ohne zu arbeiten. Wenn ich nicht arbeiten würde, wüsste ich nicht, was ich den ganzen Tag tun sollte. Vielleicht Netflix schauen oder so was.

«Wenn ich nicht arbeiten würde, wüsste ich nicht, was ich den ganzen Tag tun sollte.»

Was tun Sie, wenn Ihnen am Schreibtisch nichts einfällt?
Dann lese ich oder mache mir Notizen, schreibe trotzdem irgendetwas auf. Manchmal etwas Gutes, manchmal etwas Schlechtes. Egal. Ich mache mir keine Gedanken, ob etwas gut oder schlecht ist. Ich schreibe einfach, und dann drehe ich die Seite um. Erst viel später gehe ich alles durch und trenne die Spreu vom Weizen.

Das haben Sie jetzt auch für Ihr erstes Best-of-Album gemacht. Aus wie vielen Songs mussten Sie auswählen?
Wenn ich das wüsste! Keine Ahnung, wie viele Songs ich in den dreissig Jahren aufgenommen habe. Lassen Sie mich rechnen: 15 Alben à 10 Songs macht 150 Songs. Vielleicht sind es auch 200. Oder 250. Nicht schlecht: Ich habe 250 Songs geschrieben! Aber immer den gleichen.

Immer den gleichen Song?
Mehr oder weniger.

Worum geht es in diesem Song?
Um die Liebe. Es sind 250 Lovesongs.

Wirklich? In Ihren Texten geht es doch auch um Religion und andere menschliche Dinge.
Das kommt auf dasselbe heraus.

Wie meinen Sie das?
Glauben ist auch eine Art von Liebe. Ich mag den Gedanken, dass die Menschen an etwas glauben. Das finde ich überhaupt nicht lächerlich, sondern es berührt mich. Die Notwendigkeit, an etwas zu glauben, das jenseits von einem existiert.

Spüren Sie diese Notwendigkeit auch?
Ja, in meinem Fantasieleben.

Was ist das?
Ich habe zwei Leben. Eines, das ich als normales, rationales Wesen führe – und wenn Sie mich als rationales Wesen fragen, ob ich an Gott glaube, fällt es mir schwer, Ja zu sagen. Dann gibt es das Fantasieleben, in dem ich mich hinsetze und schreibe. Darin ist die Idee einer höheren Macht notwendig. Sonst könnte ich nicht schreiben.

Als Songschreiber glauben Sie wider besseres Wissen an Gott?
Ehrlich gesagt kann ich mir auch als rationaler Mensch eine Welt ohne Gott nicht vorstellen. Aber die Wissenschaft verneint die Existenz Gottes. Beim Songschreiben geht es jedoch um etwas anderes, nicht um die Wahrheit, sondern um Realität, um Bedeutung. Für mich gibt es wichtigere Dinge als die Wahrheit. Ich pfeife auf die Wahrheit.

Szene aus dem Film «One More Time with Feeling»

In Zeiten von Fake-News eine gewagte Aussage.
Ja, Fake-News sind ein schreckliches Problem. Aber von einer gewissen Warte aus interessant: Die Leute erfinden Dinge. Das kann extrem destruktiv sein, aber alles, was ich als Songschreiber mache, sind Fake-News.

Wie meinen Sie das?
Fake-News sind mein Job: Ich picke kleine Körner aus der Wahrheit heraus und überhöhe sie zu etwas, das magisch, mystisch, geheimnisvoll, dunkel und ziemlich weit entfernt ist von der ursprünglichen Wahrheit.

Sie gelten als Magier der Sprache.
Mag sein. Wenn ich etwas kann oder besser: wenn ich etwas gelernt habe in den letzten dreissig Jahren, dann ist es, mit Sprache umzugehen. Ich habe eine gewisse Macht über die Sprache. Als ich jung war, war es umgekehrt. Die Sprache beherrschte mich. Ich war wie ein Kind mit einem Maschinengewehr. Ballerte herum, ausser Kontrolle.

«Ich war wie ein Kind mit einem Maschinengewehr. Ballerte herum, ausser Kontrolle.»

Heute nicht mehr?
Nein, wenn ich heute auf etwas schiesse, bin ich mehr der Scharfschütze. Das ist der Unterschied. Ich habe das Kommando über die Sprache erlangt.

Ihr grösster Hit war das Duett mit Kylie Minogue «Where the Wild Roses Grow» von 1995.
Ja, das war eine der glücklichsten Zeiten meines Lebens. Ich liebte Kylie. Sie hat etwas ausgesprochen Wahres und Authentisches an sich. Sie strahlt, sie hat Charakter. Es ist ein Vergnügen, um sie herum zu sein. Wir gaben sehr seltsame Konzerte.

Caves grösster Hit: Das Duett mit Kylie Minogue. Video: Youtube

Inwiefern seltsam?
Die ganze Situation war bizarr. Die Welt der Bad Seeds war ganz anders als Kylie Minogues Welt. Ihre Leute um sie herum fürchteten das Schlimmste, wenn sie mit uns zusammen war.

Zu Recht?
Vielleicht, wir waren ein Haufen Junkies, ernsthaft süchtig. Aber trotzdem harmlos und nett.

Haben Sie kein Problem damit, dass Sie Kylie Minogue Ihren grössten Hit verdanken?
Nein, ich freue mich darüber. Es war eine andere Zeit. Heute ist es unmöglich geworden, so einen Hit zu landen. Niemand kauft mehr Platten. Wir können eine Platte machen, die Nummer 1 ist auf der ganzen Welt, aber sie spielt kaum das Geld ein, das sie gekostet hat. Es ist eine seltsame Welt. Man kann kaum mehr beurteilen, wie populär etwas ist.

Als Sie 1984 anfingen: Hätten Sie da gedacht, dass Ihre Karriere so lange dauern würde?
Nein, ich hatte überhaupt keine Vision. Ich hangelte mich von Platte zu Platte. Das tue ich heute noch. Ohne die Bad Seeds hätte ich das alles nicht geschafft. Wenn ich alleine gewesen wäre – wie etwa Bob Dylan – hätte ich vielleicht zwei Platten gemacht. Dann wäre Schluss gewesen.

Der Schlagzeuger der Bad Seeds ist der Schweizer Thomas Wydler. Warum er?
Weil er tickt wie eine Schweizer Uhr. Er hat dieses unglaubliche Zeitgefühl. Er ist einfach der aussergewöhnlichste Schlagzeuger, den ich kenne.

Sind Sie auch Mitglied der Bad Seeds, oder sind Sie Nick Cave, der mit den Bad Seeds spielt?
Ich bin Nick Cave, der mit den Bad Seeds spielt. Die Songs kommen von mir, jedenfalls die Texte. Wenn ich eine Platte machen will, rufe ich die Bad Seeds, und wir gehen ins Studio. Es ist nie umgekehrt. Aber wenn ich alleine ins Studio ginge oder mit irgendwelchen Sessionmusikern, käme ein verdammtes Desaster dabei heraus. Ich brauche die Bad Seeds, und die Bad Seeds brauchen mich.

Was hält die Band am Leben?
Dass wir immer noch Musik machen, die einzigartig ist und anders als alles, was im Zeitgeist liegt. Auch unsere Fans müssen sich mit jeder neuen Platte fragen, ob sie die Bad Seeds noch mögen. Darauf bin ich besonders stolz. Viele Fans sagten sich nach dem letzten Album «Skeleton Tree»: «Jetzt reichts! Wo ist der Rock ’n’ Roll? Was ist mit der Gitarre?» Wir verlieren Fans mit jeder Platte. Und gewinnen neue dazu. Das ist unser Lebenselixier.

Arbeiten Sie schon an einem neuen Album?
Ja.

Alles Lovesongs?
Klar, ich habe mittlerweile viel Erfahrung mit der Liebe und viele Erinnerungen. Und ich habe ein grosses Reservoir an Frauen – um wie ein Scharfschütze auf sie zu schiessen.

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