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Imperium der Achselzucker

Kolumnist Markus Somm über ratlose und desinteressierte Politiker.

Markus Somm

Verlässt Grossbritannien die Europäische Union – oder doch nicht? Während in London wegen dieser Frage das Chaos ausgebrochen ist, kümmert sich Jean-Claude Juncker, der Präsident der EU–Kommission, um seinen Hund. Wie diese Woche bekannt wurde, hat er auf dem Heimweg von einer Veranstaltung in Bayern, wo er mit einem Preis geehrt worden war, einen dreistündigen Umweg ­angeordnet, um ein Hundeheim aufzusuchen. Hier holte er mit seiner Frau einen einjährigen Terrier-Mischling ab, der von seinen Besitzern oder seinen Eltern ausgesetzt worden war. Er heisst Caruso und lebt nun in Luxemburg bei der Familie Juncker, wo er Plato ersetzt, einen Hund, der vor kurzem verstorben ist. Offensichtlich handelt es sich bei den Junckers um grandiose Tierfreunde, und im «Daily Telegraph», einem englischen Blatt, erschien danach ein rührendes Bild, das das Ehepaar mit seinem neuen Hund zeigt: Alle drei, so scheint es, sind überglücklich. Weniger glücklich ist die Tatsache, dass Juncker für diesen gut 200 Kilometer weiten Abstecher auf dem Weg zurück nach Luxemburg einen Dienstwagen in Anspruch nahm; ver­mutlich liess er sich gar von einem Chauffeur fahren. Mit ­anderen Worten: Der europäische Steuer­zahler finanzierte diese Hunderettung, ohne dass er dazu sein Einverständnis gegeben hätte. Wenn man bedenkt, dass Juncker ­jeden Monat gut 30 000 Franken an Lohn bezieht, wird verständlich, dass manche Leute in Brüssel, vor allem Euroskeptiker, sich empören: «Gott sei Dank kehren wir der EU bald den Rücken!», liess sich ein britischer Konservativer zitieren, und ein übellauniger Pressesprecher der EU musste sich für Junckers Reisen rechtfertigen.

Gewiss, dies alles wirkt etwas kleinlich, besonders, wenn man Carusos Standpunkt berücksichtigt, und doch ist der Vorgang symptomatisch für den Zustand der EU. London brennt, Brüssel überarbeitet das Feuerwehr­reglement, Luxemburg empfängt einen Hund. Es herrscht eine merkwürdige Mischung von Gruseln und Apathie in den europäischen Hauptstädten, die doch vom Brexit ­genauso betroffen sind. Fasziniert schaut man zu, wie ­Theresa May, die britische Premierministerin, in ihrem Parlament nach allen Regeln der Kunst massakriert wird, Mitleid kommt auf, vielleicht Schadenfreude, doch unter den EU-Politikern und -Funktionären überwiegt, so der Eindruck, routinierte Hilflosigkeit. Was tun? Wenn überhaupt. Man zuckt mit den Achseln. Wichtiger scheinen andere Dinge. Wann muss ich die nächste Rede halten, wann erhalte auch ich einen Preis wie Herr Juncker? Niemand rührt sich, keiner sagt etwas Bedeutendes, alle spielen den toten Mann.

Wenn es aber eine Politikerin gibt, die sich diese Teilnahmslosigkeit nicht leisten kann, dann Angela Merkel, die formell mächtigste Frau der Gegenwart, die deutsche Bundeskanzlerin. Doch Merkel tut, was sie meistens tut, wenn Krisen sich heranwälzen: Sie schweigt oder sagt nichts, sie blickt traurig und lässt die Dinge in den ­Abgrund hinunterrollen. «Kurz vor der Ziellinie ihrer ­Kanzlerschaft scheint Merkel dem politischen Nihilismus verfallen», stellt der deutsche Publizist Gabor Steingart fest. Als hätte sie ihre Memoiren schon verfasst, achtet Merkel in erster Linie darauf, dass nichts mehr geschieht, was sie nachträglich ins Buch aufnehmen müsste. Dabei befindet sich die EU keinesfalls in einer guten Verfassung. Wer glaubt, nur die Briten ächzten, liegt falsch. Italien steckt längst in einer Rezession, Frankreich versinkt im politischen und wirtschaftlichen Morast, und selbst Deutschland wankt. Es lösen sich ehrwürdige Parteien auf, einstige Staatsmänner werden mit Schimpf und Schande verjagt und neue, ungehobelte scharren wie die Barbaren vor den Toren der Macht.

Vor diesem Hintergrund wirkt es geradezu frivol, wie Europas Politiker sich am Spektakel in London ergötzen, ohne sich vor den Folgen ihrer Tatenlosigkeit zu fürchten. Wenn die Briten leiden, meinen offenbar nach wie vor ­viele, dann zu Recht und nur sie allein. Das ist ein Irrtum.

Immerhin Juncker hat sich vorbereitet, wie der «Telegraph» berichtet. Schon vor einigen Monaten liess er seine Beamten untersuchen, was ein harter Brexit für die britischen Haustiere bedeuten würde. Er sorgt sich um deren Reisefreiheit. Denn dank einer Art Pass können Katzen, Hunde und deren Besitzer heute problemlos zwischen England und dem Kontinent zirkulieren, ohne dass die Tiere je in Quarantäne genommen werden. Doch was nach dem Brexit? Inzwischen liegen entsprechende Notfallpläne vor.

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