Zum Hauptinhalt springen

«Jesus hat jedenfalls nie zur Askese aufgerufen»

Pfarrerin Sibylle Forrer über gar nicht so leere Kirchen und weshalb sie üble Hetzer mit Liebe überschüttet.

«Die Texte der Weihnachtslieder sind oft schrecklich patriarchal»: Pfarrerin Sibylle Forrer. Foto: Thomas Egli
«Die Texte der Weihnachtslieder sind oft schrecklich patriarchal»: Pfarrerin Sibylle Forrer. Foto: Thomas Egli

Vor den Festtagen in der Zürcher Innenstadt wird man das Gefühl nicht los, dass der Trubel jedes Jahr grösser, die Menschen zahlreicher, ihr Tritt schneller und die Gesichter gestresster werden. Nach den Einkäufen entspannen sie sich an den Cüpli- und Glühwein-Bars der immer zahlreicher werdenden Weihnachtsmärkte, bevor sie sich angeschwipst mit den gekauften Geschenken auf den Heimweg machen. Mittendrin im hektischen Treiben treffen wir Pfarrerin Sibylle Forrer, die durch ihre diversen Auftritte im Fernsehen, im Radio und in den sozialen Medien der Kirche ein neues, modernes, frisches Gesicht verliehen hat.

Was war das schlimmste Geschenk, das Sie je zu Weihnachten bekommen haben?

Da hatte ich bisher Glück – ich erlebte nur einmal eine vermeintliche Enttäuschung. Als Kind wünschte ich mir ganz fest einen eigenen Bob, so richtig mit Steuerrad und Bremse. An Heiligabend schaute ich dann sofort unter den Baum und realisierte, dass kein Geschenk gross genug war, als dass ein Bob drin sein könnte. Ich dachte, mein einziger Weihnachtswunsch sei vergessen gegangen, und war dementsprechend traurig.

Hatte das Christkind Verspätung?

Später am Abend sagte mir mein Vater beiläufig, ich solle die Hasen im Stall füttern gehen. Ich ging nach draussen – und vor dem Stall lag dann mein Bob!

Für Erwachsene können die Festtage dann eher ernüchternd werden. Von Besinnlichkeit und weihnachtlichem Zauber ist bei den Leuten auf der Strasse jedenfalls wenig zu spüren.

Natürlich sind diese Tage oft gefüllt mit viel Arbeit und Besorgungen, die erledigt werden wollen. Auch bei uns in der Kirche herrscht jetzt Hochsaison. Für mich als Pfarrerin ist Weihnachten aber positiver Stress: Man hat zwar viel zu tun, aber man trifft auch viele Menschen und darf gemeinsam feiern.

Die Leute feiern vor allem auch an den Weihnachtsmärkten: Mit Cüpli oder Glühwein, gebrannten Mandeln oder Austern – und 5 Kilo Übergewicht nach den Festtagen. Was ist daran weihnachtlich besinnlich?

Die Menschen feiern gerne. Und auch zu Weihnachten gehört eine gewisse Ausgelassenheit. Feiertage sind ein Bruch mit dem Alltag, der wohltuend sein kann. Dass es rund um Weihnachten allerlei Bräuche gibt, die nicht genuin christlich sind, liegt schon in der Entstehung dieses Festes begründet. Weihnachten wird erst seit dem 4. Jahrhundert an diesem Datum gefeiert und wurde wohl beeinflusst vom römischen Sonnenkult mit seinen Bräuchen. Heute wird Weihnachten von vielen Menschen als Fest der Liebe und der Gemeinschaft gefeiert – und das passt ja wunderbar zur christlichen Botschaft.

Und dann ist es egal, dass man sich betrinkt und überisst?

Das ist wohl nie eine gute Idee. Aber es ist ja nicht so, dass die Menschen beim Glühwein vergessen, worum es geht. Das Bewusstsein, dass wir aufeinander achten sollen und Verantwortung tragen, zeigt sich auch in den vielen Spenden, die in dieser Zeit vermehrt eingehen. Übrigens hat auch Jesus gern gefestet.

Er hätte nichts gegen Weihnachtsmärkte gehabt?

Er hat jedenfalls nie zur Askese aufgerufen und war immer gern mit anderen Menschen zusammen. Diese gewisse Lustfeindlichkeit im Christentum kam erst später durch die Kirche.

Trotzdem: Das Religiöse ist an Weihnachten zunehmend Fassade. Ist das nicht ein wenig deprimierend für Sie als Pfarrerin?

Im Gegenteil: Weihnachten ist für uns eine wunderbare Chance, weil die Kirchen dann gut besucht sind. Und dann erlebe ich, dass die Menschen von der Weihnachtsbotschaft noch immer genauso beeindruckt und berührt sind wie seit je.

Die Kirchen werden aus unterschiedlichen Gründen besucht. Auch weil man dort Ruhe findet. Ruhe ist ein hohes Gut in unserer lauten Welt.

Pfarrerin Sibylle Forrer

Über die Feiertage hinaus sieht es aber anders aus: Es gibt immer mehr Konfessionslose und weniger Gläubige, viele Kirchen sind leer, Pfarrer fehlen. Ihre Diagnose?

Meine Diagnose lautet: Jedes Jahr vor Weihnachten kommt der Abgesang der Medien auf die Kirche. Da will ich festhalten, dass immer noch mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung Mitglied einer Landeskirche ist. Wir sind also in der Mehrheit.

Aber die Konfessionslosen werden immer mehr.

Das ist richtig, Tendenz steigend. Dessen sind wir uns als Kirchen sehr bewusst. Aber auch bei den Konfessionslosen sind Menschen darunter, die in Freikirchen sind oder aus der Kirche austraten, weil sie Steuern sparen wollten oder sagen, für ihren Glauben brauchten sie die Kirche nicht.

Warum verlieren die Reformierten am meisten?

Das hat wohl damit zu tun, dass wir die freiheitlichste Institution sind. Wir sagen niemanden, er verliere sein Heil, wenn er austritt. Wir sind auch sehr divers und pluralistisch, haben keinen Papst und keine Bischöfe, die einheitlich sagen, was es bedeutet, reformiert zu sein. Bei uns prägen die unterschiedlichen Menschen die Kirche – was unsere Stimme in der Gesellschaft vielleicht schwieriger fassbar macht. Aber es stimmt, wir Reformierten können schon noch aufholen.

Wie denn?

Indem wir zum Beispiel noch mehr erkennen, wie wichtig Zeichen und Rituale sind. Bis vor ein paar Jahren war es in reformierten Kirchen eher unüblich, einen Kerzenständer aufzustellen, an dem die Leute Kerzen anzünden können. Heute ist es zum Glück anders. Vielen Menschen ist es ein Bedürfnis, in einer Kirche eine Kerze anzuzünden.

Woher kommt das?

Die Kerze mit der Flamme symbolisiert für die meisten Menschen das Fünkchen Hoffnung auf irgendeine Begleitung für sich selber und seine Liebsten im Leben. Ich bin auch immer wieder erstaunt, wie viele Leute ausserhalb der Gottesdienste in die Kirche kommen und etwas ins Fürbitten-Buch schreiben. Die Kirchen werden aus unterschiedlichen Gründen besucht. Auch weil man dort Ruhe findet. Ruhe ist ein hohes Gut in unserer lauten Welt.

Ich bekomme bis heute fast wöchentlich einen Brief von jemandem, der mir Höllen-darstellungen schickt, weil ich für die Ehe für alle bin.

Pfarrerin Sibylle Forrer

Wenn die Kirche fast leer ist, ziehen Sie den Gottesdienst trotzdem durch wie eine gute Rockband, die auch vor fünf Leuten alles gibt?

Die Frage stellt sich für mich gar nicht, denn die Gottesdienste in unserer Gemeinde sind gut besucht. Bei speziellen Anlässen wie Familiengottesdiensten oder Gesprächsgottesdiensten und an Feiertagen sogar sehr gut. Zudem: Zeigen Sie mir eine Veranstaltung, die wöchentlich stattfindet, keinen besonderen Eventcharakter hat, in praktisch jedem Dorf veranstaltet wird und durchschnittlich so gut besucht ist wie Gottesdienste. Die Berichterstattung über die vermeintlich leere Kirche ist zum Teil unredlich.

Erklären Sie.

Ganz grundsätzlich gilt: Man darf das kirchliche Leben nicht allein an der Zahl der Besucher eines Gottesdienstes messen. Für eine seriöse Beurteilung muss man die ganze Kirchengemeinde betrachten: Da gibt es Seniorenzmorgen, Exkursionen mit Jugendlichen, Eltern-Kind-Singen, regelmässige Besuche von Alleinstehenden, die ohne die Kirche vereinsamen würden, und vieles mehr. All das gehört zum kirchlichen Leben dazu und ist weiterhin sehr populär.

Sie sind nicht zuletzt durch Ihre Auftritte im «Wort zum Sonntag» dafür bekannt geworden, mehr Pep in die Kirche reinzubringen. Welche Reaktionen erlebten Sie auf diesen neuen, frischeren Stil?

Ich habe meinen Stil nie als neu und frisch erlebt, aber anscheinend wurde er teilweise so wahrgenommen. Dann muss ich allerdings dazu sagen, dass ich die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen als neu und frisch wahrnehme. Die reformierte Gemeinschaft hat mich immer sehr unterstützt, beim Publikum gab es aber bei allem Zuspruch teilweise schon auch massiven Widerstand. Ich bekomme zum Beispiel bis heute fast wöchentlich einen Brief von jemandem, der mir Höllendarstellungen schickt, weil ich für die Ehe für alle bin.

Sie sind auch eine Art Social-Media-Pfarrerin geworden, kommunizieren oft und regelmässig über diese Kanäle. Wie sind die Reaktionen dort?

Die sogenannte digitale Kirche ist heute nicht mehr wegzudenken. Auch in unserer Gemeinde werden wir ab nächstem Jahr eine interaktive Plattform haben, die neue Möglichkeiten zur Vernetzung gibt. Die meisten Rückmeldungen sind sehr positiv. Aber es stimmt, die Hemmschwelle ist online teils schon viel tiefer. Am heftigsten wird es, wenn ich mich feministisch äussere, dann geht es oft sehr schnell sehr weit unter die Gürtellinie.

Wir müssen genau hinschauen, wer in den Moscheen predigt und was er predigt. Vor allem bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Koran gibt es noch einiges aufzuholen.

Pfarrerin Sybille Forrer

Wie reagieren Sie darauf?

Das Beste ist, diese Leute ins Leere laufen zu lassen – das finden sie am schlimmsten. Wobei ich ab und zu jemanden herauspicke, ihm mit viel Liebe begegne und sage: Es tut mir so leid, dass es dir so schlecht geht, dass du offensichtlich so frustriert bist, dass du so was rauslassen musst. Ich hoffe, es geht dir bald besser.

Mit Liebe bestrafen – viel böser geht es nicht.

Ich meine das gar nicht sarkastisch. Ich habe wirklich Mitleid mit Leuten, die daheim sitzen und ihren Frust in den sozialen Medien loswerden. Vielleicht ist es sogar gut, dass sie es dort machen – und nicht im realen Leben.

Gerade Religion war immer schon ein Auslöser für Streit und Gewalt. Wäre die Welt nicht besser, wenn es weniger Gläubige gäbe?

Ohne Religion würden die Menschen etwas anderes finden, um es für ihre politischen Zwecke zu missbrauchen und Hass zu schüren. Auch die Zugehörigkeit zu einem Fussballclub kann ein Anlass sein, um sich die Köpfe einzuschlagen. Und die Kommunisten unter Stalin waren explizit gottlos und haben unglaubliche Gräueltaten verübt. Glauben kann instrumentalisiert und pervertiert werden, das stimmt. Aber man muss nicht die Religionen bekämpfen, sondern den Mechanismus, der Menschen in die Extreme treibt.

Andere Religionen sehen das anders. Sie bekämpfen das Christentum teils offen und ­brutal – während unsere Pfarrer und Bischöfe sich vor lauter Rücksicht kaum trauen, nur schon darauf hinzuweisen, dass es Christenverfolgung gibt.

Wir weisen schon darauf hin, dass die Christen die meistverfolgte Religionsgruppe sind. Und genauso wie Christen sind auch andere Gläubige wie die Muslime in der Pflicht, sich für den Frieden starkzumachen. Wir müssen genau hinschauen, wer in den Moscheen predigt und was er predigt. Vor allem bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Koran gibt es noch einiges aufzuholen.

Man soll sich nicht verrückt machen, dass alles perfekt sein muss.

Pfarrerin Sybille Forrer

Glauben Sie eigentlich wirklich an einen Gott, der über alles wacht?

Ich fühle mich auf Gott bezogen. Ich glaube an Gott, die Kraft der Liebe und des Lebens, die auch ansprechbar ist. Und die mitfühlt. Das ist die grosse Botschaft von Weihnachten: Gott wurde auch Mensch, um mitfühlen zu können. Diese Beziehung zu Gott ist aber genauso konfliktgeladen wie alle anderen Beziehungen im Leben, sie kann mal inniger sein und mal weiter entfernt, und zu ihr gehört auch der Zweifel.

Welches Weihnachtslied muss an Heiligabend unbedingt gesungen werden?

Die Weihnachtslieder im Kirchengesangbuch rühren einen zwar mit ihren bekannten Melodien und versetzen einen in weihnachtliche Stimmung. Die Texte sind aber oft – wie bei vielen Kirchenliedern – schrecklich patriarchal. Zudem vermitteln sie teils eine fast schon belustigende Atmosphäre der Sauberkeit. Wie in der Liedzeile, «das himmlische Kind in reinlichen Windeln».

Sie fordern meh Dräck an Weihnachten?

Absolut. Man soll sich nicht verrückt machen, dass alles perfekt sein muss. Am besten erinnert man sich immer wieder daran, dass das ursprüngliche Weihnachten in einem dreckigen Stall stattgefunden hat. Und der kleine Jesus hat dabei kaum so reinliche Windeln getragen, wie es in diesem Lied besungen wird.

----------

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch