Zum Hauptinhalt springen

«Mädchen denken, dass sie alles mitmachen müssen»

Monika Egli-Alge leitet das Forensische Institut Ostschweiz. Foto: PD
Monika Egli-Alge leitet das Forensische Institut Ostschweiz. Foto: PD

53 Jugendliche wurden letztes Jahr wegen Vergewaltigung angezeigt. Überrascht Sie das?

Es deckt sich mit meinen Erfahrungen. Wir haben nun vermehrt Jugendliche in Abklärung, die schwere Sexualdelikte begangen haben. Also auch mit handgreiflicher Gewalt. Das fängt schon bei zehnjährigen Kindern an.

In der allgemeinen Wahrnehmung sind Sexualtäter eher Männer um die 50.

Dieses Bild ist überholt. Und es ist wichtig, die aktuelle Entwicklung nicht zu verschlafen. Sie zeigt klar, dass die Rückfallprävention früher anfangen muss. Es ist zu spät, wenn man erst mit 50 mit einer Therapie beginnt. Erkennt und behandelt man die Verursacher schon in ihrer Kindheit, würden sich vermutlich viele Taten in der Zukunft verhindern lassen.

Grund für die Entwicklung sollen Pornos sein. Aber Sexheftli gab es doch auch schon früher?

Das Problem ist die allgegenwärtige Verfügbarkeit, auch von hartem Material. Kinder schicken sich dies in Chats zu. So entsteht eine Gruppendynamik, und keiner kann sich dem Material entziehen. Im Unterschied zu früher konsumieren Kinder früher Pornografie, möglicherweise lange bevor sie angemessen aufgeklärt sind. Sie gehen logischerweise davon aus, dass die Realität abgebildet wird. Knaben bekommen das Gefühl, dass eine Frau schreien muss beim Sex und es nur richtig ist, Zwang anzuwenden. Mädchen wiederum denken, dass sie alles mitmachen müssen, oral, vaginal, anal. Eben so wie in den Filmen. Auch wenn ihnen das überhaupt nicht gefällt.

Was würde helfen?

Dass die Jugendlichen eine gefestigte, eigene Meinung bilden. Damit sie, auch unter Gruppendruck, klar wahrnehmen und sagen können, wo ihre Grenzen liegen. Aber bis sie so weit sind, braucht es Aufklärung. Und da stellen wir leider fest, dass sich die Beteiligten oft den Ball zuschieben. Schulen sagen, das sei Sache der Eltern. Und die sehen wieder die Schule in der Verantwortung.

Aber auch die Teenager selber tragen doch eine gewisse Verantwortung? Oder kommt es wirklich nur wegen Unwissen zu sexuellen Übergriffen?

Es gibt verschiedene Gründe, die zu solcher Gewalt führen. Am einen Ende der Skala sind Jugendliche, die ganz einfach Experimentierfehler begehen. Sie wollen sexuelle Erfahrungen machen, aber tun dies ungeschickt, forsch, überhastet. Für andere ist die Gewalt zentraler Teil der sexuellen Erfahrung. Sie verspüren Lust, wenn sie körperlich überlegen sind oder das Gegenüber erniedrigen können. Diese Personen hören auch nicht auf, wenn das Gegenüber «stopp» sagt. Gerade dort ist eine frühzeitige Intervention wichtig.

Wie therapieren Sie solche Teenager?

Bei manchen reichen wenige Sitzungen, andere sind für Jahre in Behandlung. Wir vermitteln den Tätern ein klares Bild: Du bist in Ordnung, wie du bist. Aber das, was du getan hast, ist auf keinen Fall akzeptabel. Überraschenderweise funktionieren gerade Gruppentherapien gut. Im Einzelgespräch bagatellisieren die Jugendlichen ihre Taten oder schieben sie auf die Opfer: «Die wollte es ja auch.» Mit anderen zusammen fühlen sie sich nicht alleine. Sie öffnen sich eher und übernehmen besser Verantwortung für das, was sie getan haben.

Interview: Roland Gamp

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch