«Man kann Nein sagen»

Schauspielerin Emmanuelle Seigner über die Arbeit mit Ehemann Roman Polanski, #MeToo und den nackten Busen bei Jean-Luc Godard.

«Ich lande wirklich in der Gosse»: Emmanuelle Seigner über ihre Rolle in «D’après une histoire vraie». Foto: Gregg Delman/NYT/Redux/laif

«Ich lande wirklich in der Gosse»: Emmanuelle Seigner über ihre Rolle in «D’après une histoire vraie». Foto: Gregg Delman/NYT/Redux/laif

Matthias Lerf@MatthiasLerf

«Ich bin nicht der Advokat meines Mannes», sagt Emmanuelle Seigner, 51, die Ehefrau von Roman Polanski. Aber natürlich hält sie dem Regisseur die Treue bei jedem Aufflackern der 40 Jahre alten Affäre um seinen Missbrauch der ­damals 13-jährigen Samantha Geimer, die zur Flucht aus den USA führte. Und sie spielt jetzt zum fünften Mal die Hauptrolle in einem ­Polanski-Film: In «D’après une histoire vraie» nach dem Roman von Delphine de Vigan ist sie eine Schriftstellerin, die von einer Stalkerin heimgesucht wird.

Haben Sie den Aufruf von Catherine Deneuve in «Le Monde» ­unterzeichnet?
Nein, aber nicht, weil ich den Inhalt ablehne. Die Petition war vielleicht nicht sehr gut geschrieben, aber ich verteidige ihre Richtlinie: Es ist sonnenklar, wir Frauen müssen absolut gleichberechtigt sein, zum Beispiel gleich viel verdienen wie die Männer. Aber wir mögen es ab und zu eben auch, dass uns ein Mann den Hof macht.

Und wenn der Mann, kraft seiner Position, Grenzen ­überschreitet?
Dann stellt man ihn auf seinen Platz zurück. Das ist möglich.

Auch wenn man jung und ­erfolgshungrig ist?
Jawohl. Ich war 14, als ich begann, als Model zu arbeiten. Klar bin ich Männern begegnet, die es versucht haben. Aber keiner von denen hat etwas mit mir angestellt, auf das ich keine Lust hatte. Vielleicht hatte ich auch einfach Glück, wer weiss das genau? Aber ich konnte mich stets wehren. Und ich denke auch, es macht Frauen noch mehr zu Opfern, wenn man suggeriert, sie ­seien hilflos.

Ihren ersten Film haben Sie mit Jean-Luc Godard gedreht . . .
. . . ja, «Détective», da war ich 18. Das war nicht einfach. Er forderte immer, dass ich mich vor der Kamera ausziehe. Am ersten Tag wollte er nur den ­Busen sehen, am zweiten dann alles. Ich habe abgelehnt und bin davongelaufen. Als ich nach drei Tagen zurückkam, sagte er mir: «Du hast deine Unterhose zurückgewonnen!» Das wars. Man muss sich nicht unterwerfen, um Karriere zu machen.

Aber es braucht Mut dazu?
Pfff. Klar missbrauchen Regisseure manchmal ihre Macht. Aber man kann Nein sagen. Auch wenn das mühsam ist. Es funktioniert.

Kürzlich hat erstaunlicherweise das Polanski-Opfer Samantha Geimer den Aufruf von ­Catherine Deneuve unterstützt.
Sie hat bekanntlich meinem Mann längst verziehen, mag ihn sogar. Sie sollten einmal die E-Mails sehen, die sie ihm schreibt.

Die beiden schreiben sich?
Ja. Sie findet diese ganze Affäre hysterisch. Aber wir sind nicht da, um über das zu sprechen. Ausserdem bin ich nicht der Advokat meines Mannes.

Aber Sie sind seine Inspiration, sollen sogar den Bestseller «D’après une histoire vraie» für ihn ausgesucht haben.
So direkt stimmt das nicht, ich habe ihm das Buch nur empfohlen. Die Stimmung erinnerte mich an frühe Polanski-Filme wie «Repulsion» und «Le locataire».

Trailer «D'après une histoire vraie», der Film startet am 22. Februar. Video: Youtube

Was gefiel Ihnen daran?
Dass es um zwei Frauen geht, die sich belauern. Man weiss nie so recht, ob die zweite überhaupt existiert.

Erstaunlicherweise spielen Sie nicht die Verführerin, sondern das Opfer.
Ja, auch mein Mann wollte ursprünglich, dass ich die andere spiele. Aber ich war schon so oft eine Femme fatale. Für einmal wollte ich diejenige sein, die leidet. Roman hatte dann eine Weile lang die fixe Idee, dass ich beide Frauen spielen sollte. Da war ich allerdings dagegen.

Wieso?
Es wäre mir zu viel gewesen, ich wollte die Affiche des Films nicht alleine tragen. Und hatte dann mit Eva Green eine perfekte Partnerin. Für mich war es eine interessante Erfahrung, das Opfer zu sein.

Was haben Sie gelernt?
Nicht so eitel zu sein. In diesem Film trete ich praktisch ohne Make-up auf. Und ich lande wirklich in der Gosse, im Rinnstein. Das war nun einmal etwas ­anderes.

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