PWC und der serbische Minister von Küsnacht

Der Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers Schweiz plante ein Offshore-Konstrukt für einen kontroversen serbischen Politiker.

Die Schweizer Steuererklärung für Küsnacht ZH des serbischen Ministers Nenad Popovic wurde von PWC ausgefüllt

Die Schweizer Steuererklärung für Küsnacht ZH des serbischen Ministers Nenad Popovic wurde von PWC ausgefüllt

Die Überbauung im Goldküstenort Küsnacht ZH fällt nicht ­weiter auf: quaderförmiges Mehrfamilienhaus, erdfarben gestrichen, Neubau. Auf einem der sieben Briefkästen steht: «Popovic». An dieser Adresse, zwischen Friedhof und einer Kleintierpraxis, ist Nenad Popovic gemeldet, seit Juni 2017 Serbiens Minister für Innovation und Technologie.

Dem 51-Jährigen gehört das russische Konglomerat ABS Electro mit über 3000 Mitarbeitern, was ihn zu einem der reichsten Serben macht. Als Politiker tickt er prorussisch und populistisch – «Serbien war immer an Russlands Seite und wird dies auch weiterhin sein», sagte er 2014 der österreichischen «Presse»; 2016 forderte er laut «Express», an der Grenze zu Mazedonien eine Mauer gegen Flüchtlinge zu errichten. Sein ­neues Ministeramt ist ein Spezialposten «ohne Portfolio», also ohne eigenes Ministerium. Zuvor sass Popovic von 2008 bis 2014 im serbischen Parlament; 2014 gründete er eine eigene Partei, die «Ser­bian People’s Party». Dass der ­Minister im Kanton Zürich wohnt, war bisher nicht bekannt.

Die Gemeinde Küsnacht bestätigt Popovics Anmeldung auf Anfrage. Seine Küsnachter Residenz geht aus den Paradise Papers ­hervor, der Dokumentensammlung der Anwaltskanzlei Appleby, die der «Süddeutschen Zeitung» zugespielt wurde und die nun 382 Journalisten weltweit auswerten. Popovic verhielt sich über die ­Jahre sehr diskret – nicht einmal ­Gemeindepräsident Markus Ernst (FDP) wusste, dass ein serbischer Minister in Küsnacht residiert.

Nenad Popovic muss sich nun in Serbien politisch dafür verantworten, als Minister in einem fremden Staat Wohnsitz zu haben und Steuern zu zahlen. Aber auch auf seine Schweizer Berater kommen Fragen zu. Seit 2008 agieren Spezialisten von PricewaterhouseCoopers (PWC) Schweiz als Popovics hiesige Steueranwälte. Aus den ­Paradise Papers ergibt sich, dass PWC-Anwälte nicht nur dessen Schweizer Steuererklärung ausfüllten, sie planten für ihn auch ein Offshore-Konstrukt auf der Steueroase Isle of Man – als Firmendach für seine Unternehmen und sein privates Vermögen. Die Kanzlei Appleby sollte einen Teil des Konstrukts umsetzen. Zweck laut den Dokumenten: «Asset Protection», also Vermögensschutz. Und: Die Übergabe des Vermögens an ­seine Nachkommen sollte einfacher vonstattengehen.

Der Briefkasten der Liegenschaft in Küsnacht ZH, wo Popovic wohnt. Foto: Mario Stäuble

Dass ein Grossrevisor wie PWC für einen politisch exponierten Kunden Offshore-Firmenkonstrukte plant, irritiert Spezialisten. Daniel Thelesklaf, der Leiter der liechtensteinischen Financial Intelligence Unit, sagt: «Wirtschaftsprüfer ­führen bei Banken Geldwäsche-Audits durch und treten so als verlängerter Arm der Finma auf.» Es lasse tief blicken, dass der Prüfer gleichzeitig solche Konstruktionen anbiete. «Das wäre eine befremdliche Doppelrolle – wie kann man gleichzeitig Aufpasser und Akteur sein?»

Es erschienen alarmierende Medienberichte

Dazu kommt, dass PWC Schweiz im Fall Popovic laut Paradise Papers Geldwäsche-Alarmzeichen vernachlässigte. Als der Wirtschaftsprüfer die Offshore-Anwälte von Appleby Ende 2012 anfragte, für Nenad Popovic auf der Isle of Man Firmen zu gründen, zögerten diese: Bei ihren Checks waren sie auf alarmierende Medienberichte gestossen. So hatte ein Journalist des «Organized Crime and Corruption Reporting Project» festgestellt, dass Popovic-Firmen in Serbien 2010 und 2011 19 Staatsaufträge erhielten, der Politiker es aber unterliess, die Aufträge rechtzeitig der lokalen Antikorruptionsbehörde zu melden. Ein Verfahren in Serbien gab es deswegen nicht, und PWC teilte Appleby nachträglich mit, Popovic habe die Meldungen nachgeholt.

Appleby hatte Bedenken: Ausschnitt aus der Beurteilung Popovics durch die Wirtschaftskanzlei.

Allerdings geriet Popovic später dennoch ins Visier der Justiz: Nach einer Initiative der Antikorruptionsbehörde im Jahr 2014 nahmen Ermittler eine Voruntersuchung auf, wie Justizdokumente zeigen. Die Belgrader Staatsanwaltschaft untersucht, ob bei der Privatisierung von staatlichen Elektrounternehmen, in die Popovic involviert war, alles mit rechten Dingen zuging. Der Fall ist bis heute hängig.

Auch ein zweites Risikofeld war PWC Schweiz im Gegensatz zu Appleby nicht aufgefallen: Die regierungskritische russische Zeitung «Nowaja Gaseta» hatte Popovic mehrfach mit zwei Firmen in Verbindung gebracht, die bei staatlichen Bauaufträgen im Olympia-Ort Sotschi und am Kreml in Moskau Staatsgelder abgezweigt haben sollen. Popovic selbst hatte in einem Interview 2002 gesagt, dass eine der Firmen zu seinem Konzern gehöre. Die Firmen waren später in Untersuchungen und Rechtsstreitigkeiten verwickelt; gegen Popovic selbst lief kein Verfahren. Sein Büro antwortete nicht auf Fragen der «SonntagsZeitung».

Von den Medienberichten wusste PWC Schweiz nichts. «Wenn ein Wirtschaftsprüfer während eines Audits bei einer Schweizer Bank einen solchen Schnitzer feststellen würde, müsste die Bank mit einer scharfen Rüge rechnen», sagt Daniel Thelesklaf. Popovic sei ein Hochrisikokunde: «Das Land, die Branche, wie er sein Geld verdiente.» Der Politiker hatte in den 90er-Jahren für den Rohstoffunternehmer Marc Rich gearbeitet und im Zuge der Privatisierungswelle in Russland Firmen aufgekauft. Aus Sicht des Experten ist es kein Zufall, dass PWC die Medienberichte übersah: «Das Geldwäschereigesetz kennt in einem solchen Fall keine Pflicht für vertiefte Abklärungen. Das Gründen von Gesellschaften für Kunden untersteht dem Gesetz gar nicht.»

Hat sein Geld in Russland gemacht: Popovic mit dem Präsidenten Wladimir Putin. Foto: PD

Das ist eine Schweizer Eigenheit. Im EU-Raum fällt das Gründen und Betreuen von Firmen für Kunden unter die Geldwäscherei-Richtlinie. Diese Besonderheit haben die Spezialisten der Financial Action Taskforce bei ihrer letzten Kontrolle der Schweizer Geldwäsche-Abwehr als Schwachstelle ausgemacht. Das Gremium forderte 2016 von der Schweiz, das Gesetz zu verschärfen. Im Rahmen der Panama Papers war das Thema aufgekommen, nachdem publik geworden war, in welchem Ausmass Schweizer Anwaltsbüros für ausländische Schattenfiguren Firmen gegründet hatten.

Der Bundesrat hat diesen Sommer reagiert. Das Finanzdepartement von Ueli Maurer (SVP) ist nun daran, die Regeln zu überarbeiten. Der Bund erwäge, Sorgfaltspflichten für Spezialisten einzuführen, die Kunden beim Gründen oder Führen von Gesellschaften beraten, sagt Frank Wettstein, Sprecher im Staatssekretariat für internationale Finanzfragen.

«Keine widersprüchliche Doppelrolle»

Das ist ein kniffliger Punkt: Manche Anwälte gründen und betreuen selbst Gesellschaften für ihre Kunden. PWC beriet aber Nenad Popovic nur, ohne selbst Firmen zu gründen. Auch dieses Beratungsbusiness müsse unter das Geldwäschereigesetz fallen, fordert Daniel Thelesklaf.

Dadurch gerät PWCs Geschäft à la Popovic in Gefahr, denn in der Schweiz ist es Wirtschaftsprüfern verboten, Dienstleistungen anzubieten, die vom Geldwäscherei­gesetz erfasst sind. «Wenn sich nicht beides gleichzeitig legal betreiben lässt, müssen Wirtschaftsprüfer in Zukunft eines der beiden Geschäfte aufgeben», sagt Thelesklaf. In einem solchen Fall würde der Revisor wohl das exotische ­Planen von Gesellschaften für reiche Privatkunden aufgeben – auch wenn dieses Nischengeschäft am wachsen ist. PWC wehrt sich gegen die ­Vorwürfe. Es gebe am Vorgehen nichts zu beanstanden. Das Unternehmen halte sich an geltendes Recht und unterstütze Behörden bei ihren Bestrebungen, Transparenz zu schaffen. Damit leiste PWC einen Beitrag zur Bekämpfung von Geld­wäscherei und Korruption, schreibt ein Sprecher. Man erbringe auch keine Leistungen, die unter das Geldwäschereigesetz fallen – «PWC nimmt somit keine widersprüchliche Doppelrolle ein.»

War dem Minister offenbar zu kompliziert: Das Firmenkonstrukt von PWC.

Sollten aber die Gesetze geändert werden, stelle man sicher, dass diese in jeder Form erfüllt würden. «Dies beinhaltet auch, dass PWC sich von Geschäftsfeldern trennt, sobald diese nicht mehr rechtlichen oder regulatorischen Anforderungen entsprechen.» Zu den übersehenen Zeitungsartikeln will PWC nichts sagen. Man kommentiere keine Geschäftsbeziehungen, so der Sprecher. Allgemein halte sich PWC an strikte Comp­liance-Prozesse, wenn man einen Kunden aufnehme oder bestätige. Dabei nehme man auf verschiedenen Ebenen Abklärungen vor und frage einschlägige Datenbanken ab.

Der Minister gibt kein Interview

Nenad Popovic stellte dem serbischen Recherchekollektiv Krik, das zum Paradise-Papers-Team gehört, zunächst ein Interview in Aussicht. Einen Termin bekamen die Journalisten dann aber nicht, trotz mehrfachem Insistieren. Im serbischen Fernsehen sagte Popovic, er habe alle seine Firmen korrekt ­offengelegt. Der Vorschlag zur Errichtung des Konstrukts sei 2012 von PWC gekommen.

Die Arbeiten am Offshore-Firmendach beschäftigte PWC und Appleby 2013 über Monate. Das Konstrukt blieb aber am Ende eine Planungsleiche – Popovic selbst stoppte es. Eine Quelle, die mit dem Dossier vertraut ist, sagt: Es war ihm schlicht zu kompliziert.

Erstellt: 11.11.2017, 22:58 Uhr

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