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Polizei geht mit Drohnen auf Verbrecherjagd

Zehn Kantonspolizeien setzen bereits Drohnen ein, weitere werden folgen – aber auch die Ganoven haben das Fluggerät für sich entdeckt.

Pia Wertheimer
Vielseitig: Die Drohne dokumentiert Unfälle.
Vielseitig: Die Drohne dokumentiert Unfälle.
Reuters

Vier Maskierte stürmen das Bijouteriegeschäft Türler an der Zürcher Bahnhofstrasse. Mit Pistolen bedrohen sie die Angestellten, werfen eine von ihnen zu Boden, zwingen die anderen, sich hinzulegen. Dann schlagen die Räuber die Glasvitrinen ein, stehlen Luxusuhren und Schmuck. Mit ihrer mehrere Hunderttausend Franken schweren Beute in einer schwarzen Sporttasche hetzen sie zum wartenden Fluchtauto, am Lenker ein fünfter Mann. Der graue Audi jagt quer über den Paradeplatz.

Ein Streifenwagen nimmt augenblicklich die Verfolgung auf – bricht die rasante Fahrt aber ab: Wegen der vielen Menschen war eine Verfolgungsjagd viel zu gefährlich. Was an jenem Samstagmorgen vor bald fünf Jahren noch zu riskant war, könnte schon bald möglich und sicher werden – dank Drohnen.

Eine Arbeitsgruppe der Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten (KKPKS) empfiehlt den Schweizer Korps den Einsatz der neuen Fluggeräte. Sprecherin Anita Senti: «Statt mit Fahrzeugen oder Helikoptern kann die Verfolgung von Verbrechern auch mit Drohnen aufgenommen werden.» Bereits heute würden die unbemannten Fluggeräte von verschiedenen Polizeien für die Dokumentation von Unfällen oder Tatorten aus der Luft benutzt. «Denkbar sind aber auch Suchaktionen, Aufklärungs- und Erkundungsflüge», sagt Senti.

De facto ist es heute schon möglich, dass ein Polizist am Bildschirm über eine in der Drohne eingebaute Kamera einen Wagen verfolgt, der ausserhalb seines Sichtfeldes dahinrast. In der Schweiz ist Sichtkontakt mit der Drohne allerdings noch Pflicht.

Unterstützung bei Bergungen in Gewässern

Trotzdem setzen immer mehr Schweizer Korps auf die Hilfe von Drohnen, wie eine Umfrage bei ­allen Kantonspolizeien zeigt. Zehn Korps haben in den vergangenen Jahren Kopter angeschafft. Weitere Kantone evaluieren derzeit eine Anschaffung.

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Beispielsweise die Nidwaldner Polizei, die bald zwei Quadrokopter in Betrieb nehmen will. Neben Aufnahmen von Massenkarambolagen sollen die Drohnen den Rettungskräften auch bei Bergungen im Wasser behilflich sein. Wird beispielsweise ein Badegast ­vermisst, kann eine Drohne ein Gebiet rasch und systematisch erkunden. Vorbild ist die Wasserwacht des Deutschen Roten ­Kreuzes an der Ostsee. Sie setzt seit letztem Sommer einen Rettungskopter ein. Mit der eingebauten Kamera kontrolliert das ­Fluggerät von der Luft aus das ­Geschehen auf dem Wasser.

Mit zehn Koptern – sie sind zwischen 26 Gramm und 3 Kilo schwer – besitzt die Kantonspolizei Zürich schweizweit die grösste Drohnenflotte. «Die Multikopter werden ab 2018 versuchsweise in verschiedenen Bereichen der Kantonspolizei und des Forensischen Instituts eingesetzt», sagt Sprecher Ralph Hirt. Es gehe darum, Erfahrungen zu sammeln, wie die Polizei Drohnen im Alltag nutzbringend einsetzen könne. «Wir versprechen uns wertvolle Erkenntnisse, die noch dieses Jahr in definitive Einsatzkonzepte und Beschaffungen der Polizei einfliessen werden.» Erst müssten aber die Piloten ausgebildet werden.

Zwei abgestürzte Drohnen auf dem Gefängnisgelände

Allerdings haben nicht nur die Ordnungshüter die Drohnen für sich entdeckt, sondern auch die Ganoven. Immer wieder dringen sie mit ihren fliegenden Komplizen in die Lufträume über Haftanstalten ein. «Wir befürchten, dass so Drogen, Mobiltelefone, Sprengstoff oder Waffen in unsere Institutionen hineingeschmuggelt werden», sagt Marcel Ruf, Direktor der Haftanstalt Lenzburg. Er verzeichnete in seinem Gefängnis einige Überflüge in den vergangenen vier Jahren.

In zwei Haftanstalten im Kanton Zürich fanden die Ordnungshüter sogar abgestürzte Drohnen: eine im vergangenen Sommer im Gefängnis Zürich, zwei im Jahr 2016 in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies. Laut Renuka Germann vom Zürcher Amt für Justizvollzug handelte es sich in allen drei Fällen um Spielwaren-Drohnen, die nicht mit Schmuggelware versehen waren. Die Vorfälle in der Anstalt Pöschwies werden von der Polizei als Versuche gewertet, denn beide Drohnen wurden im Bereich der Gefängnismauern oder des Vorgeländes aufgefunden. «Sie gelangten gar nicht in den Gefangenenwohnbereich.»

Ein Drohnenabwehrsystem mit Vorbildcharakter

Die Justizvollzugsanstalt Lenzburg gilt auch in der Schweiz als Vorreiter, wenn es um den Schutz vor Angriffen geht. Denn neben einem Herzschlagdetektor bei den Zufahrten und einer Handydetektionsanlage im ganzen Gebäude ist dort neuerdings eine Drohnen-Abwehr von der Firma Rheinmetall in Betrieb. 180'000 Franken hat sie gekostet, abgenommen wurde das System vergangenen November.

Ein Radar mit 50 Schildern, befestigt an den hohen Beleuchtungsmasten längs der Mauern, bewacht den Luftraum über dem Gefängnis. Einfliegende Drohnen werden sofort von einer hochauflösenden Kamera erfasst. So können die Wächter die Kopter nicht nur von Vögeln unterscheiden, sondern auch ihre Route verfolgen. Mit Netzwurfpistolen können sie die Kopter falls nötig vom Himmel pflücken. Das ist aber nicht alles, was das Lenzburger Detektionssystem leisten kann. «Wir haben uns für ein System entschieden, das auch Wurfgegenstände erkennt und beidseits der Mauern den Abwurf- sowie Landeort errechnen kann.» Es soll in den kommenden Monaten aus der Testphase entlassen werden.

Nach dem Vorbild von Lenzburg hat neuerdings auch die Interkantonale Strafanstalt Bostadel in Menzingen ZG ein System gegen Drohnen installiert. Die Verantwortlichen reagieren damit auf einen Vorfall im März 2014. Damals versuchten Unbekannte mit einer Drohne ein Handy ins Gefängnis zu schmuggeln. «Wir gehen davon aus, dass das System auch eine präventive Wirkung entfaltet, da die Insassen dessen Installationen mitbekommen haben», sagt Marcel Tobler von der Sicherheitsdirektion Zug.

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