Rapper ohne Eigenschaften

Mit dem neuen Album des Superstars Drake kommt das turbulente Hip-Hop-Jahr 2018 zur Ruhe.

«Scorpion» wurde am Erscheinungstag über 300 Millionen Mal aufgerufen: Drake. Foto: Insight Media

«Scorpion» wurde am Erscheinungstag über 300 Millionen Mal aufgerufen: Drake. Foto: Insight Media

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer sich in der letzten Woche durch die führenden Musikstreamingportale Spotify und den Konkurrenten Apple Music durchklickte, sah immer wieder dieses Gesicht mit dem wohlgestutzten Bart, auf welches das Popbusiness derzeit so viele Hoffnungen setzt. Es gehört dem kanadischen «Hotline Bling»-Rapper Drake, und dank seiner Omnipräsenz handelte es sich schon fast um eine selbsterfüllende Prophezeiung, als die Branche neue Rekordzahlen vermelden durfte: Drakes neues Album «Scorpion» wurde am Erscheinungstag über 300 Millionen Mal aufgerufen, und er gilt nun dank diesen neuen Zahlen als unangefochtener König des Streaming, wie ihn die «New York Times» betitelt hat.

Mit der Veröffentlichung von «Scorpion» endet ein atemloses halbes Jahr, das die Hip-Hop-Kultur durchschüttelte und die Chronisten der prägenden Jugendkultur der Gegenwart auf Trab gehalten hat: Da war zunächst der Pulitzerpreis für Kendrick Lamar zu vermelden oder der phänomenale Erfolg der Rapperin Cardi B – die auch dank ihren Latina-Wurzeln als kommender Weltstar gilt. Da gab es die Kontroversen um die Gewalttaten von XXXTentacion, der Ende Juli im Alter von 20 Jahren erschossen wurde. Das millionenschwere Ehepaar Jay Z und Beyoncé veröffentlichte als The Carters ein Überraschungsalbum – das vorab dank dem im Louvre gedrehten Videoclip in Erinnerung bleibt. Und natürlich beherrschte Kanye West mit seinen irrlichternden Zitaten über die Sklaverei und den verschiedenen Alben, die er in der Wildnis von Wyoming produziert hat, die Schlagzeilen.

Unter diesen verwirrenden bis verworrenen Kurzalben war auch «Daytona» des Rappers und ehemaligen Drogendealers Pusha T. Und mit dieser Veröffentlichung kam auch Drake wieder ins Spiel. Denn die beiden unterhalten seit einigen Jahren eine Fehde, die nun eskalieren sollte. Schuld daran trägt ein Satz von Pusha T, in dem er Drake einmal mehr vorwirft, dass er seine Reime gar nicht selber verfasse – und ihn mit Donald Trump vergleicht, der seinen Wahlsieg ja auch nur dank fremder Hilfe erzielt habe.

Mit den neuen Tracks tut er niemandem weh

Drake liess sich dies nicht bieten, mokierte sich mit dem rasch hingeworfenen «Duppy Freestyle» über seinen Kontrahenten, der seinerseits den bitteren wie giftigen Track «The Story of Adidon» veröffentlichte. In jenem Track rappt Pusha T über ein angebliches Kind, das Drake verheimlicht – und veröffentlichte auch ein Foto , in dem der Kanadier mit Blackface erscheint.

Wer nun auf «Scorpion» eine Fortsetzung dieser spektakulären Fehde erwartet, muss enttäuscht werden. Zwar erwähnt Drake offenherzig, dass er tatsächlich einen Sohn hat, um den er sich viel zu selten kümmern konnte. Doch vor allem zeigt sich der 31-Jährige in den 25 Tracks einmal mehr als Rapper ohne allzu herausragende Eigenschaften. Es sind Tracks, die man problemlos auf die verschiedensten Playlists der Streaming­giganten spitzen kann und die kaum jemandem wehtun. Was eigentlich ganz gut ist nach all diesen turbulenten Monaten.

Drake: «Scorpion» (Universal) (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.07.2018, 19:45 Uhr

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Über-Coach Christian Constantin

Loubegaffer: Missen-Alarm in Bern

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...