SBB starten Abbauwelle bei Billettautomaten

Einige Geräte spucken weniger als zehn Tickets pro Tag aus. Die SBB prüfen jetzt deshalb Hunderte Standorte.

Digital gekaufte Billette werden beliebter, Schlangen vor Ticketautomaten gibt es kaum noch: Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Foto: Urs Jaudas

Digital gekaufte Billette werden beliebter, Schlangen vor Ticketautomaten gibt es kaum noch: Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Foto: Urs Jaudas

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Der Bub lässt seine Finger flink über die Tasten gleiten. Nach und nach steigt die Zahl auf dem Bildschirm in die Höhe. Am Ende liegt sie bei über 10'000.

Der Zehnjährige steht aber nicht in einem Spielsalon, sondern am Hauptbahnhof in Zürich. Und er spielt an einem Billettautomaten der SBB und vertreibt sich so die Wartezeit. Er hat das Spiel perfektioniert, die Rechnung mit verschiedenen Ticketbestellungen in absurde Höhen zu treiben. Auf mehr als 10'000 Franken hat er es gebracht. Eine Schlange hat sich hinter dem spielenden Buben nicht gebildet. Denn die Automaten werden von immer weniger Bahnpassagieren benützt. Der Billettkauf am Computer zu Hause oder auf dem Smartphone macht sie für viele überflüssig.

Absätze an Automaten und Schalter sinken rasant

Kein Wunder, analysieren die SBB die Nutzungsstatistiken der Automaten und prüfen die Notwendigkeit der Standorte. Immerhin kostet jeder Billettautomat rund 30 000 Franken. Genutzt werden sie aber in einem teilweise erschreckend tiefen Ausmass: An einigen Automaten werden weniger als zehn Billette pro Tag gekauft.

Auf der anderen Seite nimmt die Bedeutung der neuen Verkaufskanäle rasant zu. «Der Anteil der verkauften digitalen Billette steigt, während der Absatz am Automaten und an den Schaltern rückläufig ist», sagt SBB-Sprecher Stephan Wehrle. Tatsächlich stieg der Anteil der digital bezogenen Tickets allein seit letztem Jahr von 32 auf 38 Prozent. Gleichzeitig sanken die Absätze am Automaten und am Schalter.

150 Automaten verkaufen weniger als zwanzig Billette pro Tag

Wie gut informierte Quellen berichten, beginnt nun eine Abbaurunde bei den Billettautomaten. Gerade Geräte, die nur eine Handvoll Tickets am Tag verkaufen, stünden auf der Abschussliste. Und davon gibt es viele. Sie stehen vorwiegend in ländlichen Gebieten. Insgesamt gebe es derzeit rund 150 Automaten, die weniger als zwanzig Billette pro Tag verkauften, bestätigen die SBB.

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Von einem Kahlschlag bei den Automaten will man bei den Bundesbahnen aber nichts wissen. «Derzeit können wir nicht von einem massiven Abbau sprechen», sagt Sprecher Wehrle. Das begründet er allerdings auch damit, dass neue Automatenstandorte in Städten hinzukommen. Mit der Einführung der neuen Stadtbahn in Genf Ende nächsten Jahres sind es beispielsweise rund 15. Wehrle sagt aber auch: «Wir gehen davon aus, dass die Anzahl der Billettautomaten in den nächsten Jahren zurückgehen wird.» Aktuell gebe es «ein paar Hundert Automaten», die das Ende der Lebensdauer erreichten. Sie beträgt etwa 15 Jahre. «An diesen Standorten prüfen wir, ob ein solcher Automat abgebaut werden kann.»

BLS ersetzte teilweise Ticketautomaten durch Menschen

Genaue Kriterien, nach denen entschieden wird – etwa, wie viele Tickets die Automaten pro Tag ausspucken müssen –, wollen die SBB nicht nennen. «Die Rentabilität per se steht nicht zwingend im Vordergrund, demzufolge haben wir auch keine fixe Messgrösse», sagt Wehrle. Unter anderem zähle der Absatz am Standort gesamthaft, also pro Automat und Stunde. Wenn ein Gerät nur fünf Tickets ausgebe, dann müsse man sich überlegen, ob sich der Ersatz für mehrere Tausend Franken lohne.

Massgebend seien aber auch Sicherheitsvorgaben auf den Mittelperrons, die Wege am Bahnhof, die Zugänglichkeit für Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder mit Kinderwagen sowie die Anzahl der Automaten an einem Standort.

«Durch den Abbau der zwölf Automaten können wir die teuren Unterhaltskosten sparen.»BLS-Sprecherin

Den Test nicht bestanden hat einer von zwei Automaten am Bahnhof in Eglisau ZH. Das alte Gerät spuckte nur noch acht Billette pro Tag aus. Daher entschieden die SBB Ende August, den Billettautomaten nicht zu ersetzen. Ende Oktober wird er abgebaut. Der zweite, modernere Automat am Perron bleibt bestehen. Das Beispiel zeigt, dass der Abbau selbst Knotenpunkte mit grösserem Passagieraufkommen treffen kann. In Eglisau treffen zwei Bahnlinien aufeinander, und der Ort erfüllt in der Region eine Zentrumsfunktion.

Die SBB-Konkurrentin BLS bemerkt in weniger stark besiedelten Gebieten ebenfalls eine geringere Nachfrage nach Ticketautomaten. An zwölf Haltestellen im Simmental und an der Lötschberg-Südrampe im Wallis wurden die Automaten daher vor einiger Zeit entfernt. Zu wenige Passagiere steigen an den betroffenen Stationen ein und aus. Stattdessen können die Reisenden die Tickets nun beim Zugpersonal kaufen. «Durch den Abbau der zwölf Automaten können wir die verhältnismässig teuren Unterhaltskosten sparen», sagt eine Sprecherin.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 18:29 Uhr

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