Auf den Crash folgten 10 Jahre Wirtschaftskrieg gegen die Schweiz

Die Finanzkrise kennt nur einen Sieger: Die USA. Verloren hat die Schweiz.

Investierten je 20 Milliarden im Jahr 2000 in den USA: Die Grossbanken Credit Suisse und UBS mit ihrem Sitz am Zürcher Paradeplatz. Bild: Keystone

Investierten je 20 Milliarden im Jahr 2000 in den USA: Die Grossbanken Credit Suisse und UBS mit ihrem Sitz am Zürcher Paradeplatz. Bild: Keystone

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Sie zogen aus, um die Welt zu erobern. Je 20 Milliarden Franken investierten die UBS und die Credit Suisse im Jahr 2000 in den USA, um sich einen Spitzenplatz im weltweiten Banking zu sichern. Sie setzten die Stillen Reserven ein, die sie über Generationen gehortet hatten, um ganz vorne mitzumischen. Und sie hatten Erfolg, allerdings nur sieben Jahre lang. Die UBS war 2007 gemessen am Börsenwert von 154 Milliarden Franken die Nummer 6 der Welt, heute ist sie noch knapp 60 Milliarden wert. Die CS, die auch 100 Milliarden auf die Waage brachte, lag 2007 immerhin auf Rang 16. Heute ist sie mit einem Börsenwert von 37 Milliarden unter ferner liefen. 25 Milliarden Franken Gewinn machten die Schweizer Grossbanken 2006, letztes Jahr nicht einmal 100 Millionen Franken. Ihre Chefs verdienten über 20 Millionen Franken. Im Durchschnitt verdiente 2006 ein Mitglied der UBS-Geschäftsleitung 19 Millionen, bei der Credit Suisse 18,8 Millionen Franken.

Einer wollte noch höher hinaus: Marcel Ospel verkündete im Sommer 2007 in der SonntagsZeitung, seine Bank wolle zur grössten Investmentbank der Welt werden. Die grösste Vermögensverwalterin war sie ja schon. Das war der Hochmut vor dem Fall, denn dann kam die Krise. Brutal erst bei der UBS, ab Herbst 2007 musste sie fast im Wochentakt neue Milliardenabschreiber bekannt geben, 50 Milliarden wurden es bis zum Schluss. Was noch schlimmer war: Der amerikanische Staat begann systematisch gegen das Erfolgsrezept der Schweizer Banken vorzugehen, gegen das Bankgeheimnis. Es fing mit einer harmlosen Meldung im November 2007 an, als die UBS bekannt gab, dass das Amerika-Desk geschlossen würde. Im Frühjahr 2008 flog auf, dass es einen Whistleblower gab, Bradley Birkenfeld, der auspackte. Dank ihm hatten die Amerikaner den Beweis, dass die grösste Schweizer Bank mit ihren Kundenberatern illegal in Amerika ausschwärmte und unter der Nase der Steuerbehörde und der einheimischen Konkurrenz Kunden akquirierte.

«Urteile zeigen: Das Handeln der Schweizer Banken war gar nicht illegal.»

Bis zu diesem Zeitpunkt galt die Credit Suisse als Hort der Stabilität. Doch dann kam der Konkurs von Lehman Brothers, der sich am 15. September zum 10 mal jährt. Einen Monat später erhielt die UBS 6 Milliarden Franken vom Bund und die Nationalbank sicherte ihr faulen Wertpapiere von 60 Milliarden Dollar ab. Die CS-Führung unter Walter Kielholz machte einen entscheidenden Fehler. Sie verzichtete auf die Hilfe des Schweizer Staats und warf sich dafür in die Arme von Katars Staatsfonds. 10 Milliarden Dollar schossen die Araber ein. Doch was erst bejubelt wurde, stellte sich schnell als kapitalen Fehler heraus. Während sich die UBS dank dem Staatsgeld rasch erholte, zahlte die CS Jahr für Jahr 800 Millionen Franken Zins. Erst diesen August konnte sie damit beginnen, die teuren Kredite los zu werden.

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Die Schweizer Regierung machte ihren entscheidenden Fehler ein halbes Jahr später. Am 18. Februar 2009 gingen 250 Kundendossiers in die USA, auf Anweisung der Finanzmarktaufsicht (Finma) und mit dem Segen des Bundesrats. Ab dann war die Schweiz erpressbar. Im Sommer wurden dann nochmals 4400 Namen von Steuersündern verraten, in der naiven Hoffnung, dass die Amerikaner endlich Ruhe geben würden. Es waren Eveline Widmer-Schlumpf und Hans-Rudolf Merz, die den Amerikanern auf den Leim krochen und die UBS-Banker vor einer schwierigen Entscheidung bewahrten, nämlich selber zu handeln.

Was dann folgte, war eine jahrelange Lähmung des Bankenplatzes durch immer neue Forderungen aus den USA. Eine Bank nach der anderen wurde unter Druck gesetzt und dazu gebracht, aus dem Vermögensverwaltungsgeschäft mit den Amerikanern auszusteigen. Die Schweizer Banken zahlte rund fünf Milliarden, um sich frei zu kaufen. Doch die Bussen wegen den Steuerflüchtlingen, das war längst nicht alles. Bei der UBS summierten sich die Kosten für Rechtsfälle seit 2009 auf fast 12 Milliarden Franken. Ein Drittel des seither erwirtschafteten Vorsteuergewinn. Noch schlimmer war es bei der Credit Suisse: Für Bussen und Rückstellungen musste sie 13 Milliarden aufwenden, fast die Hälfte des Vorsteuergewinns.

Im gleichen Moment stiegen die Amerikaner gross ins Vermögensverwaltungsgeschäft ein. Entgegen allen Zusicherungen machen die Amerikaner bis heute nicht mit beim automatischen Datenaustausch. Schweizer Steuersünder sind dort sicher. Miami und Delaware haben sich als sichere Zufluchtsorte für internationale Gelder etabliert. Wie eine Studie von Deloitte zeigt, wurden 2010 in der Schweiz rund 2 Billionen Dollar Vermögen verwaltet, in den USA rund die Hälfte. Seither hat die Schweiz 130 Milliarden verloren, die USA hingegen fast die Hälfte dazugewonnen. Wenn es so weiter geht, haben uns die USA als grösster Vermögensverwalter bald überholt. Dasselbe Bild im Investmentbanking: All die Regulierungen, die das Geschäft sicherer machen sollten, insbesondere das so genannte Basel-III-Abkommen, haben die USA nie umgesetzt. Die Schweizer Banken schon.

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Der Clou ist: Mehrere Urteile in den USA zeigten diese Jahr, dass das Handeln der Schweizer Banken gar nicht illegal war, sondern dass es erlaubt war, unversteuerte Konten zu führen. Die Bussen waren also für nichts. Auch in der Schweiz gab es ein interessantes Urteil. Es betraf Martin Egli, den Präsidenten von Swisspartner, eine ehemalige Tochtergesellschaft der Liechtensteinischen Landesbank (LLB). Die LLB geriet 2012 unter massiven Druck der USA. Und was tat Egli? Er zeigte seine Swisspartners in den USA gleich selber an und liess sich von Rechtsprofessor Peter Forstmoser ein Gutachten machen, laut dem es wahrscheinlich legal sei, die Kundendaten einfach auf einen Stick zu laden und nach Amerika zu bringen.

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Ein zweiter Professor gab ihm noch das Argument mit, er könnte sich ja schlimmstenfalls auf eine Notlage berufen. Egli liess sich die Kundendaten auf einen Stick laden und brachte sie den amerikanische Steuerfahndern gleich selber rüber. Ein klarer Fall von Wirtschaftsspionage für eine fremde Macht, dachten alle, und darum wurde Egli auch angeklagt. Egli schnappte sich mit Anwalt Lorenz Erni den besten Mann für solche Fälle und der erzählte dem Gericht, sein Klient habe ja nicht gewusst, dass Sein Tun verboten war. Statt als Spion verurteilt zu werden, bekam er 33'000 Franken Entschädigung für seine Anwaltskosten. Eglis Fall zeigt, wie man den Fall UBS auch hätte lösen können, ohne sich als Staat erpressbar zu machen. Das Bankgeheimnis gäbe es wohl heute trotzdem nicht mehr, aber die Schweiz hätte Zeit gehabt sich in Ruhe umzustellen.

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(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.09.2018, 23:39 Uhr

Hedgefonds gehen Pleite; Banker müssen zurücktreten, die Börsen stürzen ab

Juni/Juli 2007
Zwei Hedgefonds der US-Investmentbank Bear Stearns, die in Immobilienbesicherten Papieren investiert sind, melden Insolvenz an. UBS-Chef Peter Wuffli tritt nach der Pleite des UBS-Hedgefonds Dillon Read zurück.

9. August 2007
Der Tag gilt als eigentlicher Beginn der Finanzkrise. Die französische Bank BNP Paribas schliesst drei ihrer Fonds, die in US-Immobilienpapieren investiert sind. Sofort steigen die Zinsaufschläge für Interbankenkredite weltweit steil an. Einen Monat später stürmen Kunden die Schalter der britischen Bank Northern Rock. Sie wird von der Regierung gerettet.

März 2008
Die US-Investmentbank Bear Stearns wird auf Druck der US-Notenbank kurz vor dem Zusammenbruch an die Grossbank J. P. Morgan Chase verkauft. Die US-Regierung unterstützt den Verkauf mit staatlichen Garantien, die Notenbank übernimmt Verluste.

1. April 2008
Marcel Ospel, Präsident der UBS seit April 2001, muss nach Bekanntwerden der Milliardenverluste zurücktreten.

September 2008
Die US-Regierung übernimmt die Kontrolle über die schwer angeschlagenen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Nachdem alle Rettungsbemühungen gescheitert sind, meldet die Investmentbank Lehman Brothers am 15. September Insolvenz an. Die Börsen stürzen weltweit ab. Tags darauf muss der US-Versicherer AIG vom Staat gerettet werden.

16. Oktober 2008
Bund und Nationalbank retten die UBS mit 68 Milliarden Franken. Im Februar 2009 löst ­Oswald Grübel Marcel Rohner als Konzernchef ab, im März ­ersetzt Ex-Bundesrat Kaspar Villiger Peter Kurer als Verwaltungsratspräsident.

August 2009
Die UBS einigt sich im Steuerstreit mit den USA, sie gibt 4450 Kundendaten heraus und zahlt eine Busse von 780 Millionen Dollar. Die Einigung mit der CS kommt erst im Mai 2014 und kostet diese 2,8 Milliarden Dollar.

Mai 2010
Die Eurokrise eskaliert. Die EU-Minister beschliessen eine erste Rettungsaktion für Griechenland, später braucht es auch Rettungsschirme für Irland und Portugal. Die Krise dauert bis Juli 2012.

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