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Umstrittenes Diplom für Kinesiologen

Die Ausbildung in der alternativen Behandlungsmethode wird aufgewertet – trotz Widerstand aus den eigenen Reihen.

Simon Widmer
Schon jetzt lassen sich Kinesiologie-Patienten gewisse Therapien über die Zusatzversicherung bezahlen: Eine Kinesiologin erklärt die Grundtafel der chinesischen Medizin. Bild: Matthias Käser
Schon jetzt lassen sich Kinesiologie-Patienten gewisse Therapien über die Zusatzversicherung bezahlen: Eine Kinesiologin erklärt die Grundtafel der chinesischen Medizin. Bild: Matthias Käser

Ein verzweifelter junger Mann betritt eine Praxis. Auf dem Liegebett hält er seinen Arm gegen den Druck der Therapeutin an der gleichen Stelle. Ein energetisch optimal versorgter Muskel soll dem Druck standhalten können. Ist die Energie blockiert, würde er nachgeben. Der Muskeltest, der in einem Video des Berufsverbands Kinesuisse gezeigt wird, ist der Kern der alternativen Behandlungsmethode Kinesiologie.

Der rauchende Einzelgänger wandelt sich schnell zum lebensfrohen, sozialen Mann. So zeigt es das Kinesuisse-Video. Allerdings widerspricht der Muskeltest medizinischen Erkenntnissen. Einen wissenschaftlichen Nachweis für die Wirksamkeit der Methode gibt es nicht.

Trotzdem wird die umstrittene Therapieform in der Schweiz jetzt aufgewertet. Nach einem jahrelangen Rechtsstreit können Kinesiologen ein eidgenössisch anerkanntes Diplom erhalten. Das hat das Bundesverwaltungsgericht in einem kürzlich publizierten Urteil entschieden. Der entsprechende Titel lautet: «Komplementärtherapeut/in mit eidgenössischem Diplom. Fachbereich Kinesiologie».

«Wissenschaftlich längst entlarvte Irrlehren»

Damit reiht sich die Kinesiologie in 17 andere alternativmedizinische Ausbildungen ein, in denen auch die vom Bund anerkannte Höhere Fachprüfung abgelegt werden kann. Die Palette reicht von Ayurveda und Shiatsu bis zu Alexander-Technik und der Feldenkrais-Methode. Im Verband Kinesuisse sind über 1000 Therapeuten gemeldet.

Widerstand kam ausgerechnet aus der Kinesiologen-Szene selber. Über mehrere Instanzen wehrte sich der Schweizerische Verband Nicht-Medizinische Kinesiologie SVNMK, anfangs noch zusammen mit anderen Verbänden, gegen die Anerkennung.

Der SVNMK fürchtet, dass unseriöse Methoden ein eidgenössisches Gütesiegel erhalten. Auf seiner Website schreibt der Verband über teilweise praktizierte Methoden: «Ihre Theorien und Praktiken enthalten in vielen Fällen offensichtlich inakzeptable Sektenlehren, rassistische und sexistische Sichtweisen, ausgedehnte esoterische Systeme und wissenschaftlich längst entlarvte Irrlehren.» Auf Nachfrage sagt Verbandspräsident Ueli Meier: «Die in den Kinesiologie-Ausbildungen vermittelten Inhalte und Methoden sollten dringend extern von unabhängigen und kompetenten Wissenschaftlern überprüft werden.»

Ausbildungskonzept und Prüfungsordnung hat die Organisation der Arbeitswelt Alternativmedizin Schweiz (OdA KT) ausgearbeitet. Deren Präsidentin Andrea Bürki sagt, der Entscheid, die Kinesiologie ins Berufsbild Komplementärtherapie zu integrieren, stärke die Methode, indem «Ausbildungsstand, Arbeitsweise, Anforderungen und Kompetenzen der Kinesiologinnen und Kinesiologen einheitlich geregelt werden». Eine externe Prüfung sei gesetzlich nicht vorgesehen.

Bund subventioniert neu Kinesiologen-Ausbildung

Das sieht auch das Bundesverwaltungsgericht so. Durch eine eidgenössisch anerkannte Ausbildung könnten unseriöse Anbieter leichter ausfindig gemacht werden. Die vom SVNMK geäusserten Bedenken würden dafür sprechen, «auch die Kinesiologie in das Berufsbild Komplementärtherapie aufzunehmen und dadurch Ausbildungsstand, Arbeitsweise, Anforderungen und Kompetenzen der Kinesiologinnen und Kinesiologen einheitlich zu normieren».

Das Gütesiegel des Bundes bringt finanzielle Vorteile mit sich: Wer sich auf eine Höhere Fachprüfung vorbereitet, kann vom Bund Subventionen von bis zu 10'500 Franken beantragen. Schon jetzt lassen sich Kinesiologie-Patienten gewisse Therapien über die Zusatzversicherung bezahlen.

Diese Praxis dürfte sich nicht ändern. Entscheidend bei der Vergütung sei das Erfahrungsmedizinische Register EMR, sagt Felix Schneuwly, Krankenkassen-Experte bei Comparis. Dieses vergibt ein Qualitätslabel für die Ausbildung von Therapeuten der Komplementär- und Alternativmedizin. Eine Nachfrage bei mehreren Krankenkassen ergibt, dass diese ihre Vergütungspraxis nicht anpassen werden.

Allerdings könnte das letzte Wort im Kinesiologen-Streit noch nicht gesprochen sein. Der SVNMK erwägt einen Weiterzug an das Bundesgericht. «Wir analysieren zurzeit das Urteil und entscheiden dann das weitere Vorgehen», heisst es beim Verband.

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