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Vernebelungstaktik

Der Tabakmulti Philip Morris drangsalierte Schweizer Forscher, weil sie eine Studie über Heat-not-burn-Produkte publiziert hatten.

Viel Rauch um IQOS-Zigarette: Auch ihr entweichen krebserregende Stoffe. Foto: Getty Images
Viel Rauch um IQOS-Zigarette: Auch ihr entweichen krebserregende Stoffe. Foto: Getty Images

Vertreter des Tabakkonzerns Philip Morris haben im Juni bei den Vorgesetzten eines Forscherteams der Universitäten Bern und Lausanne interveniert. Sie haben ­diese aufgefordert, sich dafür einzusetzen, dass eine Studie ihrer Mitarbeiter wegen «methodischer Mängel» zurückgezogen wird. Die fragliche Studie ist im Frühling in der Ärztezeitschrift «Jama Internal Medicine» erschienen. Darin widerspricht Studienautor Reto Auer von der Uni Bern der von Philip Morris kolportierten Aussage, wonach sogenannte Heat-not-burn-Tabakprodukte keinen Rauch produzieren würden.

Auf Anfrage erklärt Philip Morris, sie bemängelten die «inexakten» Schlussfolgerungen der Studie und hätten den Forschern vorgeschlagen, die Studie mit ihren eigenen «validierten» Methoden zu wiederholen.

Dieses Vorgehen sei «komplett ausserhalb einer normalen wissenschaftlichen Diskussion», sagt Jean-François Etter von der Universität Genf, der nicht an der Studie beteiligt war. «Das ist ein inakzeptabler Druck.» Das Ziel könnte gewesen sein, das Schweizer Team einzuschüchtern. Zudem könne die Intervention auch als Warnung an andere Forscher verstanden werden, die Finger von dem Thema zu lassen.

Die Druckversuche liefen ins Leere. Die Vorgesetzten der Universitäten Bern und Lausanne hätten den Versuch, sich in den wissenschaftlichen Publikationsprozess einzumischen, «klar abgewiesen», schreibt die Pressestelle der Uni Bern. Worauf Philip Morris den üblichen Weg beschritt und in einem im November publizierten Leserbrief in «Jama Internal Medicine» die Studie von Auer und seinen Kollegen kritisierte.

Risiko sinkt nicht proportional zur Schadstoffsenkung

Worum geht es konkret? Das Team um Reto Auer hat ein Heat-not-burn-Produkt der Firma Philip Morris ­untersucht, genannt IQOS. Dabei handelt es sich um mit Tabak gefüllte Sticks, die in einem Gerät auf bis zu 350 Grad erhitzt werden und nicht wie herkömmliche Zigaretten mit einer Flamme auf 800 Grad. So sollen geringere Mengen an krebserregenden Ver­brennungs­produkten entstehen und das Rauchen damit potenziell weniger schädlich sein.

In der Schweiz sind derzeit drei solcher Zigarettenersatzprodukte erhältlich: Ploom (Japan Tobacco International), Glo (British ­American Tobacco) und eben IQOS von Philip Morris – Letzteres schon seit 2015.

Die Schweizer Forscher analysierten die Schadstoffe, die bei erhitzten IQOS-Sticks herauskommen und verglichen diese mit den Schadstoffen von Zigaretten der Marke Lucky Strike Lights. Tatsächlich waren die Schadstoffmengen bei den IQOS-Sticks zum Teil sehr viel geringer als bei den herkömmlichen Zigaretten. Dennoch zeigten die Ergebnisse, dass wie bei der Zigarette auch bei IQOS «Rauch» entsteht, sagt Reto Auer. Krebserregende Stoffe wie Acetaldehyd oder Benzopyren fand das Team ebenso wie Kohlenmonoxid. Die Forscher folgerten daher: Auch beim Erhitzen des Tabaks auf die niedrigere Temperatur handelt es sich um eine unvollständige Verbrennung, die zu Rauch führt.

Es mag spitzfindig klingen, ob das, was die Konsumenten der neuen Tabakprodukte einatmen und was in die Umgebung gelangt, als «Rauch» bezeichnet wird oder nicht. Relevanter wäre, ob die Schadstoffe auch in den geringeren Mengen gesundheitsschädlich sind. Das jedoch können die Schweizer Forscher mit ihrer kleinen Studie ebenso wenig aussagen wie die Hersteller mit ihren gross angelegten Analysen. Langzeit­studien gibt es noch keine.

Dennoch haben Auer und seine Kollegen einen wunden Punkt getroffen. «Das torpediert die Marketingstrategie von Philip Morris», sagt Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg. Zwar haben auch unabhängige Studien die deutlich geringeren Schadstoffwerte, die der Hersteller angibt, für den ­Zigaretten-Ersatz IQOS bestätigt. Nur: «Eine Schadstoffsenkung um 90 Prozent bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich auch das Gesundheitsrisiko um 90 Prozent verringert», sagt Mons.

Fast eine Milliarde für «unabhängige» Stiftung

Auch Jean-François Etter hat Vorbehalte. «Die Forscher von Philip Morris bestreiten, dass es sich um Rauch handelt, und sprechen von Aerosolen», sagt der Professor für Gesundheitswissenschaften an der Uni Genf. Der Grund dafür ist kein wissenschaftlicher, sondern neben dem Marketing auch ein juristischer. Momentan gibt es schweizweit keine verbindliche Regelung für Tabakprodukte zum Erhitzen. Das soll sich mit dem zweiten Entwurf des Tabakproduktegesetzes ändern, der letzte Woche in die Vernehmlassung gegangen ist. ­Darin sollen Tabakprodukte zum Erhitzen ebenso wie E-Zigaretten bezüglich Werbung und Passivraucherschutz den Zigaretten gleichgestellt werden. E-Zigaretten kommen ohne Tabak aus. Sie verdampfen aromatisierte Flüssigkeiten, die auch Nikotin enthalten können.

Ute Mons vom DKFZ findet die Intervention von Philip Morris in Bern und Lausanne «hochproblematisch». Überrascht sei sie aber nicht. In der Vergangenheit hätten Tabakkonzerne immer wieder versucht, die Forschung zu beeinflussen. Zum Beispiel habe die Tabakindustrie in den 1980er-Jahren Studien finanziert, die zeigten, dass Lungenkrebs auch durch Radon oder Asbest ausgelöst werden kann. So konnte die Tabakindustrie öffentlich sagen: Lungenkrebs kann viele verschiedene Ursachen haben. Das sei eine Ablenkungstaktik gewesen.

«Heute ist ihre Strategie, sich mit Präventionsmedizinern zusammenzuschliessen», sagt Mons. So unterstützt Philip Morris seit kurzem eine «unabhängige, gemeinnützige» Stiftung mit jährlich 80 Millionen Dollar für die nächsten 12 Jahre. Die «Stiftung für eine rauchfreie Welt» wird 2018 ihre Arbeit aufnehmen. Auch in diesem Zusammenhang könnte die Definition wichtig sein, welche Produkte als «rauchfrei» gelten.

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