Wenn Mörder auf die Opfer schwerer Straftaten treffen

Im Gefängnis Lenzburg findet Unvorstellbares statt: Täter und Opfer reden während Wochen über emotionale Qualen und das «Warum?».

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Yvonne* zittert vor Angst, als sich der dreifache Mörder neben sie setzt. Die Seniorin ist eines von vier Opfern von Gewaltverbrechern, Stefan* einer von neun Kriminellen, die sich an diesem Dienstagabend zum ersten Mal begegnen. Eingeschlossen in der kleinen Aula innerhalb der Mauern des Lenzburger Gefängnisses. Ohne Aufseher. Mit ein Grund, weshalb auch der hohe, helle Raum die tiefe Beklemmung der Seniorin nicht zu lösen vermag. Hier wird sie in den kommenden neun Wochen jeden Dienstagabend verbringen. Hier will sie sich ihrer Geschichte stellen, ihre Angst besiegen – und den Verbrechern vor Augen führen, welche emotionalen Qualen Opfer durchleben.

Es ist kurz nach 18 Uhr. Die Gruppe sitzt im Kreis – Einbrecher neben Überfallenen neben Mördern. Und dazwischen vier Moderatoren des Schweizer Forums für Restaurative Justiz. Sie initiieren Gespräche zwischen verurteilten Straftätern und Opfern vergleichbarer Verbrechen.

Forumspräsidentin Claudia Christen ist Kriminologin und selbst ein Opfer. Ihr Kollege Ruedi Szabo, ein ehemaliger Krimineller, fungiert in der Gruppe als Mediator. Sieben bewaffnete Raubüberfälle hat er verübt, zu neun Jahren Haft wurde er verurteilt. Heute setzt er sich für die Reintegration von Häftlingen ein. Während die restaurative Justiz in zahlreichen Ländern längst Bestandteil des Strafvollzugs ist, findet dieses Projekt in der Schweiz bisher einzig in Lenzburg statt – und diesen Frühsommer erst zum zweiten Mal.

Die Konfrontation soll den Verbrechern ihre Verantwortung vergegenwärtigen, damit sie ihre Handlungsweisen ändern. Gleichzeitig erhalten die Opfer die Möglichkeit, im Dialog mit Verbrechern – stellvertretend für die Täter in ihren Fällen – ihre Erlebnisse aufzuarbeiten. Ziel ist die Wiedereingliederung der Kriminellen, aber auch der Opfer in einen gesellschaftlichen Alltag.

Vieles hat sie versucht, gefruchtet hat nichts

An Alltag ist an diesem Dienstagabend für Yvonne nicht zu denken. Die Angst steckt der 60-Jährigen in den Knochen. Doch für sie ist klar: «Es ist meine letzte Chance, meine traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten.» Ihre Stimme droht zu brechen, verrät, dass sie sich diese Entschlossenheit erkämpfen muss. Vieles hat sie versucht, gefruchtet hat nichts. Wiederholt brechen Unbekannte bei ihr ein – ohne gross Beute zu machen. Immer wieder verschwindet ihr Namensschild am Briefkasten, anonyme Anrufe.

Anonym bleibt in der Runde in der Gefängnisaula indes niemand. Der volle Name steht auf einem Namensschild vor jedem Stuhl. Offenheit gehört genauso zum «Vertrag», den die Beteiligten an diesem Abend miteinander ausmachen, wie Vertraulichkeit, Empathie oder Gleichberechtigung. Unbekannt bleiben am ersten Abend aber noch die Geschichten, die Gründe, weshalb die vier «Damen von draussen» und die neun «Herren des Hauses» aufeinandertreffen.

Noch geht es nicht ums Eingemachte, sondern ums Kennenlernen, denn ausser Erna* trifft bei diesen Begegnungen keines der Opfer auf seinen Täter. Die pensionierte Postangestellte sitzt an diesen Dienstagen nur wenige Meter von jenem Mann entfernt, der vor der Jahrtausendwende ihr Leben für immer verändert hat, als er maskiert und bewaffnet ihre Post ausraubte: Moderator Ruedi Szabo. «Diese Augen werde ich nie vergessen», sagt sie am dritten Abend und meidet jeglichen Blickkontakt mit dem Grossgewach­senen, als sie als Erste der Runde ihre Geschichte anvertraut. Vom Überfall erzählt. Vom Schock, als sie gefesselt, geknebelt, ihr eine Waffe an den Kopf gehalten wird und Szabo mit seinen zwei Komplizen türmt, nachdem er den Tresor geleert hat. Von der Scham und der Furcht, die sie danach jahrelang daran hindert, sich allein in der Dunkelheit rauszuwagen.

Der Moderator ist auch einer der Täter

Yvonnes Blick hängt an Ernas Lippen – sie versteht. Verstohlen, prüfend, beäugen die Verbrecher den Mediator, der einer von ihnen ist und der sich ernst und aufrecht sitzend der Konfrontation stellt. Mit gepresster Stimme berichtet sein Opfer von der Fassungslosigkeit, als es ihn ein Jahrzehnt später in einem Radiobeitrag hört, erfährt, dass er nach verbüsster Strafe schwererziehbaren Jugendlichen hilft. Erna schaut Ruedi während ihrer Schilderungen kaum an. Spricht – als wäre er nicht zugegen – in der dritten Person von ihm, als sie von ihrer Empörung berichtet, weil «er sich in der Sendung als Gutmensch hingestellt hatte und doch so Schlimmes angerichtet hat». Von der «Stinkwut», die sie sich in einem mehrseitigen Brief von der Seele schreibt, und wie per Post eine Entschuldigung von ihm zurückkommt, ein Vorschlag, sich mit ihr zu treffen. Sie willigt ein. «Nach all dieser Zeit brannten mir noch so viele Fragen unter den Nägeln, und nur er konnte sie beantworten.» Allen voran die Frage nach dem «Warum». Warum er überhaupt bewaffnet auf Raubzüge gegangen ist? Warum just in dieser Poststelle? Und warum ausgerechnet sie? Erna hält inne. Stille. Der Häftling neben ihr hebt die Jacke der Rentnerin auf, die von der Lehne gerutscht ist. Ein kurzer Augenkontakt. Sie lächelt ein Dankeschön. «Nein, damals konnte ich die Entschuldigung nicht annehmen – das kam erst mit der Zeit.» Wieder Stille.

Mit gedämpfter Stimme erkundigt sich Alex*, ein 26-Jähriger, der in Lenzburg eine vierjährige Haftstrafe wegen schwerer Körperverletzung verbüsst, bei Ruedi, wann er das Bedürfnis verspürt habe, sich bei seinem Opfer zu melden. «Schon während der Untersuchungshaft. Damals hatte man mir aber davon abgeraten.» Hinzustehen und um Verzeihung zu bitten, gehörte zu seiner Therapie. Auch Alex hat sein Opfer um Vergebung gebeten – davon wollte dieses aber nichts wissen. «Ja, nicht alle Opfer wollen oder können diesen Schritt tun», sagt Szabo. «Das ist ihr Recht, und dafür müssen wir Kriminellen Verständnis haben.»

Und immer wieder wird gemeinsam gelacht

Seit vier Wochen stehen die wöchentlichen Termine schon auf der Agenda. Ein Opfer nach dem andern enthüllt seine Geschichte – und damit tiefe seelische Wunden. Ihre Offenheit, ihr Mut, sich der Vergangenheit zu stellen, um vorwärtszukommen, berühren die Hartgesottensten der Runde. Die Frauen führen den Kriminellen vor Augen, dass Verbrechen wie ihre nicht «nur» Gesetzesbrüche sind, sondern tiefe Einschnitte im Leben der Betroffenen. Dass unverletzt in keinem einzigen der Fälle auch unversehrt bedeutet. Und immer wieder wird gemeinsam gelacht. Zuweilen wecken die traumatischen Erlebnisse der Frauen die Beschützerinstinkte der Häftlinge. Stellvertretend für die Peiniger der anwesenden Opfer sind sie bemüht, die Fragen der Frauen zu beantworten – vor allem jene, die jedes der Opfer umtreibt. Die Frage nach dem «Warum?».

Und dann ist Marianne* an der Reihe. Die 31-Jährige mit dem Schneewittchen-Gesicht und den sanften Augen nimmt die Gruppe mit auf eine Höllenfahrt. Zurück ins Jahr 2006, zurück nach Berlin, wo sie mit ihren Eltern und ihrem Bruder lebte, wo sie ihre Ausbildung als Pflegefachfrau absolvierte. Zurück zu dem Morgen, an dem ihr Vorgesetzter sie zu sich bittet und mit einem Seelsorger empfängt. Noch ist die Stimme der jungen Deutschen klar, noch scheut sie keinen Blickkontakt – auch nicht mit Stefan, der just an diesem Dienstag neben ihr Platz genommen hat. Der junge Mann mit dem schwermütigen Lächeln und der blonden Millimeter-Frisur, der an diesen Abenden den zuvorkommenden Gastgeber gibt, den Besucherinnen Kaffee bringt, wenn er sich selbst einen holt – und der wegen dreifachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, die er seit 2009 in Lenzburg absitzt.

An jenem Märztag 2006 erfährt Marianne, dass ihre Grosseltern tot sind. Polizisten bringen sie auf die Wache, wo ihre Eltern warten und wo ihre Welt aus den Angeln gehoben wird: Opa und Oma starben durch zig Messerstiche – durch die Hand ihres Bruders. Jetzt bricht ihre Stimme. Tränen trüben ihren Blick. Totenstille. Stefan starrt ins Leere. Alex* sitzt einige Stühle weiter, vornübergebeugt. Walter, der vor mehr als einem Jahrzehnt im Hafturlaub einen Mann im Rausch aus nächster Nähe erschossen hat, knetet unablässig seine Hände. «Innerlich war ich tot», sagt die Deutsche. Als würde es ihr in diesem Kreis zu eng, schweift ihr Blick ab. Hinaus, wo ein heftiger Sturm aufzieht. Die sonst bodenständige junge Frau wirkt plötzlich zerbrechlich – als sie noch eins draufsetzt: «Mit meinem Onkel habe ich den Tatort, die Wohnung meiner Grosseltern, gereinigt.» Wenn auch völlig extrem, habe es ihr geholfen, zu begreifen. Zu unfassbar, zu unwirklich sei das Drama bis dahin gewesen. «Ich sah, wo sie um ihr Leben gekämpft hatten, konnte nicht mehr vorwärts-, nicht mehr rückwärtsdenken.» «Scheisse!», entfährt es einem der Inhaftierten. Für einen Augenblick schliesst Walter die Augen, streicht sich mit der Hand übers Gesicht. Und draussen grollt bedrohlich der Donner. «Die Geschichte von den Betroffenen direkt zu hören, knallt dir dermassen eine an die Fresse», wird er später sagen. Kein therapeutisches Rollenspiel der Welt habe diese Wirkung.

Marianne wartete 2006 nicht auf eine Therapie: Zwei Wochen nach der Schreckenstat besucht die damals 19-Jährige ihren Bruder im Gefängnis. «Es war zu unfair, dass er – der Verantwortliche – einfach von der Bildfläche verschwunden war.» Während sich die Familie Tag für Tag mit der unglaublichen emotionalen Zerrissenheit konfrontiert sah, sich auf den Titelseiten wiederfand und den Verurteilungen der Gesellschaft stellen musste. «Ich warf ihm an den Kopf, was ich seinetwegen durchleben musste.» Der erste Schritt eines Versöhnungsprozesses, der heute noch andauert.

Neben der jungen Frau kneift Stefan* die Lippen zusammen. An diesem Abend ist er beim Abschied von der Gruppe stiller als sonst, sein Lächeln schwermütig. Einige Wochen später fasst er in Worte, was in ihm vorging: Länger als sonst lag er an diesem Dienstagabend wach. Tagelang intensiv ­beschäftigt habe ihn Mariannes ­Erzählung, an sein Verbrechen erinnert – auch wenn seine Opfer Fremde waren und Geld sein Motiv. Das Drama der Frau wühlt ihn sichtlich auf, besonders weil sie seiner Schwester so ähnlich ist.

Meist mit gesenktem Blick, immer mit leiser Stimme

Wohl auch darum wählt der Gefangene seine Worte mit viel Bedacht, als er einer von zwei Kleingruppen seine Gewalttat schildert. Meist mit gesenktem Blick, immer mit leiser Stimme. Er schwitzt. Marianne steigen Tränen in die Augen, als Stefan beschreibt, wie er auf den Tag genau vor neun Jahren auf dem Brustkorb seines bewusstlosen Opfers kniet und es mit einer Plastiktüte erstickt. Unweit von ihm sitzt Erna , vornübergebeugt, bestürzt. «Ihr seid da wirklich hingefahren und wusstet, dass ihr töten würdet?» Der Mörder meidet den Blickkontakt, ein gepresstes «Ja.» Jetzt füllen sich auch seine Augen mit Tränen. Betrunken sei er gewesen, unfähig, die Notbremse rechtzeitig zu ziehen, verschuldet, «ein loyaler Tubel». Ungewöhnlich bedrückt verlassen die Frauen an diesem Dienstagabend das Gefängnis. Stefan hingegen findet Ruhe, als seine Zellentür um 20.15 Uhr ins Schloss fällt. Er ist erleichtert. Das Reden hat ihm gutgetan, sich den bohrenden Fragen der Opfer zu stellen ebenfalls.

Die gemeinsame Zeit hat Brücken geschlagen zwischen den Tätern und den Opfern, zwischen Menschen. So schwingt beim Abschied Schwermut mit – aber auch Hoffnung. «Ich werde euch vermissen», sagt Yvonne. Sie hat in den neun Wochen ihre Angst abgelegt, an Selbstsicherheit gewonnen. Die Frauen versprechen, wiederzukommen – überhaupt will sich die Gruppe noch mal treffen. Weiterreden. Und vor den Mauern verabschiedet sich Erna von Ruedi Szabo. Die Distanz zu «ihrem Täter» bleibt spürbar. «Die letzten Wochen haben mir gezeigt, wie fragil man als Opfer auch noch nach Jahrzehnten ist – und wohl immer bleibt.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 24.06.2018, 12:21 Uhr

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