Wenn Neonazis lieber weisser wären

Auch amerikanische Rassisten stammen aus Afrika. Eine Kolumne von Andreas Kunz.

Afrikanische Abstammung? Rassisten marschieren in Charlottesville auf.

Afrikanische Abstammung? Rassisten marschieren in Charlottesville auf.

(Bild: Reuters)

Andreas Kunz@sonntagszeitung

Wenn Nazis mit Fackeln aufmarschieren und ihre hässlichen Parolen skandieren, wie am letzten ­Wochenende im amerikanischen Charlottesville, überkommt einen ein gruseliges Fürchten. Man fragt sich, wie so etwas heute noch möglich ist. Und gelangt ­dabei auch zur Einsicht, dass die Dummen niemals aussterben. Und dass man sich über sie, ­zumindest in diesem Fall, unbedingt lustig ­machen sollte. Vor allem, wenn sie dazu selber reichlich Anlass bieten.

So begab sich vor ein paar Jahren Craig Cobb, einer der bekanntesten US-Neonazis, in eine Daytime-TV-Show, um mittels Gentest zu demonstrieren, dass er «reines Blut» habe und ein «all-white American» sei. Cobb, der 2013 in North Dakota eine eigene Enklave für Rassisten gründen wollte und wegen Bedrohung der Behörden zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt worden war, hatte sich für seinen grossen Auftritt schick gemacht, trug dunklen Anzug mit roter Krawatte. Die schwarze Moderatorin öffnete das Couvert und verkündete das Resultat: «Mr. Cobb, Sie sind zu 86 Prozent europäisch . . . und zu 14 Prozent sub­saharischer Abstammung.»

Video: Cobb erhält die Auswertung seiner DNA

Das Publikum grölte, Cobb versuchte sich zu retten: «Wait a minute, wait a minute», sagte er. «Das ist das sogenannte statistische Rauschen.» Die Moderatorin zeigte sich unbeeindruckt: «Sweetheart, da steckt ein bisschen Schwarz in dir drin!»

Ernüchternde Ergebnisse

Tatsächlich sind Gentests bei amerikanischen Rassisten beliebt, seit diese einfach und relativ billig mittels Speicheltest gemacht werden können. Die beiden Soziologen Aaron Panofsky und Joan Donovan von der Universität Los Angeles untersuchten auf der Neonazi-Website Stormfront ein Jahr lang über 3000 Einträge, in denen die User über ihre Gentests diskutierten. Zufälligerweise präsentierten die Forscher ausgerechnet letzten Montag, zwei Tage nach den Ausschreitungen in Charlottesville, ihre Resultate.

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Und wie das US-Wissenschaftsmagazin «Stat News» berichtet, sind diese für die Neonazis ziemlich ernüchternd: Nur ein Drittel all ­jener, die von der Überlegenheit der weissen Rasse überzeugt sind und ihren Gentest auf Stormfront publizierten, waren zufrieden mit dem Ergebnis. Alle anderen zeigten sich, genauso wie Craig Cobb, bitter enttäuscht und suchten nach Ausreden, warum sie nicht so weiss waren, wie sie erwartet hatten.

«Sweetheart, da steckt ein bisschen Schwarz in dir drin!»

Gemäss Panovsky stellten einige der nicht ganz so rassenreinen Neonazis den Test generell in Abrede und schrieben, ihr «individuelles Wissen» sei glaubwürdiger als die Genetik. Sie verwiesen auf einen sogenannten Spiegeltest und meinten: «Wenn du einen Juden im Spiegel siehst, hast du ein Problem. Wenn nicht, bist du okay.» Andere sagten, der Test spiele keine Rolle, solange man sich als «wahrhaftiger weisser Nationalist» fühle. Wenig überraschend witterten manche hinter den Ergebnissen der Gentests auch eine «jüdische Verschwörung».

Krude Logik

Am erstaunlichsten waren für die Studienautoren ­allerdings die vielen Widersprüche, in die sich die Neonazis verstrickten. Vor allem die neuen und anonymen Mitglieder der Stormfront-User, die ein gemischtrassiges Resultat vorlegten, seien oft sehr rüde und mit für die Wissenschaftler «unzitierbaren Worten» von der Gemeinschaft ausgeschlossen worden – während die älteren und vertrauten Mitglieder von den Kollegen ermuntert worden seien, weiter Teil der weissen Nationalistenbewegung zu bleiben. Afrikanische Vorfahren seien kein Problem, solange sie sich ab sofort nur mit weissen Partnern paarten, schrieben sie.

In ihrem Rechtfertigungseifer anerkannten nicht ­wenige Neonazis sogar ihre Verschiedenartigkeit: «Okay, wir sind bunt gemischt», gestanden sie. Um in ihrer eigenen, kruden Logik zu schliessen: «Genau deshalb brauchen wir für eine Multikulti-Gesellschaft keine Schwarzen im Land.»

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