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«Ich hätte meinen Urin manipulieren können»

Patrick Heuscher ist besorgt: «Ich hätte meinen Urin manipulieren können – ich war bei der Dopingkontrolle 15 Minuten lang unbeaufsichtigt.» Dr. Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz, beruhigt ihn.

Patrick Heuscher hat mit einem Besuch von Antidoping Schweiz zwar gerechnet – nicht aber mit dem für ihn erstaunlichen Vorgehen. Am 3.Mai, nach dem Final im Rahmen der Swiss-Beach-Tour in Zürich, passierte Folgendes: «Nachdem ich die Aufforderung zur Dopingkontrolle noch auf dem Feld hatte unterschreiben müssen, liess man mir 15 Minuten lang Zeit, um in der Kontrollstation zu erscheinen und unter Aufsicht eine Urinprobe abzugeben. In dieser Viertelstunde war ich alleine und unbeaufsichtigt. Ich hätte den Urin also manipulieren können», sagt Heuscher. Er habe von anderen Athleten und Betreuern gehört, dass 15 Minuten ausreichten, um eine Probe zu fälschen. Katheter, Präservativ«Es braucht keine fünf Minuten, um aus einem positiven Resultat ein negatives zu machen», behauptet Dr. Michael Tank. Der deutsche Arzt, seit 2005 Mitglied der Antidopingkommission des Deutschen Volleyballverbandes, kennt die fiesesten Tricks bei Kontrollen. Am häufigsten werde versucht, unbelasteten Fremdurin abzugeben. «Der Sportler füllt unter der Dusche die zuvor geleerte Blase durch einen selbst gesetzten Katheter mit sauberem, körperwarmem Urin gleichen Geschlechts», sagt Tank. Das bei Männern ziemlich schmerzhafte Katheterisieren sei schwierig zu kontrollieren. Andere gingen einen Schritt weiter: Tank erinnert an die ehemalige DDR-Sprinterin Katrin Krabbe, deren Praktik ihn aufgeschreckt habe. Krabbe wurde 1992 verdächtigt, ein uringefülltes Femidom – ein Präservativ, das von der Frau angewendet wird – eingesetzt zu haben, das sie während der Kontrolle mit ihrem Fingernagel aufritzte. Patrick Heuscher hat Antidoping Schweiz über den seiner Meinung nach nachlässigen Ablauf der Dopingkontrolle informiert. Der 32-jährige Frauenfelder will nicht anklagen, sondern aufrütteln. «Es geht mir nicht darum, den Kontrolleur als zu lasch zu entlarven», sagt der Olympiadritte von Athen. Aber er frage sich schon, wie oft Betrügereien im Zusammenhang mit manipuliertem Austausch von Körperflüssigkeiten schon geklappt hätten. Und wie viele Doper mit krimineller Energie und ruhiger Hand regelmässig mit so etwas durchkämen. In Zeiten des gläsernen Sportlers – Heuscher muss wie alle Athleten vom nationalen Kontrollpool den zuständigen Stellen für die jeweils kommenden 90 Tage fortlaufend Aufenthaltsort und Trainingszeiten melden, um für mögliche Kontrollen erreichbar zu sein – könne es nicht sein, «dass ein Sportler nach der Aufforderung zur Dopingprobe aus dem Blickfeld der Kontrolleure entschwindet». In Deutschland würden den Beachvolleyballern sogenannte Chaperons zur Seite gestellt, sagt Dr. Tank. Das sind Helfer des Antidopingkommissars, die für die Begleitung der zur Kontrolle geladenen Sportler vom Ende des Spiels bis zum Betreten der Kontrollstation verantwortlich sind.Risikoanalyse entscheidendDr. Matthias Kamber, Direktor der Stiftung Antidoping Schweiz, hält entgegen, dass das Kontrollsystem mit dem Einsatz von Chaperons, die häufig aus Kostengründen vom Veranstalter gestellt werden, in vielen Fällen eine hohe Sicherheit vortäusche: «Die Chaperons müssen nach einer Schnellbleiche einen Athleten während 60 Minuten beschatten, haben aber keine Ahnung, was sie in kritischen Momenten tun müssen.» Kamber fragt sich: «Was macht ein unbedarfter Schatten, wenn der Athlet ihm Geld anbietet, damit er während 60 Minuten wegschaut?» Die Schweizer Kontrolleure, sagt der oberste Dopingbekämpfer, würden auch in diesen Fragen geschult. Entscheidend sei die Risikoanalyse, meint Kamber. «Ein Polizeieinsatz wird auch nicht immer mit der Anti-Terror-Squad durchgeführt.» Bei Sportarten und Infrastrukturen mit hohem Risiko, Kamber erwähnt den geschlossenen Mannschaftswagen im Radsport, werde enger beschattet. «Je nach Risikoanalyse stellen wir den Athleten bei Kontrollen Chaperons zur Seite, oder wir gewähren ihnen nach dem Aufgebot maximal eine Viertelstunde, um einen Ausweis zu holen, den Trainer zu informieren oder etwas anderes zum Anziehen zu holen», sagt der 53-Jährige. Kamber zweifelt Dr. Tanks Ausführungen zwar nicht an, «nach dem heutigen Wissensstand halte ich es aber für wenig wahrscheinlich, dass manipulierter Urin im Labor nicht nachgewiesen werden kann». Kamber spricht dabei von mehreren Möglichkeiten wie vom Vergleich mit Urinprofilen früherer Kontrollen über Rückstände beim Katheterisieren bis zum DNA-Test. «Unsere Kontrolleure beobachten schon sehr aufmerksam; sie bleiben aber oft im Hintergrund und geben den Athleten womöglich das Gefühl, unbeaufsichtigt zu sein. Sollte sich ein Sportler bei der Dopingkontrolle verdächtig verhalten, kann der Kontrolleur zudem eine zweite Urinprobe anordnen.»Athleten als AufklärerEine sorgfältige Betrugsvorrichtung in Gang zu setzen, sei zwar nicht ganz auszuschliessen, betont Kamber. Das Prinzip der Dopingkontrollen könne man aber nicht in Frage stellen. Kamber findet Heuschers Vorgehen redlich: «Er macht sich Gedanken; er denkt mit, und ich kann ihn beruhigen: Unser Kontrollsystem ist vorbildlich. Häufig sieht ein Athlet gar nicht, was alles dahinter steckt, um Manipulationen vorzubeugen oder sie aufzudecken. Ich lasse mich von den Athleten aber gerne belehren, sollte irgendwo ein Schlupfloch sein.»

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